Curaçao Festival-Blog

Die Antillen in Festival-Stimmung

Wolfgang König in Curaçao

Hafen von Willemstad. © Wolfgang König für multicult.fm.

Unser Musikredakteur Wolfgang König wird sich in den nächsten Tagen von den Niederländischen Antillen melden, genauer gesagt aus Curaçao, der größten der sogenannten ABC-Inseln, zu denen außerdem Aruba und Bonaire gehören. Auf Curaçao findet am kommenden Wochenende ein Festival statt, dass internationale Stars aus Jazz, R&B und Weltmusik auf die Insel bringen wird: von George Benson und Natalie Cole über Roy Hargrove und Sierra Maestra bis zu Sergio Mendes und Richard Bona. Aber auch die lokale Szene wird sich präsentieren. Über all das wird Wolfgang König ebenso berichten wie über die Insel selber. Wir dürfen gespannt sein.

 

Sonntag, 5. September 2010

Sergio Mendes. © Wolfgang König für multicult.fm

Auch am zweiten Tag des Festivals kamen an die 15.000 Besucher ins World Trade Center von Curaçao. Den musikalischen Anfang machte Natalie Cole, nicht mit der Pop-Musik, mit der sie in den 80er Jahren bekannt wurde, sondern mit teils swingendem, teils karibisch groovendem Jazz in der Tradition ihres Vaters Nat "King" und ihres Onkels Freddie Cole. Sergio Mendes bot, was man von ihm erwarten konnte: brasilianische Klassiker, die eingängig arrangiert waren, ohne flach zu sein, natürlich mit den drei Sängerinnen, die den typischen Sound erzeugten, der zu Sergio Mendes gehört wie die Trompeten zu Herb Alperts Tijuana Brass.

Giovanca.
© Wolfgang König für multicult.fm

Für Jazzpuristen gab es ein Konzert mit dem Quintett des Star-Trompeters Roy Hargrove, der auch zu den eifrigsten Akteuren der nächtlichen Jam-Sessions im Renaissance Hotel zählte. Und wer sich für Musik aus Curaçao selbst interessierte, wurde ebenfalls bedient. Die Gruppe Mulato ist eine der populärsten Bands der Insel mit einer Mixtur aus Salsa, Zouk und Soul, kombiniert mit einheimischen Rhythmen. Auf ähnlichen Pfaden, ergänzt um eine Prise Hiphop, bewegt sich die junge Sängerin Giovanca, die in Holland als Kind curaçaischer Eltern zur Welt kam und sich sowohl in Europa als auch auf der Insel musikalisch und emotional zu Hause fühlt.

Hart groovenden Latin Funk bot die Band Grupo Fantasma aus der texanischen Hauptstadt Austin. Die Musiker aus den USA, Mexiko und Nicaragua haben einen ganz eigenen Sound entwickelt mit Elementen von Carlos Santana, James Brown, Tito Puente, kolumbianischer Cumbia und der Musik der texanisch-mexikanischen Grenzregion. Ihre jüngste CD ist auch in bei uns erschienen, und eine Tour durch verschiedene deutsche Städte ist in Vorbereitung.

Als einzigen afrikanischen Musiker präsentierte das Festival den genialen kamerunischen Bassisten und Sänger Richard Bona, dessen Konzert mich wieder einmal schlicht sprachlos machte. Für Fans gut produzierter Popmusik gab es zum Festivalabschluss einen Auftritt, der Gruppe Simply Red, die sich nach 25 Jahren gemeinsamer Arbeit nun auf ihrer Abschieds-Tournee befindet.

In seiner Bilanz betonte das Festival-Team, dass sich die in das Event gesetzten Erwartungen voll und ganz erfüllt hätten. Darum wird es auch Anfang September 2011 wieder ein North Sea Jazz Festival in Curaçao geben. Dann vielleicht mit einer multicult.fm-Hörerreise?

 

Samstag, 4. September 2010

Am Freitag verwandelte sich das World Trade Center von Curaçaos Hauptstadt Willemstad in ein grosses Festivalgelände mit einem Konzertsaal und zwei Open Air-Bühnen. An die 15.000 Besucher waren gekommen, auch nach Sonnenuntergang waren es noch fast 30 Grad, und um 19.45 begann das erste Curaçao North Sea Jazz Festival mit einer lebenden Legende der kubanischen Musik, der seit dreieinhalb Jahrzehnten existierenden Son-Superband Sierra Maestra.

La India. © Wolfgang König für multicult.fm
George Benson. © Wolfgang König für multicult.fm

Und gleich zwei weitere Koryphäen der Latin Music präsentierten sich am selben Abend: die New Yorker Salsa-Queen India, eine Patentochter der großen Celia Cruz, mit einem hochkarätigen Orchester und der nikaraguanische Latin Pop-Star Luis Enrique. Raúl Midón, der aus New Mexico stammende blinde Gitarrist und Sänger, demonstrierte erneut seine geradezu unglaubliche Virtuosität.

Publikumsrenner waren die R&B-Veteranen Lionel Ritchie und George Benson, wobei Letzterer hin und wieder auch seine Qualitäten als exzellenter Jazz-Gitarrist unter Beweis stellte. Überhaupt kamen natürlich auch Liebhaber von "echtem" Jazz auf ihre Kosten, außer bei George Benson vor allem bei zwei Pianisten. Michel Camilo aus der Dominikanischen Republik, der dem begeisterten Publikum erzählte, er kenne Curaçao weil er mit seiner Frau die Flitterwochen auf der Insel verbracht hätte, brannte mit seinem Trio ein wahres Latin Jazz-Feuerwerk ab. Noch einen drauf setzte dann der aus Curaçao stammende Randal Corsen mit einer internationalen All Star-Band, zu der der Trompeter Roy Hargrove aus den USA ebenso gehörte wie der puertoricanische Saxofonist David Sanchez (ein musikalischer Ziehsohn von Dizzy Gillespie), der exzellente kubanische Drummer Horacio "El Negro" Hernandez und der Perkussionist Pernell Saturnino, der wie Randal Corsen von der Insel stammt und nach Jahren in den USA wieder in die Heimat zurückgekehrt ist, wo er inzwischen u.a. eine Percussion-Akademie leitet.

Bei der anschließenden Jam Session im Renaissance Hotel in Willemstads Innenstadt-Bezirk Otrabanda, die bis 5.00 morgens dauerte,  konnte man viele der Musiker noch einmal in ungezwungener Atmosphäre erleben.

 

Freitag, 3. September 2010

Nach neuneinhalb Stunden landet die Maschine aus Amsterdam auf dem internationalen Flughafen von Curacao, der größten unter den sogenannten ABC-Inseln. Wie Aruba und Bonaire war auch Curacao ursprünglich spanisch und wurde 1634 durch die Holländer gekauft, die hier, etwa 60 Kilometer vor der venezolanischen Küste, den Hauptumschlagplatz für ihren florierenden Sklavenhandel einrichteten.

© Wolfgang König für multicult.fm

Heute ist das historische Zentrum von Curacaos Metropole Willemstad neben den Altstädten von Havanna/Cuba, San Juan/Puerto Rico und Santo Domingo/Dom. Rep. der einzige Ort in der Karibik, der zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Dem Völkergemisch auf der Insel - Holländer, Afromamerikaner, Venezolaner, Haitianer, Cubaner, Jamaicaner etc. - entspricht die Vielfalt der verwendeten Sprachen. Amtssprache ist Niederländisch, aber die meisten Insulaner beherrschen auch Spanisch und Englisch und natürlich die Umgangssprache Papiamentu, eine Art simplifiziertes Spanisch mit niederländischen, portugiesischen und afrikanischen Elementen und Wörtern aus der Sprache der Arawak- Indianer, die hier ursprünglich lebten.

Als ehemalige niederländische Kolonie wird Curacao von Amsterdam regiert, allerdings nur in bestimmten Belangen wie Außenpolitik und Verteidigung. Nach innen verfügt die Insel über einen hohen Grad an Autonomie einschließlich einer eigenen Währung, dem Antillen-Gulden, der nicht an den Euro gekoppelt ist, sondern an den US-Dollar. Curacaos Wirtschaft ruht auf drei Säulen: dem Offshore-Banking, der Verarbeitung von Rohöl aus Venezuela und dem Tourismus. Der erlebt Anfang September eigentlich sein Jahrestief, und genau darum entstand die Idee, mit einem Musikfestival zusätzliche Besucher auf die Insel zu locken. In Kooperation mit dem legendären North Sea Jazz Festival in Rotterdam wurde das 1. Curacao North Sea Jazz Festival aus der Taufe gehoben. Und der Plan hat funktioniert: Die Insel ist voll mit Touristen, die hier Megastars aus Jazz, Soul und Weltmusik live erleben wollen, Acts wie Roy Hargrove, George Benson, Sergio Mendes, Sierra Maestra oder Richard Bona. Und natürlich ist auch die lokale Szene der Insel präsent. Mehr dazu im nächsten Bericht.