CD der Woche

Die multicult.fm "CD der Woche" wird montags bis donnerstags im morgen:magazin zwischen 7 und 9 Uhr von unseren MusikredakteurInnen mit einzelnen ausgewählten Songs vorgestellt. Dazu gibt es regelmäßig Fragen, für deren richtige Beantwortung unsere Hörer die CD auch gewinnen können!
 

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CD der Woche vom 15. bis zum 21. September 2014

Dolus Mutombo - Long Journey

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Dolus Mutombo wurde 1976 in Zaire geboren und wuchs in Kinshasa auf. Auf einer selbstgebauten Gitarre brachte sich der zehnjährige Dolus die ersten Gitarrenriffs selbst bei, lernte Schlagzeug und E-Bass und begann, eigene Songs zu komponieren und zu arrangieren. In der lokalen Gospelszene galt er bald als "Maestro", schon als Teenager trat er in Stadien auf. 2002 ging er ins südafrikanische Kapstadt, wo er mit renommierten Künstlern wie Afro Fiesta, Freshly Ground und Sylvestre Kabassidi zusammenarbeitete. Seit 2010 lebt Motumbo mit seiner Familie in Deutschland.

Mit seinem Album "Long Journey" erfüllt sich der Multiinstrumentalist Mutombo einen langersehnten Traum. Die 14 Songs des Albums hat er in Eigenregie produziert und im Februar 2014 mit dem französischen Produzententeam Roy de Rats und der Unterstützung lokaler Künstler in Leipzig aufgenommen. Das Ergebnis ist ein bunter musikalischer Cocktail zwischen Afropop, Folk, Reggae, Blues und Kinshasa-Soul. Mit Charme und Humor erzählt Mutombo auf Englisch, Französisch, Swahili und Lingala Geschichten aus seiner erfahrungsreichen Vita, läßt sein Publikum teilhaben an seinen Erinnerungen, seinen Sehnsüchten und seiner Lebensfreude und nimmt es mit auf eine Reise durch Afrika und den Rest der Welt.

(Autor: Clemens Grün)

CD der Woche vom 30. Juni bis zum 06. Juli 2014 | EAN 0888430663220 Okeh / Sony Music 2014

Sérgio Mendes - Magic

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Der Sänger, Pianist und Produzent Sérgio Mendes ist seit fünf Jahrzehnten eine feste Größe in der Musikwelt und einer der erfolgreichsten Künstler Brasiliens überhaupt. Auf seinem neuem Album "Magic", das er in Salvador de Bahia und Los Angeles eingespielt hat, geben sich Freunde und Gäste wie John Legend, Will.I.Am oder Milton Nascimiento die Klinke in die Hand. Seine 73 Jahre hört man dem dreifachen Grammy-Gewinner nicht an, seine einst als "transkontinentaler Afro-Groove" charakterisierte Musik ist stets auf der Höhe der Zeit. Als gelernter Jazzmusiker, der nie seine Wurzeln im brasilianischen Folk verleugnet und dazu in diversen Spielarten der internationalen Populärmusik wildert, ist er ein geradezu prototypischer Protagonist der Weltmusik.

Eine Hommage an den Weltfußball darf in diesen Tagen natürlich nicht fehlen: Die schwungvolle, mit Streichern und Backgroundchor unterlegte Sambanummer "One Nation", einer von zwei Songs mit dem brasilanischen Soullegende Carlinhos Brown, ist auch auf dem offiziellen FIFA-Sampler zur Fußball-WM erschienen. Ihr zweiter gemeinsamer Song, das von funkigen Bläsern befeuerte "Simbora" und "Meu Rio" mit der stimmgewaltigen brasilianischen Newcomerin Maria Gadu gehören zu den Highlights des Albums.

Mendes' Gattin Gracinha Leporace, einst in den 70er Jahren ein Star, ist mit den zeitgemäßen Música-Popular-Songs "Hidden Waters" und "When I Fall In Love" sowie "Samba de Roda", einem eingängigen Duett mit der aus der brasilianischen Version von "The Voice" bekannten Aila Menezes, gleich dreimal vertreten. Milton Nascimento, eine der prägenden Vertreter des brasilianischen Pop und nur ein Jahr jünger als Mendes, leiht "Olha a Rua" seine Stimme. Bossa-Rhythmen verleihen dem jazzigen "Sou Eu" mit Seu Jorge und der Soulballade "Don't Say Goodbye" mit John Legend den nötigen Schwung und die für Mendes typische Leichtigkeit, die ihm den Ruf einbrachte, der "brasilianische James Last" zu sein.

Black-Eyed-Peas-Sänger Will.i.am, der gemeinsam mit Mendes und einer Neuauflage des Jorge-Ben-Klassikers "Mas que Nada" 2006 - 40 Jahre nach "Sérgio Mendes & Brasil '66" - erneut einen Welthit landete, ist mit einer karnevalesk angehauchten R'n'B-Nummer ("My My My My Love") verteten. Ana Carolina singt ihre Caipirinha-süße Ballade "Atlantica" im Duett mit Mika Muttis Mundharmonika. Der Titelsong "Magic" schliesslich entspannt als einziger Instrumentalsong des Albums mit Scott Mayos sinnlichem Saxofon und verführerischem Backgroundchor und klingt wie eine Hommage an Mendes' Kollegen Franco Godi, dessen Weltruhm auf dessen Italo-Bossa-Soundtrack der Zeichentrickserie "Herr Rossi sucht sein Glück" beruht.

Sérgio Mendes versiertes Piano und sein federleichter Querschnitt durch drei Generationen brasilianischer Populärmusik sind am kommenden Montag, den 7. Juli im Rahmen der "Copa da Cultura" im Haus der Kulturen der Welt live zu erleben.

(Autor: Clemens Grün)

CD der Woche vom 23. bis zum 29. Juni 2014 | EAN 4250727800575 Flowfish Records 2014

Kali Mutsa - Souvenance

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Celine Reymond, die Sängerin mit dem Quietscheentchen in der Stimme, stellt ihr erstes komplettes Studioalbum vor. Gemeinsam mit ihrer Band Kali Mutsa hat sie sich in ihrer chilenischen Heimat bislang vor allem als Livekünstlerin einen Namen gemacht - als Zeremonienmeisterin fulminanter Bühnenshows, die an spirituelle Rituale erinnern. Gerne spielen die Künstler barfuß, mit Masken oder in traditionellen Gewändern.

Gegründet hat die chilenisch-französische Schauspielerin die Band gemeinsam mit dem Produzenten und Keyborder Cristobal Montes. Kali Mutsa war der Legende nach vor hundert Jahren eine mystische Sängerin in Chile. In ihren Songs treffen Tuba, Geige, Klarinette, diverses Schlagwerk und traditionelle indische Instrumente auf Soundschnipsel - etwa von tropfendem Wasser - elektronische und Retro-Disco-Beats. Das Ergebnis ist ein explosiver Mix irgendwo zwischen Gipsy, Elektro und Bollywood, der in keine gängige musikalische Schublade passt.

Der Albumtitel "Souvenance" geht auf einen Voodoo-Pilgerort auf Haiti zurück. Übersetzt heisst das französische Wort Erinnerung. Der rote Faden der Geschichten, die Kali Mutsa in ihren farbenfrohen Videos und ihren Songs auf Spanisch und Romanes, der Sprache der Sinti, erzählen, ist eine sehr persönliche Retrospektive der Künstlerin. Das Klanggebäude wirkt dabei zugleich surreal und authentisch. Mit ihren vielschichtigen Verweisen auf uralte Kulturen schlägt diese elektronische Tanzmusik eine Brücke zwischen Tradition und Moderne und entführt ihre staunenden Rezipienten auf eine Reise in einen völlig anderen Kosmos.

Das Berliner Record-Release-Konzert von Kali Mutsa findet am 2. Juli im Badehaus Szimpla statt.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 16. bis zum 22. Juni 2014 | EAN 4250727800568 Flowfish Records 2014

Los de Abajo - Mariachi Beat

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Mit ihrer mittlerweile 22jährigen Bandgeschichte gehören Los de Abajo längst zu den Urgesteinen der Latino-Szene. 1992 von Studenten in Mexiko-Stadt gegründet, erfanden die vier Gründungsmitglieder gleich mal ein neues musikalisches Genre: Salsa-Punk, gemischt mit Rock, Ska und Reggae. Diesen Stilmix hat das bald zehnköpfige Ensemble um den Gitarristen Vladimir Garnica und den Schlagzeuger und Prodzenten Yocupitzio Arellano über zwei Dekaden verfeinert und auf unzähligen Livegigs rund um den Globus erprobt.

Von David Byrne, Ex-Bandleader der Talking Heads, wurden Los de Abajo Ende der 1990er Jahre für den internationalen Markt entdeckt, und später auch von Peter Gabriel produziert. Auf ihrem inzwischen achten Album "Mariachi Beat" hat sich der Sound der Band noch einmal weiterentwickelt. Neue Elemente sind insbesondere Cumbia und Balkan Beats, die wie gewohnt mit rasanten Bläsersätzen, rockigen Gitarren, Latin Percussion und - auf diesem Album sehr präsenten - traditionellen mexikanischen Sounds und Melodien vermischt werden.

Letzteres ist auch Tania Melo zu verdanken, einer jungen Schauspielerin aus Guadalajara, die den Part der Texterin und Leadsängerin übernahm, als die langjährige Stimme und Posaunistin Odisea Valenzuela sich vor drei Jahren in die Babypause verabschiedete. Sich in einer männlich dominierten Umwelt durchzusetzen, hat die mit drei Brüdern aufgewachsene Melo von der Pieke auf gelernt, und diese Frauenpower vermittelt sie auch auf der Bühne und in ironisch-kämpferischen Songs wie "Mujer Guerrera".

Ohnehin verstanden sich Los de Abajo - "die von unten" - immer als politische Band, die soziale Missstände anprangert oder ihre Sympathie für die mexikanische Zapatisten-Bewegung bekundete. Dass sie diesen Anspruch treu geblieben sind, beweisen auf ihrem neuen Album Songs wie die mit Mariachi-Violinen befeuerte Cumbia "Mexican Underdogs" oder das folkoristische Klagelied "Cicatrices" ("Wunden"). Selbst eine Hymne auf verlassene Liebhaber wie "Me dejó" klingt mit ihren treibenden Merengue-Beats bei Los de Abajo alles andere als verzagt, sondern fröhlich-kämpferisch.

Zu Berlin hat die Band seit ihrem Auftritt auf dem Heimatklänge-Festival 1999 eine besondere Beziehung. Der erste Bassist der Band lebt seit vielen Jahren hier, und bei ihrem jüngsten Auftritt im Berliner Badehaus tummelten sich reihenweise altbekannte Freunde als Gastmusiker auf der Bühne, darunter die vom "Actitud Calle"-Album vertrauten MC Aztek 732 und die argentinische Highspeed-Rapperin Actitud María Marta. Nicht zuletzt ist der "Mariachi Beat" bei dem kleinen, aber feinen Berliner Label Flowfish erschienen, das unlängst einen sagenhaften Erfolg mit den kolumbianischen Newcomern Monsieur Periné feierte.

Als Plattform für zukünftige Projekte bietet sich das deutsche Eldorado der Kreativen da geradezu an - und genau das haben die Künstler in nicht allzu ferner Zukunft auch fest eingeplant. So werden wir Los de Abajo nach ihrem Auftritt auf dem Fusion-Festival am 26. Juni schon bald wieder in Berlin begrüssen dürfen.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 09. bis zum 15. Juni 2014 | EAN 5060205154767 Tru Thoughts 2014

Quantic - Magnetica

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Musik ist Will Hollands Lebenselixier - anders ist die Produktivität des in Kolumbien lebenden Engländers kaum zu erklären. Seit 2001 produziert der vor allem unter dem Künstlernamen Quantic bekannte Musiker jährlich mindestens ein neues Album. So ist "Magnetica" bereits seine fünfzehnte Veröffentlichung. Die Musik ist Holland in die Wiege gelegt, in seinem Elternhaus wurde von jeher gesungen und auf unzähligen Instrumenten musiziert. Das Schlafzimmer des jungen Will verwandelte sich bald in ein Tonstudio, in dem er nicht nur mit Gitarre, Bass, Kontrabass, Klavier, Orgel, Perkussion und Saxophon experimentierte, sondern auch mit elektronischen Sounds.

Nach ersten Erfolgen mit dem "Quantic Soul Orchestra" und dem DJ-Projekt "The Limp Twins" wurde Hollands gemeinsam mit dem New Yorker Kollegen Nickodemus produzierter Song "Mi Swing Es Tropical" 2005 zum Latin-Hit, nachdem er in einem Apple-Werbespot Verwendung fand. Sein Umzug nach Kolumbien läutete zwei Jahre später eine neue Schaffensphase ein und erweiterte seinen Stil um neue Facetten wie Cumbia, Reggae oder Salsa. "Magnetica" ist ein organisch arrangierter Mix aus all seinen Erfahrungen in verschiedenen Genres. Die Grundlage bildet seine Affinität zu elektronischer Musik: Loops, eingängige Basslinien und clubtaugliche Beats. Dazu kommen eine Vielzahl von Instrumenten, darunter Geige (Miguel Altwood Ferguson), Banjo und Akkordeon (Anibal Velasquez).

Die hochkarätigen Gäste kennt Quantic zum Teil schon aus vorherigen Projekten. Sein Labelmate Alice Russel verleiht "You Will Return" ihre ausdrucksstarke Soulstimme. Dereb the Ambassador betätigt sich als Sänger und Texter von "Arada" im Dialekt seiner Heimatregion, dem äthiopischen Amhara. Shinehead bereichert das Album um den lebendigen Reggeatitel "Spark it", der mit seinen Bläsersätzen und elektronischen Spielereien ein wenig an Seeed erinnert - mit tropischem Flavour. Mit der 1970 gegründeten Salsacomo Fruko und Michi Sarmiento, dem Godfather der Ondatrópica, vereint "Descarga Cuántica" zwei Legenden der kolumbianischen Musik.

Der jungen angolanischen Rapperin Pongo Love ("Duvido", portugiesisch für "Zweifel") hört man ihre musikalischen Ursprünge in der Lissaboner Kuduro-Formation "Buraka Som Sistema" an, deren Song "Kalemba" nicht zuletzt durch das Computerspiel "FIFA 10" Bekanntheit erlangte, und die auch den Stil des aus Sri Lanka stammenden Shootingstars M.I.A. prägte, einer der frühen Gastkünstlerinnen des Projekts. Der angolanische Name "Kuduro" bedeutet auf Deutsch so viel wie "harter Arsch" und bezeichnet eine Mischung aus Sprechgesang, lokalen Slangs, elektronischen Beats und Elementen traditioneller afrikanischer Musik.

Unter den beiden Instrumentalsongs des Albums findet sich mit "Sol Clap" auch das unwiderstehliche Electrocumbia-Duell einer Mariachi-Trompete mit einer tanzenden andinen Flöte - gewissermassen eine pointierte Zusammenfassung des kulturellen Schmelztigels Kolumbien. Zu den Highlights des Albums gehören aber zweifelsohne zwei Songs mit der kolumbianischen Sängerin Nidia Gongora aus der Cauca-Region an der kolumbianischen Pazifikküste, darunter mit "La Plata" ein veritables Motto für die weltweite Protestbewegung der Globalisierungsverlierer, deren ironisch-kämpferischer Refrain "Damé mi plata!" ("Gib mir mein Geld!"), spätestens nach J.L.'s Absage der Eröffnungsfeier, auch bestens als alternative Hymne der Fußball-WM taugen würde.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 26. Mai bis zum 01. Juni 2014 | EAN 0673790030764 Jakarta Records 2014

Blitz The Ambassador - Afropolitan Dreams

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Sprachrohr von Minderheiten und Plattform sozialen Protestes, Texte mit Botschaft und Street Credibility - der HipHop hat sein Gangster-Image abgelegt und ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt. Auch in der Weltmusik-Szene, wo er lange nur ein Schattendasein fristete, ist er damit längst salonfähig geworden. Daran hat auch Samuel Bazawule, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Blitz The Ambassador, seinen Anteil. Und das ist kein Zufall, denn nicht weniger, als den "HipHop als globales Phänomen" zu etablieren, versteht er als seine Mission.

Kurz nach der Jahrtausendwende siedelte Bazawule von seiner ghanaischen Heimat nach Brooklyn um. Neben seinem Marketing-Studium betätigte er sich als Werbegraphiker, Filmemacher und von Anfang an auch als Musiker. Als solcher in Big Apple Fuß zu fassen, war allerdings alles andere als leicht: Der Szene schien er nicht "hiphop" genug, für Weltmusik war er "zu wenig afrikanisch". Nachdem er bei den grossen Labels abblitzte, produzierte er seine ersten beiden EPs "Soul Rebel" (2004) und "Double Consciousness" (2005) selbst, etablierte sich als Independent-Live-Act und Sidekick von Stars wie Mos Def oder Snoop Dogg.

Die "Afropolitan Dreams", sein mittlerweile drittes Studioalbum, bewegen sich in einer (Traum-)Welt zwischen Afrika und Amerika. Eine typische Migrantengeschichte und zugleich die ganz persönliche von Samuel Bazawule. Mit warmer Stimme und subtiler Poesie erzählt er auf Englisch und Französisch von seinem Heimweh oder den harten Anfängen in der New Yorker Rapszene. Seine Affinität zu Film und Hörspiel zeigt sich im athmosphärisch dichten Einsatz authentischer Sounds wie U-Bahnlärm und pointierten Szenen wie dem Gespräch in einer der Einwanderungsbehörde oder der Voicemail eines Schuldeneintreibers.

Gemeinsam mit den Bläsern und Gitarren seiner Band The Mighty Embassy Ensemble und der (teilweise von Blitz selbst gespielten) Perkussion vereint "Afropolitan Dreams" verschiedenste musikalische Einflüsse zu einem organischen Mix: New Yorker Boom Bap, lässiger Jazz und eleganter Funk treffen auf westafrikanische Trommeln, Afrobeat und ghanaischen Highlife. Hinzu kommen hochkarätige Gäste wie die beninische Afropop-Ikone Angelique Kidjo, Afrobeat-Legende Seun Kuti oder die in Hamburg lebende, nigerianische Sängerin Nneka. Stellvertretend für eine neue Generation Afrikaner entwirft Blitz The Ambassador das Ideal eines "Afropoliten", der am modernen Leben unterschiedlicher Kulturen teilnimmt, sich dabei aber immer seiner Wurzeln bewusst bleibt.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 19. bis zum 25. Mai 2014 | EAN 4260075860893 Jazzhaus Records

Lariba - Walking Pa'Lante

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Die diversen Traditionen der Latinmusic treiben gerade auch fernab von Lateinamerika oder Spanien an vielen, teils kuriosen Orten ihre farbenprächtigsten, mitunter entsprechend kuriosen Blüten. Die Band Salsa Celtica etwa frönt von Schottland aus ihrer sehr eigenen, von keltischer Musik beeinflussten Afro-Latin-Mixtur. Und auch die Schweiz hat nicht nur Alphorn und Jodeln auf dem "Kerbholz", sondern ist offenbar auch ein gutes Biotop für Latino-Musiker.

Das Züricher Septett Lariba zelebriert auf nunmehr zwei Alben seine sehr raffinierte, in gute Laune, nicht zuletzt Tanzlust versetzende Musik. Deren Zutaten sind u.a. Salsa bzw. deren kubanische Timba-Variante, Funk, Soul und HipHop und Reggae, Jazz, Samba u.a. Brasil-Sounds, Old-School-Rock, Merengue sowie diesmal sogar Flamenco. Gesungen oder/und gerappt wird auf Spanisch, Italienisch, Portugiesisch, Englisch oder Schweizerdeutsch - von drei Mitgliedern dieser Multikulti-Crew.

Musikalisch und termperamentsmäßig hat Kuba bei Lariba die Nase hörbar vorn. Bisweilen fühlt man sich gar erinnert an die Orishas in ihren besten, originelleren (Anfangs-)Zeiten oder aber an die New Yorker Latinband Yerba Buena. Nicht von ungefähr, denn auch personell ist Lariba von Kubanern domniert, vier der sieben Musiker sind von der Insel: Der Bassist und hauptsächliche Songschreiber der Band Alcides Toirac; der kraftstrotzende Drummer Juan Carlos Abreu, der lediglich der Zahl seiner Lebensjahre nach fast Rentner sein könnte...; Tastenmann Carlitos Irarragorri sowie Trompeter Amik Guerra. Auch der Schweizer Perkussionist und Bandleader David Stauffacher verbrachte längere Zeit auf Kuba und ist daher u.v.a. auch von der dortigen Musik infiziert. Desweiteren prägen den Lariba-Sound maßgeblich der italoarmenischstämmige Rapper Roberto Haçaturyan und die Züricher Carioca (und "tapfere" Quotenfrau der Band..) Simone Santos am Gesangsmikro.

Das neue Album mit dem optimistischen, lebensbejahenden Titel "Walking Pa'Lante" (Vorwärts gehen) führt den auf "Como Lo Ves" (Ventilador / Galileo MC. 2009) eingeschlagenen Weg konsequent fort. Erweitert wurde die Stilpalette diesmal u.a. um den Flamenco, für den in zwei Tracks die Flamenco-Gitarristen Pepe Justicia aus Andalusien sowie der Wahl-Berliner Christophe Bersier aus Lausanne gewonnen werden konnten.

Das musikalische Patent von Lariba mag sich für manchen womöglich wie ein beliebiges "anything goes" lesen, erweist sich in der Praxis allerdings als gekonnt gebündelter, mit vielen Breaks und Überraschungen aufwartender, eleganter Mix aus Rhythmen, Stilen und Stimmungen, zu dem jeder der versierten Bandmitglieder sein Wissen und Temperament beiträgt.

Hoffen wir nun schwer, all dies demnächst auch live erleben zu können, noch sind jedoch leider keine Live-Termine von Lariba in unseren Breiten in Sicht.

(Autorin: Katrin Wilke)

Lariba im Web

CD der Woche vom 12. bis zum 18. Mai 2014 | EAN 5054196117627 Warner 2014

Raphael Gualazzi - Happy Mistake (Deluxe Edition)

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Neoswing liegt im Trend, und einer seiner profiliertesten Vertreter ist Raphael Gualazzi. Das liegt vor allem daran, dass sich der 32jährige Sänger und Pianist aus der beschaulichen Bischofsresidenz Urbino südlich von San Marino schon seit seiner Jugend der musikalischen Popkultur der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts widmet, und das mit soviel Leidenschaft, Fleiß und Talent, dass ihm Ragtime, Charleston oder Stride Piano längst in Fleisch und Blut übergegangen sind. Mit dem Titel "Follia d'amore" ("Liebeswahn") gewann er 2011 erst den Newcomer-Preis von Italiens wichtigstem Musikwettbewerb in Sanremo und eroberte dann die Herzen eines Millionenpublikums auf dem Eurovision Song Contest in Düsseldorf.

Dabei sorgte er - nach dreizehnjähriger Abwesenheit - nicht nur für die fulminante Rückkehr Italiens auf die Bühne von Europas größtem Song-Wettbewerb, sondern markierte auch eine Wegmarke im Prozess des Image- und Bedeutungswandels, den das lange als Trash-Happening belächelte Event seit wenigen Jahren erlebt. Eine ähnlich gefühlvolle und zugleich technisch brilliante Performance war dort selten zu sehen gewesen, und erstaunlicherweise erwies sich diese Mischung als absolut massentauglich: Nie zuvor in der Geschichte des Song Contest war eine Jazznummer auf dem zweiten Platz gelandet.

Mit seinem dritten Studioalbum präsentiert Gualazzi uns nun die ganze Bandbreite seines Könnens und seiner Kreativität. Mit vielseitiger Stimme und virtuosem Piano entführt er uns auf eine Reise, quer durch alle musikalischen Genres und Epochen, von den Ursprüngen des Jazz zu moderner Popmusik, und scheint dabei jeder selbstgewählten Herausforderung gewachsen. Gemeinsam mit der Nouvelle-Vague-Sängerin Camille ("L'amie d'un Italien") entsteht ein mitreissend kabaretteskes Swing-Duett, Verdis Arie "Questa O Quella Per Me Pari Sono" wird verjazzt, ein Ausflug nach Cuba unternommen ("Mambo Soul"), oder es werden die Wurzeln von Jacques Brels Chanson im traditionellen italienischen Liedgut ausgelotet.

Angesichts der weitgehend handgemachten, stets stil- und rhythmussicher mit Schlagzeug und Bläsersätzen arrangierten Produktion, werden Songs wie die zeitgemäße Soulballade "Seventy Days of Love" fast durchgehend von Gualazzis Fertigkeiten am Klavier und seiner samtweichen, über mehrere Oktaven reichenden Stimme getragen. Mit dem treibenden Rock'n'Roll-Cover "Svalutation" beweist er, dass er selbst den Vergleich mit einer charismatisch knarzenden Legende wie Adriano Celentano nicht zu scheuen braucht. Und auch das gesellschaftskritische Metier beherrscht der stets charmant und bescheiden auftretende Künstler: Der von Amnesty International prämierte Uptempo-Canzone "Senza Ritegno" ist eine flammende Abrechnung mit dem Rassismus in der italienischen Gesellschaft.

"Happy Mistake" ist ein vielseitiges, fröhliches und vor Leben sprudelndes Album. Hier verbinden sich Talent und handwerkliches Geschick eines empathischen Liebhabers von Musik, die für ihn seit frühester Kindheit allgegenwärtig war. Gualazzis Mission ist, die grosse Zeit des Jazz zu neuem Leben zu erwecken, und das nicht als Steckenpferd elitärer Zirkel, sondern als prägendem Element globaler Popkultur seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert. In der Musik, sagt Gualazzi im Interview mit multicult.fm, gehe es immer darum, starke, gleichsam universale Gefühle mit einer simplen Melodie auszudrücken, die Menschen mit ansteckenden Rhythmen zum Tanzen zu bringen und sie spielerisch zu inspirieren, ihre Freiheit und Individualität auszuleben.

Seine Konzerte seien wie eine "große Party" mit dem Ziel, gemeinsam Spaß zu haben und die Schönheit des Lebens zu teilen und zu zelebrieren. Es gehe um Einfachheit, Intensität und Authentizität, kurz: um Liebe. In dem Song "Welcome to My Hell" nimmt Gualazzi seine Zuhörer mit auf eine "mythische Reise" im Country-Folk-Rhythmus, federleicht untermalt vom Doo-Wop-Gesangsarrangement der Puppini Sisters. Die Magie der Musik lässt alle Probleme verschwinden. In diese Hölle lassen wir uns gerne entführen.

Am 14.Mai stellt Raphael Gualazzi sein Album "Happy Mistake" im Berliner Babylon vor. Tanzschuhe nicht vergessen!

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 05. bis zum 11. Mai 2014 | EAN 5413820000313 Contre Jour 2014

Dobet Gnahoré - Na Drê

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Gerade einmal 30 Jahre alt ist die ivorische Sängerin Dobet Gnahoré und gilt doch schon als Ikone der afrikanischen Musik. Für diese Rolle scheint sie prädestiniert, denn wer Dobet Gnahoré einmal auf der Bühne erlebt hat, versteht sofort: Diese Künstlerin hat eine Botschaft, und die verkörpert sie mit jeder Faser ihres Körpers. In diesem Körper spiegeln sich Licht und Schatten, die Stärke und die Verwundbarkeit, der Schmerz und der Stolz eines ganzen Kontinents. Der zweite, gleichsam universale Fixpunkt der von Gnahoré verkörperten Bühnenfigur ist die Rolle der Frau in all ihren Facetten: als fürsorgliche Mutter, als Hüterin des Heiligen Grals der Verbundenheit mit der Natur und der eigenen Identität und als moderne, selbstbestimmte Akteurin ihres eigenen Schicksals.

Was den expressiven Einsatz von Körper und farbenfrohen Kostümen betrifft, erinnert Dobet Gnahoré an Watcha-Clan-Sängerin Sista K. Ihre bloße Erscheinung auf der Bühne scheint Berge versetzen zu können. Hier steht nicht einfach eine überaus talentierte Sängerin, sondern eine Magierin mit transzedentalen Fähigkeiten, die uns zu beschwören, zu verzaubern und in ihre ganz eigene Welt zu entführen vermag. Die Musik ist Gnahoré in die Wiege gelegt. Ihr Vater, der Perkussionist Boni Gnahoré, weckte in ihr früh das Bewusstsein und die Faszination für die Traditionen der Bété. Schon im zarten Alter von zwölf Jahren übte sie sich in der Künstlerkommune Ki-Yi in Gesang, Tanz und handwerklichen Tätigkeiten wie dem Töpfern und dem Schneidern. Jede Art, sich auszudrücken, war ihr willkommen. Vor allem aber wollte sie singen, und das nicht zuletzt in den traditionellen Sprachen Afrikas - fernab vom Französischen das in der Schule gelehrt wurde.

Tatsächlich findet man auch auf dem mittlerweile vierten Studioalbum Gnahorés viele landestypische Dialekte: das senegalesische Wolof, Maliké aus Mali, Dida und Bété. Damit vereinnahmt Gnahoré, die für die englische Version ihres Titels "Palea" schon 2010 ihren ersten Grammy gewann, gleichsam einen ganzen Kontinent für sich - so wie es vor ihr schon Miriam Makeba oder Angelique Kidjo getan haben, um nur zwei jener kosmopolitischen Diven zu nennen, die nicht nur den Afropop, sondern das Bild Afrikas in der Welt geprägt haben und dies noch heute tun. Dahinter steht auch die Idee einer gemeinsamen Identität aller Afrikaner und der panafrikanische Traum von einem Kontinent ohne Grenzen wider der von den europäischen Kolonialmächten oktroyierten politischen Realität.

"Na Drê" - "mein Herz" heisst das Album, und eine Herzensangelegenheit sind Gnahoré nicht nur die von ihr beschriebenen Frauenschicksale und gesellschaftskritischen Themen wie häusliche Gewalt, Zwangsheirat oder Tod im Kindbett, sondern auch die musikalische Umsetzung ihrer Kompositionen und Texte. Die schrieb sie alle selbst und gab dann jedem Mitglied ihrer Band drei Songs, um diese zu arrangieren. Auf diese eigenwillige Art entstehen sehr lebendige, vielseitige Kompositionen mit Elementen aus HipHop und Jazz. Mal sind es Streicher, mal ein Saxophon, ein Klavier oder eine Flöte, die die ausdrucksstarke Stimme der charismatischen Sängerin umspielen. Die gekonnte Kombination von Gitarren-Riffs und Pop-Melodien mit traditionellen afrikanischen Rhythmen und den Genre-typischen Background-Chören wirkt jederzeit authentisch und schlägt dabei zugleich eine Brücke zwischen Afrika und Europa. Dobet Gnahoré versteht es auf brillante Weise, todernste Themen in eingängige Melodien zu verpacken, ihre Zuhörer zu berühren und zu einer Auseinandersetzung mit jenen Inhalten anzuregen, die ihr so sehr am Herzen liegen.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 28. April bis zum 04. Mai 2014 | EAN 4260312210368 GMO - The Label

Rotfront - 17 Deutsche Tänze

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Kurz nach der Jahrtausendwende war die Gegend zwischen Schönhauser Allee und Oranienburger Strasse tatsächlich einmal die hippste Ecke der Stadt. Auf der Suche nach einer richtig guten Sause mit speziellem Berliner Flair, auf der man bis in die Puppen feiern konnte, war man hier an jedem beliebigen Wochentag bestens aufgehoben. Daran hatte die vom späteren Bestsellerautor Wladimir Kaminer und Yuriy Gurzhy initiierte, längst legendäre Russendisko im Kaffee Burger, mit der sich die ehemalige Mauerstadt auch subkulturell als neues Tor nach Osteuropa profilierte, einen nicht zu unterschätzenden Anteil.

Ein Kind dieser Zeit ist das 2003 von Gurzhy, gemeinsam mit dem Gitarristen und Produzenten Simon Wahorn, gegründete "Emigranski Raggamuffin"-Kollektiv Rotfront. Nachdem Mitte und Prenzlauer Berg inzwischen eher für Holzspielzeug und ökologisch vertretbare Lebensmittel stehen und die Partyszene sich dort weitgehend verflüchtigt hat, verorten die Künstler sich heute zwar nicht mehr - wie noch in der ewigen Berlin-Hymne "B-Style" - zwischen Pankow und Anklamer Strasse, sondern schwelgen mit dem ähnlich ohrwurmtauglichen "1990s" folgerichtig lieber in der guten alten Zeit der Kreuzberger Wendejahre. Die Szene zu überleben, aus der sie hervorgegangen sind - das können nicht viele Bands von sich sagen.

Aber natürlich fühlt sich ein Vielnationenprojekt wie Rotfront auch zwischen Oberbaumbrücke und Viktoriapark zu Hause: Yuriy Gurzhy, der jüdische Ukrainer mit russischer Muttersprache, der sich als Botschafter und Erneuerer des Klezmer sieht, der Ungar Simon Wahorn, der australische Saxophonist Dan Freeman und neuerdings die zauberhafte, von der sonnigen bulgarischen Schwarzmeerküste stammende Sängerin Katya Tasheva bringen allerlei Migrationsgeschichte auf die Bühne. Der Berliner Rapper Mad Milian sorgt für den Lokalkolorit. Produzent Kraans de Lutin hat aus seinen Phlexton-Studios in der Schlesischen Straße einst schon die Multikulti-Truppe Culcha Candela in den Pophimmel katapultiert.

Und natürlich ist der "Berlin-Style", ohne dass man darüber singen müsste, als Marketing-Attribut auf internationaler Bühne längst mindestens so effektiv wie der "London Underground" oder der "Esprit Parisien". So werden Rotfront, ungeachtet der unterschiedlichen Himmelsrichtungen, die sich hier kreuzen, und der Tatsache, dass - abgesehen von Mad Milian, Posaunistin Anke Lucks und Klarinettist Max Hacker - keines der aktuellen Mitglieder aus Deutschland stammt, dort vornehmlich als "deutsche" Band wahrgenommen. Ein guter Grund für die Beteiligten, sich einmal näher mit ihrer "Heimat" zu beschäftigen. Der Titel des Albums "17 Deutsche Tänze" lehnt sich an Haydns "12 Deutsche Tänze" an, auch Bach, Beethoven und Wagner wird mit Songtiteln Referenz erwiesen, und in "A Girl from Bayreuth" ist Rotfront erstmals mit einem Streichorchester zu hören.

Doch auch wenn "In Paris" ruhigere Töne anschlägt und hier gemeinsam mit Marla Blumenblatt fast ein Chanson entsteht, zeigen Songs wie der Flo-Mega-Feature "Everyone Speaks Russian" oder "Case of Drugs", die reißerische Geschichte eines Drogenkoffers, dass das Ensemble in der Schublade mit der Aufschrift "erwachsen" falsch wäre. Tatsächlich klingen Rotfront mit ihrem unorthodoxen, um weitere Facetten erweiterten Stilmix aus Reggae, Ska, HipHop, Punk, Polka, Klezmer, Cumbia und Soul, der bissig-ironischen Art, ihre Geschichten zu erzählen, und diesem gewissen Funken Verrücktheit, der insbesondere bei ihren energiegeladenen Live- Auftritten zu spüren ist, im elften Jahr ihres Bestehens so frisch und verspielt wie eh und je.

Bei allem partytauglichen Tempo und Wortwitz bleiben die "17 Deutschen Tänze" aber insbesondere eins: das flammende Plädoyer für ein vereintes Europa.

Am 2. Mai feiert Rotfront Record Release im Berliner Astra.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 21. bis zum 27. April 2014 | EAN 4250137229591 Six Degrees Records 2014

Da Cruz - Disco e Progresso

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"Disco e Progresso" heisst das vierte Studioalbum der in der Schweiz lebenden brasilianischen Sängerin Da Cruz. Vollgepackt mit 20, mit der Energie des Zuckerhutes aufgeladenen Songs, und einem Remix, ist es nicht nur ihre umfangreichste, sondern auch bislang künstlerisch kompletteste Veröffentlichung. Daran haben ihre Mitmusiker großen Anteil, allen voran Produzent Ane H, der aus der Jazz- und der New Wave-Szene kam und sich mit der Industrialband "Swamp Terrorists" einen Namen machte, für die auch schon Schlagzeuger Pit Lee sein ambitioniertes Tag- und Nachtwerk verrichtete. Der Schweizer Gitarrist Oliver Husmann hat hingegen lange in Brasilien gelebt und sich dort das für die unverwechselbaren Rhythmen der brasilianischen Populärmusik notwendige Handwerkszeug angeeignet.

Auch die junge Mariana da Cruz verdiente ihren Lebensunterhalt, nachdem sie das Singen im Kirchenchor gelernt hatte, als Interpretin klassischer Bossa Novas, zuerst in São Paulo, dann in Lissabon, dem lusaphonen Europa, wo viele brasilianische "Desillusionierte" ihrer Generation ihr Glück versuchten. Dort traf sie während eines Auftrittes in einem Pub Ane H, der fasziniert war von der charismatischen Sängerin und der intuitiven Idee einer transglobalen Fusion von Elektro-Pop und akustischem Jazz mit brasilianischem Flavour. Der internationale Durchbruch gelang 2008 mit dem Album "Corpo Elétrico", fulminant eröffnet mit einer im "Doors"-Stil wabernden Orgel und einer von Fela Kuti inspirierten Zeremonienmeisterin, deren eindringliche Performance weit über die Weltmusik-Nische hinaus Widerhall fand.

Die Verbindung vermeintlich unvereinbarer Gegensätze setzt auch die neue Publikation fort, bezeichnenderweise ein Doppelalbum mit einer hellen ("bright") und einer dunklen ("dark") Seite. Eine Dialektik, die auch der Albumtitel "Disco e Progresso" vermittelt, wobei der "Disco"-Begriff auf die musikalisch in Brasilien sehr produktive Ära der 70er und 80er Jahre, und den bis heute lebendigen, von Interpreten wie Ed Motta verkörperten Einfluss des Funk auf die hiesige Popkultur, verweist. Hier stehen akustische und eher karnevaleske Elemente im Vordergrund, stellvertretend etwa die Singleauskopplung "Bola da Discoteca", eine klassische Diskonummer in jenem Stil, der gerade in ganz Lateinamerika, zum Beispiel in Gestalt der kolumbianischen "Bomba Estéreo", ein Revival zu erleben scheint.

Im zweiten, explizit sozialkritischen Teil des Albums  dominieren dagegen elektronische Klänge. Der Begriff des "Progresso" (Fortschritt) bilanziert einerseits die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte und ist andererseits als politische Forderung für Gegenwart und Zukunft zu verstehen. Denn tatsächlich gehört das einst bettelarme Brasilien längst zu den boomenden Schwellenländern; dass es zugleich zu einem Zentrum der sozialen Bewegungen geworden ist, ist dem Umstand geschuldet, dass sich die soziale Ungleichheit vor diesem Hintergrund eher noch vergrößert hat. Nicht umsonst wählen Ane und da Cruz für den wütenden, auf populistische Politiker gemünzten Protestsong "Cala a Boca" ("Halts Maul!"), das Stilmittel eines rebellischen, in den Jugendbewegungen der Favelas angesiedelten Baile Funk - mit elektronischen Effekten, die an einen Game Boy erinnern.

Treibende elektronische Rhythmen treffen auf traditionellen Kuduro, funkige Bläser und rockige Gitarren. Mit "Tropical New Wave" oder "Urban Brazilian Disco" versuchen die Künstler selbst, dieses farbenfrohe Stilfeuerwerk in einen begrifflichen Rahmen zu kleiden, der seinem grenzenlosen Charakter in Zeit und Raum gerecht wird. Pünktlich zur anstehenden Fußball-WM wirkt Da Cruz dabei zugleich wie ein Seismograph für die aktuelle Stimmung im Land, die authentische Stimme einer Generation, die soziale Gerechtigkeit und Teilhabe einfordert.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 14. bis zum 20. April 2014 | EAN 876623007111 Crammed Disc 2014

OY - No Problem Saloon

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Joy Frempongs künstlerische Vita ist vielseitig. Bevor sie unter dem Künstlernamen OY Musik machte, war die Wahlberlinerin mit ghanaisch-schweizerischen Wurzeln mit der Electro-Dub-Band Filewile und den HipHoppern Infinite Livez und Stade (Big Dada) unterwegs. 2011 tat sich die Sängerin und Soundtüftlerin mit dem Schweizer Schlagzeuger und Produzenten Marcel Blatti aka Lleluja-Ha zusammen. Bei diesem Duo treffen nicht nur zwei Kontinente - Europa und Afrika - aufeinander. Berührungspunkte zwischen beiden gibt es in ihrem ganzheitlichen künstlerischen Ansatz.

Während Blatti als Komponist Club- und Popmusik produziert, für Theater-, Film- und Tanzprojekte arbeitet (u.a. für Leander Haußmann, an der Berliner Schaubühne, dem Hebbeltheater und dem Burgtheater Wien) und auf der Bühne in geheimnisvollen, exotischen Kostümen auftritt, verwandeln sich OYs Live-Auftritte schon mal in ein Puppentheater oder eine Multimedia-Performance. Musikalisch spannt sie einen Bogen vom Urban Soul zur experimentellen und elektronischen Musik.

So beziehungsreich und vieldeutig wie der Albumtitel "No Problem Saloon" ist auch OYs Musik: Electronica mit afrikanischen und Einflüssen in Text und Musik, mal ironisch, mal psychedelisch, mal orientalisch, und gerne experimentieren die Künstler auch mit Loops und ungewöhnlichen Sounds wie dem Schleudern einer Waschmaschine oder Aufnahmen von Stimmen, Satzfetzen und Redensarten, die Frempong von ihren Reisen nach Mali, Burkina Faso, Ghana und Südafrika mitgebracht hat.

In dieser von starken perkussiven Elementen begleiteten Sound-Collage lassen Frempong und Blatti Alltagsszenen lebendig werden, unvermittelt wähnt man sich auf einem Markt oder Dorffest, oder man meint, einem traditionellen Ritual beizuwohnen - eine beinahe anthropologischen Suche nach dem Klangbild des urbanen Afrika. Darüber singt OYs ausdrucksstarke Stimme eingängige Melodien, oder sie lässt sich einzelne Wörter auf der Zunge zergehen, als zelebriere sie eine feierliche Messe.

Für die Hörer von multicult.fm ist OY keine Unbekannte, auch die Songs aus dem "No Problem Saloon" sind bei uns regelmäßig zu hören, seit sie vor einem Jahr frisch aus dem Studio kamen. Nun gibt es diese einzigartige und faszinierende Musik auch endlich als Silberling für den Hausgebrauch.

Live zu erleben ist das Duo am Donnerstag, den 17. April, im Club about blank in Berlin Friedrichshain.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 07. bis zum 13. April 2014 | EAN 4005902511148 Skycap 2014

Shtetls Superstars - A Day in the Life

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"Wie klingt eigentlich jüdische Musik?" Das fragten sich der in London lebende Lemez Lovas von der Band Oi Va Voi und der als Mitbegründer der legendären Tanzveranstaltung Russendisko bekannte Wahlberliner Yuriy Gurzhy. Beide lernten sich kennen, als Lemez Yuriys Band Rotfront zu einem Konzert nach London einludt und sie anschliessend gemeinsam als DJs auflegten. Dabei stellten sie fest, dass beide passionierte Musiksammler sind, mit einem besonderen, in ihrer eigenen Biographie angelegten Interesse für jüdische Musik. Sie tauschten CDs mit ihren neuesten Entdeckungen aus und blieben in engem Kontakt. Das Ergebnis dieser Korrspondenz publizierten sie 2006 auf dem Sampler "Shtetl Superstars - Funky Jewish Sounds From Around The World", einer Sammlung von 19 Songs von Bands mit jüdischen Wurzeln aus Europa, Nordamerika und Israel.

Eigentlich hatten sie jedoch einen ganz anderen Sound im Ohr, wenn sie an moderne, jüdische Popmusik dachten. Die Vorstellung, dass eine typisch jüdische Band von heute aus Israel kommen und klassischen Klezmer spielen müsste, erschien ihnen beinahe absurd. Also beschlossen sie kurzerhand, eine eigene Band zu gründen: die Shtetl Superstars. Der Name ist ein Wortspiel mit dem jiddischen Wort Shtetl, der Bezeichnung für eine Kleinstadt mit mehrheitlich jüdischer Bevölkerung. Die Shtetl Superstars verkörpern den Sound moderner jüdischer Musik und das urbane Lebensgefühl einer Generation, die in über die ganze Welt verstreuten Communities lebt, und ihr Heil im Zweifel lieber in der künstlerischen Avantgarde sucht als im traditionellen jüdischen Brauchtum.

Die zehn Songs des Albums "A Day In The Life" sind sowohl in Yuriys Berliner Wohnung, als auch in einem Londoner Studio entstanden. Einige Künstler des 2006 erschienenen Samplers haben einen Beitrag zu dem Album geleistet, darunter Alec Kopyt von der Amsterdam Klezmer Band oder Uri Kinrot und Produzent Yaniv Fridel, die sonst mit der New Yorker Balkan Beat Box unterwegs sind. Karolina, selbst sehr erfolgreich mit ihrer israelischen Soul- und Folkband Habanot Neshama, und Mayia James leihen den Shtetl Superstars ihre Stimmen.

Einer bestimmten Genre-Schublade ist das Album nicht zuzuordnen: HipHop, Reggae, Ragga, Surf, Pop und elektronische Klänge gehen eine Symbiose ein mit typischen Klezmer-Rhythmen, Melodien und Instrumenten wie dem Akkordeon oder dem Euphonium, einem der Tuba ähnlichen Blechblasinstrument. Die Grundstimmung ist feierlich, aber eher nach Art einer Filmmusik irgendwo zwischen "Time of the Gipsies" und "Pulp Fiction", die eine dichte, lebendige Athmosphäre schafft, ohne dabei zwingend zum Tanzen animieren zu wollen.

Die hintersinnigen Texte werden auf Englisch und Jiddisch gesungen und folgen einem roten Faden, der - gern mit einem ironischen Augenzwinkern - vom Leben in der Diaspora und dem täglichen Kampf ums Überleben erzählt. In der richtigen Reihenfolge, entsteht die Geschichte eines Migranten, der versucht, in die EU zu kommen ("Schengen Visa Wedding"), sich dort mit Startschwierigkeiten ("Funny Englisch") einlebt, sich aber immer seiner Wurzeln ("Butterfly Hora") erinnert. Bei aller naturgemäßen Sentimentalität, die bei diesem Thema mitschwingt - ein autobiographisch gefärbter Flüchtlingsplot mit gutem Ausgang? So tausendfach das im wirklichen Leben auch stattfinden mag: Eine solche Erfolgsstory hört man dann doch nicht alle Tage.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

CD der Woche vom 31. März bis zum 06. April 2014 | EAN 4260036284140 Lola's World Records (Soulfood) 2014

Global Hits, Volume 1

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Jenseits des anglophonen musikalischen Mainstreams gibt es eine interessante Parallelwelt: Eine Popmusik, die regionale Klangfarben hörbar macht und Stilarten auf unorthodoxe Weise kombiniert - die Weltmusik. Der am 14. März bei Lola`s World Records erschienene Sampler "Global Hits Vol. 1", zusammengestellt von der deutsch-türkischen Musikjournalistin und DJane Gülbahar Kültür, stellt zwanzig aktuelle Vertreter des globalen Pops vor und ist genau das Richtige für einen beswingten Start in den Frühling.

Die italienische Liedermacherin Levante aus der Region Catania zeigt mit ihrem Song "Alfonso", wie schön eine ausdrucksstarke Stimme und eine Akustikgitarre klingen können. Ihr Landsmann Piji ist mit einer Interpretation des Liedes "C'è chi dice no", im Original von Vasco Rossi, zu hören. Er verwandelt Rossis rockige Ballade in eine Perle des auf dieser CD omnipräsenten Django-Reinhardt-Swings. Einen Tag nach Veröffentlichung des Videos auf der Webpräsenz der italienischen Zeitung Repubblica hatte das Video bereits mehr als Dreißigtausend Clicks. Doch das ist nicht der einzige gelungene Coversong auf der CD: Mit "And So We Dance" knöpft sich die kanadische Sängerin Kellylee Evans Stromaes Erfolgstitel "Alors on danse" vor und verwandelt den basslastigen Diskofeger mit Shuffle-Beat, Jazzgitarre und betörender Soulstimme in federleichten Afropop. Weshalb sie gerade diesen Song gecovert hat? Sie war von der Melodie beeindruckt - und liebt es, Menschen tanzen zu sehen.

Mit ihrer Liebeserklärung "Cou Cou" an den Frühling beweisen Monsieur Periné, dass guter Chanson nicht zwangsläufig aus Frankreich kommen muss. Die in Kolumbien preisgekrönte und in ganz Lateinamerika gefeierte Band ist letztes Jahr schon sehr ausgiebig durch Europa getourt und entwickelt sich gerade zu einem der erfolgreichsten Musikexporte des Subkontinents. Etwas Besonderes ist auch der "Garden of Love". Winston McAnuff, ein jamaikanischer Sänger aus einer Predigerfamilie, und der französische Akkordeonist Fixi - zwei Brüder im Geiste, wie sie sich selbst bezeichnen - kreieren eine sehr eigenwillige Mischung aus Reggae und Chanson, wobei McAnuffs sonore Tenorstimme ausgezeichnet mit dem Flair Pariser Nachtclubs harmoniert.

Die griechische Band Gadjo Dilo beeindruckt mit ihrem harmonischen Zusammenspiel von Geige, Akkordeon und Kontrabass. Bei Liveauftritten scheinen die drei Instrumente sich einen regelrechten Wettbewerb zu liefern - trotz unglaublich hoher Geschwindigkeit bleibt ihr Spiel aber tanzbar und melodisch. Bei dem Titel "Timba Timba" von Mad Manoush, einem der originellsten Vertreter des Genres, stand einmal mehr der Urvater des Gipsy-Swings Pate. Nicht umsonst hat der Schweizer Bandleader Egon Egemann einst beim Django-Reinhardt-Schüler Stéphane Grapelli in Paris studiert. Charmanter und zugleich virtuoser als hier zu hören, könnte man ein cubanisches Kinderlied nicht in einen fetten Electroswing verwandeln.

Dazu gibt es Brazilectro von Nicola Són, French Ska vom Babylon Circus, Electro-Cumbia von Gang Do Eletro und Bollywood-Bhangra mit Prit Dv8, Sazia Judge und Gupsy Aujla. Aber selbst aus diesem bunten Mix sticht der Titel "He Said She Said" der neuseeländischen Batucada Sound Machine noch hervor, eine extrem perkussive, pulsierende Mischung aus HipHop, Reggae, Rock und anderen Elementen, die sich im Grunde jeder Genrezuordnung entzieht, und damit stellvertrend steht für die grenzenlose musikalische Vielfalt, die dieses Album zelebriert. Eine spannende musikalische Entdeckungsreise rund um den Globus.

(Autoren: Lena Grundmann & Clemens Grün)

Diese CD der Woche im Internet: youtube-teaser

CD der Woche vom 24. bis zum 30. März 2014 | Chat Chapeau 2014

DelaDap - This is DelaDap

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This is DelaDap - so heißt das neue Album der österreichischen Band DelaDap. Das Album mit zehn Songs und einem Remix ist am 14. März beim hauseigenen Label Chat Chapeau erschienen. Zwei ereignisreiche und nicht ganz einfache Jahre liegen hinter den Künstlern, in denen sie sich unter anderem in den Fallstricken des Reglements des Eurovision Song Contests verfingen und eine neue Leadsängerin einarbeiten mussten und sich. Doch wenn man mit soviel Herzblut und Schaffenskraft bei der Sache st wie Mastermind Stani Vana, wird das Scheitern zur Chance. So liegt kurz nach einer schon sehr produktiven Mexiko-Reise nun bereits das nächste Album der Formation in den Plattenläden, und tatsächlich ist der aktuell fünfköpfigen Formation im zehnten Jahr ihres Bestehens damit wieder einmal ein großer Wurf geglückt.

Wenn man an die Verbindung traditioneller Romamusik mit elektronischen Beats denkt, fallen einige Parallelen auf zwischen Stani Vana und dem Frankfurter DJ Stefan Hantel, besser bekannt unter dessen Künstlernamen Shantel. Letzterer versöhnte die Folklore Osteuropas vor elf Jahren mit dem Dancefloor und brachte eine beispiellose Welle von Balkan-inspirierten Musikproduktionen ins Rollen. Es war jene Zeit, da Europa entgültig bewusst wurde, dass die Grenzen offen und der Kalte Krieg vorbei war, das Berliner Szeneherz im Zweivierteltakt der Russendisko pochte, ein deutscher Fußballtrainer in Griechenland als Volkheld gefeiert wurde und die ukrainische Revolution noch orange war.

Die Balkan-Beats, deren Wiener Variante Stani Vana in feinsinnig "NuGipsy" taufte, waren der Sound der Stunde, der diese Aufbruchstimmung verkörperte. Beide Bandleader berichten gerne von ihrem persönlichen Erweckungserlebnis - Shantel bei seinen Großeltern in der Bukowina, Vana im Dorf seiner tschechischen Großmutter. Und beide Projekte entwickelten sich, nicht zuletzt den umwälzenden Vertänderungen auf dem Tonträgermarkt geschuldet, von präzise ausgetüftelten Studioprodukten zu weltweit gefragten Live-Acts, in denen Trompete und Akkordeon eine in der westlichen Popkultur nie gesehene dominante Rollen spielen. Wobei der Wahlwiener Vana nie auf der Welle des so geschickt wie massentauglich vermarkteten Bucovina Clubs mitschwamm, sondern das Genre in dessen Windschatten stets auf seine ganz eigene, originelle Weise weiterentwickelte.

Und während ihr Frankfurter Pendant musikalisch längst zu neuen Ufern aufgebrochen ist, scheinen Stani Vana und seine Mitstreiter ihr ganzes Potential zehn Jahre später erst zur vollen Blüte zu bringen. Reich an unterschiedlichsten und keineswegs auf die Folklore Osteurpas beschränkten Facetten war die Musik DelaDaps schon immer, doch nie zuvor klang sie energetischer und eingängiger, und nie hat sie soviel Coolness und Pop-Appeal versprüht. Die neue Sängerin Tania Saedi leiht dieser erstaunlichen Lässigkeit Gesicht und Stimme. Spielerisch wechselnd zwischen Englisch, Französisch und Deutsch, mal cinematographisch ("While You  Sleep"), mal urban-soulful ("Caravan of Clouds") und mal philosophisch ("One Goal in the End"), versprüht die persischstämmige Vokalistin mit jeder Textzeile zugleich Weltläufigkeit und - mit einem steten Lächeln auf den Lippen - unwiderstehlichen Wiener Charme.

Ein Konzept, das der energiegeladene Abräumer "Listen Up", ein Gast-Feature der Parov-Stelar-Frontfrau Yola B, auf die Spitze treibt. Die Selbstverständlichkeit, mit der die Künstler eine hitverdächtige Elektroswing-Nummer wie "Cash und Chaos" auf die Tanzfläche zaubern, erinnert daran, dass DelaDap tatsächlich zu den Pionieren dieses Genres gehört, und passend dazu erscheint auch der alte DelaDap-Hit "Lautlos" ("Tu es beau") hier noch einmal im zeitgemäß electroswingenden Gewand.

Nachdem sich der musikalische Mainstream in Deutschland, in Gestalt von Gruppen und Künstlern wie Seeed, Peter Fox, Marteria oder Miss Platnum, mittlerweile wie selbstverständlich Elementen traditioneller Balkanmusik bedient und das deutsche TV-Publikum unlängst einen von slawischer Folklore inspirierten Titel zum Eurovision Song Contest schickte (nachdem die Brass Banda letztes Jahr nur an einem fragwürdigen Juryurteil gescheitert war), schreitet die Balkanisierung der Popmusik nun auch bei unseren alpinen Nachbarn ein grosses Stück voran. Welcher Standort wäre dafür auch geeigneter als das multiethnische Wien und Tor nach Südosteuropa? Spätestens mit diesem Album wird DelaDap zur Speerspitze der Bewegung.

(Autor: Clemens Grün, unter Mitarbeit von Lena Grundmann)

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CD der Woche vom 17. bis zum 23. März 2014| 2013 one earth records

Mercan Dede - Dünya

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Dünya ist das neuste Doppelalbum des türkischen Weltmusikstars Mercan Dede aka. Dj Arkin und ab heute auch multicult.fm CD der Woche. Mercan Dede ist ein Künstlername: Dede bezeichnet einen Derwisch, also einen Vertreter der Sufi-Musik. Das ist religiöse Musik im Islam, die sich in viele verschiedene Stilrichtungen fächert. Eigentlich heißt der Künstler Arkin Ilicali, er reiste schon durch viele Länder der Welt und lebt heute in Montreal. Begonnen aber hat alles in einer türkischen Großstadt, dort erlernte er früh traditionelle Instrumente zu spielen. Vor seiner Karriere als Musiker Mercan Dede studierte er Fotographie und Journalismus, emigrierte Ende der 80er Jahre nach Kanada. Seit den 90er Jahren lebt er für seine Musik.

Mercan Dede verbindet traditionelle Sufi-Spiritualität mit modernen elektronischen Klängen, wobei orientalische Melodien auf Techno-Sound, Violine und Percussion treffen. Traditionelle Musikinstrumente wie beispielsweise Ney (Rohrflöte) und  Bendir (Rahmentrommel) bringt Mercan Dede in sein Musikprojekt mit ein. Der Künstler glaubt daran, dass wenn man digitale, elektronische Klänge mit handgemachten, menschlichen Klängen vermischt eine universelle Sprache entsteht, die nicht nur jeder versteht, sondern die auch verbindet. Völlig egal ob Alt und Jung oder Ost und West, Mercan Dede sieht diese kontrastreiche Mischung als Grundgedanke der Sufiphilosphie. Diese Philosophie des Gegensätzlichen lebt der gebürtige Türke. Dünya ist sein 6 Album, die Mischung hat sich also bewährt.

Für Dünya ist Mercan Dede um die Welt gereist und hat in verschieden Ecken der Erde Anekdoten gesammelt. Er war unter anderem in Istanbul, New York, dem Libanon und Delhi unterwegs. Seine Erfahrungen hat er aufgeschrieben, und in traditionelle Sufimusik mit westlichen Einflüssen verpackt. Dünya ist also eigentlich ein Reisetagebuch, unterteilt in 2 verschiedene CDs,  Sunrise und Sunset. Alle türkischen Songtitel spiegeln eine andere Facette der Welt wieder. Die neun mehrheitlich akustischen Lieder auf der CD Sunrise sollen die Seelen der Hörer zum Tanzen einladen. unset ist elektronischer. Die 8 Titel sind energetisch und sprechen eher den Körper an, so drückt es Mercan Dede aus.

Die Musik von Mercan Dede nimmt uns mit auf seine Reisen, die orientalischen Melodien und traditionellen Instrumente lassen einen den Puls und die Seele des Lebens nachempfinden. Manchmal fühlt man sich beim Hören wie bei einer religiösen Zeremonie, dann klingen die Trommelschläge blechern im Vordergrund, ein unterschwelliges Wehklagen von Flöten fügt sich ein. Ein anders mal drängt sich die Flöte in den Vordergrund- immer schneller, fast bedrohlich, wird die Abfolge der Töne. Sphärische Klänge laden ein zum Träumen, ganz im Sinne der Sufi wird man aufgefordert sich in der Musik zu verlieren. In einem der Lieder spricht Gandhi. Es klingt dann wie eine Anklage, er spricht symbolisch, denn Mercan Dede möchte mit uns auch das Leid dieser Welt teilen, welches er auf seinen Reisen gesehen hat.

Dem Künstler ist es wichtig zu zeigen, wie schön die Erde ist, wie sie unermüdlich als Ort des Lebens herhält, obwohl die Menschen sie kontinuierlich verschmutzen und verbrauchen, so sagt es Mercan Dede in einem Interview zu seinem neuen Album Dünya. "Es gibt so viele Dinge die gesagt werden müssen, aber meine Gefühle und Erlebnisse sind so schwer in Worte zu fassen, besonders weil Sprache so vielschichtig und mehrdeutig ist. Alles was ich sagen möchte, meine Worte, meine Träume, meine Geschichten- all das habe ich durch Dünya zum Ausdruck gebracht."

Da bleibt nur noch eins : Das Morgenmagazin einschalten, beim Gewinnspiel zur CD der Woche mitmachen und mit ein bisschen Glück bald selbst auf Sufipfaden durch die Nacht tanzen. Die Reise lohnt sich!

(Autorin: Lena Grundmann)

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CD der Woche vom 03. bis zum 09. März 2014 | 2014

Solo Sow - Pret pour le Decollage

"Pret pour le decollage" heißt unsere CD der Woche diesmal. Sie kommt von Solo Sow. Man kann sie auf bandcamp.com unter dem Namen des Künstlers Solo Sow hören und kaufen. "Pret pour le decollage", das heißt "Bereit zum Abflug". Und Solo Sow ist bereit. Mit diesem Album hören wir das erste Mal von ihm allein. Man kennt ihn sonst zusammen mit der Band Konkoba, einer Afro Percussion Band. Gemeinsam tourten sie durch Deutschland, die Niederlande und Frankreich, bespielten große Festivals und verzauberten mit ihrem vielstimmigen Gesang und afrikanischen Rhythmen. Auf seinem eigenen Album stellt er jetzt eigene Gedanken vor - dabei sind Liebeslieder, Künstleralltag in Berlin aber auch seine afrikanischen Wurzeln. Der gebürtige Guineer vereint in seinem neuen Album nun ganz viele verschiedene Einflüsse. Nicht nur traditionelle afrikanische Musik, sondern auch viele europäische Komponenten sind in den 10 Titeln seines Albums zu finden.

"Pret pour le Decollage" ist Afro-Pop vom Feinsten! Solo Sow erzählt in seinen Texten, die er in diversen europäischen und afrikanischen Sprachen singt, von seinen Erfahrungen als Migrant in Deutschland. Seine Songs handeln von seiner Rolle als Übersetzer zwischen den beiden Kontinenten, seinem Leben "zwischen" den Welten, den ersten Schritten in der neuen Heimat, der überhöhten Erwartungshaltung afrikanischer Familien und von falschen Freunden. Solo lebt jetzt schon seit 25 Jahren in seiner Wahlheimat Berlin. In seinem Album, welches am 21.02.2014 Release feierte, beschreibt er also nicht nur seine Gefühle, auch die Vielschichtigkeit Berlins kommt hier zur Geltung. Auf dem rauschenden Fest im Rahmen der Black History Month in Berlin stellte Solo Sow auf der Bühne unter Beweis, dass seine Musik nicht nur in die Beine geht, sondern auch den Kopf und das Herz des Publikums berührt.

Auch wenn es das erste Soloalbum des Künstler ist, auf der Bühne steht er natürlich nicht alleine da. Unterstützt wird er zum Beispiel vom bekannten westafrikanischen Gitarristen Layba Lenké Condé. Aber auch Geigen und ein Saxophon sind mit dabei, die gesellen sich zu typischen afrikanischen Rhythmen und untermalen Solos Stimme. Mal greift er zum Sprechgesang, an anderen Stellen stimmt ein Frauenchor in den Refrain mit ein. Aber der Multiinstrumentalist hat noch mehr zu bieten: er spielt Trompete und Percussion mindestens genauso gut wie er singt. Heraus kommt eine unglaublich tanzbare Mischung aus verschieden musikalischen Richtungen und Sprachen, darunter Bambara und Französisch, die einen förmlich dazu verleiten muss, sich im Rhythmus der Musik zu bewegen. Manchmal kann man dabei sogar fast vergessen, dass neben der Liebe auch Themen wie Migration oder Asylbewerber besungen werden. Solo Sow besingt so "europäische" Themen trotz alledem in afrikanischen Dialekten, weil er vor allem den Afrikanern zeigen möchte, dass das Leben in Europa für ihn selbst nach 25 Jahren trotzdem nicht immer einfach ist, das er auch immer noch manchmal mit Vorurteilen zu kämpfen hat.

(Autorin: Lena Grundmann)

Diese CD der Woche im Internet: facebook-Präsenz von Solo Sow | bandcamp

CD der Woche vom 24. Februar bis zum 02. März 2014 | (EAN 4260075860879) 2014 Jazzhaus Records 

Etta Scollo - Lunaria

CD der Woche
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Etta Scollo heißt die Künstlerin zu dieser CD der Woche "Lunaria", sie vereint in ihrer Musik sizilianische Tradition, Pop- Avantgarde und Jazz Einflüsse.

Sie studierte Kunst und Architektur in Turin, merkte aber bald, dass Musik ihre größere Leidenschaft ist und begann eine Ausbildung am Wiener Konservatorium. Diese Entscheidung wurde belohnt. Etta Scollo erhielt zum Beispiel den ersten Preis des "Diano Marina Jazz Festival" weitere Auszeichnungen folgten. Aber wie gesagt, Jazz ist noch lange nicht alles, was sie kann. Mit einer Cover- Version der Beatles, nämlich "Oh Darling", erreichte sie 1988 eine Goldene Schallplatte und großen Bekanntheitsgrad vor allem in Deutschland und Österreich.

Auch damit nicht genug. Mal ist sie leise und hingebungsvoll, mal ironisch frech wenn es darum geht Gefühle mit Musik zu beschreiben und das durch die verschieden Genres hindurch. Seit den 90 er Jahren nennt die Künstlerin auch Deutschland ihre Heimat. Die tiefe Verwurzelung mit Sizilien bleibt aber immer erhalten, das bekommt man auch in ihrem Projekt Canta' Ro in trio zu spüren. Sie interpretiert Stücke der sizilianischen Volkssängerin Rosa Balistreri und erhält dafür den Weltmusikpreis RUTH. Aber auch mit der Interpretation von arabischen Gedichten, geschrieben von Menschen, die im frühen Mittelalter ihre Heimatinsel bevölkerten, beweist sie nicht nur aufs Neue ihre Vielseitigkeit sondern auch ihre Liebe zu Sizilien.

"Lunaria - dala favola teatrale di Vincenzo Console" heißt ihr neuestes Werk. In Anlehnung an den Roman des zeitgenössischen Autors Vincenzo Console erzählt sie die Geschichte von einem sizilianischen König, ein melancholischer Herrscher. Dieser träumt eines Nachts vom Herabfallen des Mondes. Es scheint nur ein Alptraum zu sein, ist aber eigentlich eine Weissagung: in einem weit entfernten Dorf im Lande des Königs, welches sich auf keiner Landkarte finden lässt, ist der Mond wirklich herabgefallen...

Gemeinsam mit ihrem vergleichsweise kleinem Team ( für die Interpretationen von Balistreri sang sie mit einem ganzen Orchester) schafft sie zwischen erzählender Literatur und gesungener Lyrik ein phantastisches Sizilien. Ihre kraftvolle Stimme bleibt dabei fast immer im Vordergrund, die Musik und auch die Textpassagen arrangieren sich um sie herum. Einfühlsam schlüpft sie in die Haut des Königs, bringt seine Melancholie mit ihrer über mehrere Oktaven reichende Stimme an den Hörer heran. Das gesamte Album wirkt dunkel, aber kraftvoll, phasenweise sogar mystisch, die altertümlichen Instrumente tragen ihr Übriges zur Stimmung bei. Zu hören ist unter anderem die Renaissance Laute, gespielt von Sebastiano Scollo. Mit dabei ist auch Susanne Paul, mit ihr spielte Etta Scollo schon auf Tourneen, zusammen bildeten sie das Duo Scollo con Cello. Fabio Tricomi komplettiert die Besetzung.

In Mailand traf Etta Scollo sich mit ihren Musikern in den Räumen, in denen Vincenzo Consolo den Text von Lunaria geschrieben hat, und sie spielten hier die Musik für die CD ein. Diese Aufnahmen entstanden auf den Wunsch des 2012 verstorben Consolo, er bat Etta Scollo bei einem Treffen darum. Das Album ist ihr insgesamt 10. Es erscheint am 28. Februar bei Jazzhaus Records und umfasst 13 Titel.

(Autorin: Lena Grundmann)

Etta Scollo im Internet: Website

CD der Woche vom 20. bis zum 26. Januar 2014 | (EAN 3149026008328) 2014 World Village/Harmonia Mundi

Mamani Keïta - Kanou

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Nachdem man kürzlich eine kleine Ausgabe des renommierten "Festival au Désert" wegen der politisch instabilen Lage anstatt in der Wüste Timbuktus im Berliner Exil organisierte, feiert nun auch multicult.fm mit seiner aktuellen CD der Woche die Musik Malis. Die ist zwar reich an Traditionen und längst auch weltweit in aller Ohren, allerdings nach wie vor weitestgehend durch eine große Männerriege an Sängern und Instrumentalisten repräsentiert. Mit der Lupe zu suchen sind dagegen die wenigen, dafür umso charismatischeren Musikerinnen, d.h. vor allem Sängerinnen, wie z.B. Oumou Sangaré oder Rokia Traoré, die in der Musikszene des Landes die Nase vorn haben. Die seit längerem von Paris aus agierende Mamani Keïta gehört mit ihrer markanten, mit einer besondere Strahlkraft ausgestatteten Stimme, mit ihrer Traditionsnähe wie auch ihrer musikalischen Experimentierfreude zweifellos in diesen kleinen, illustren Zirkel.

1965 in Bamako geboren, geriet sie schon als Kind die Fänge der Musik, bekam aber erst durch ihren prominenten Landsmann, den nicht mit der Sängerin verwandten Salif Keïta, den entscheidenden Impuls für ihre Karriere. Diese kam dann Mitte der Neunziger in der "afrikanischen Metropole" an der Seine vollends in Fahrt, wo die Malierin mit den innovativsten Musikern ihres Heimatkontinents, Frankreichs sowie anderer Wahl-Pariser in vielen Projekten seither in Tuchfühlung ist. Neben Cheick Tidiane Seck, Dee Dee Bridgewater oder Hank Jones waren und sind das auch die Musiker, die nun mit ihr dieses vierte Album unter eigenem Namen gestaltet haben: Bamako-Rail-Band-Gitarrist Djeli Moussa Kouyaté, der Ngoni-Spieler Moriba Koïta, der u.a. auch mit besagtem Salif Keïta, Manu Dibango und Mory Kanté musiziert, sowie der ebenfalls mit vielen musikalischen Wassern gewaschene Perkussionist Madou Koné.

Die beiden ersteren wirkten auch schon auf dem Album mit, mit dem Mamani Keïta nachhaltig auf sich aufmerksam machte: Das 2002 erschiene "Electro Bamako", auf dem der Franzose Marc Minelli Keïtas traditionelle Bambara-Gesänge samt der mailischen Traditionen sehr raffiniert in jazzig-elektronische Kontexte brachte. Im Vergleich zu dieser, in ihrer stilistischen Allianz ungeheuer originellen, seinerzeit neuartigen Arbeit, ist "Kanou" - was in Keïtas Heimatsprache Bambara "lieben" meint - deutlicher den eigenen Traditionen zugeneigt. Dabei ist die Sängerin und Songschreiberin allemal weltgewandt und neugierig genug, es ihren mal flotteren, mal baladesk-getrageneren, allesamt groovigen, teils mit sozialpolitischen Inhalten aufgeladenen Eigenkompositionen nie an Luftdurchlässigkeit und Frische fehlen zu lassen. Gekonnt, rund arrangiert und produziert sind die elf Songs mit ihren teils flirrenden E-Gitarren-Klängen, interessanten perkussiven Ideen und der über all dem gebettete - mehr noch! - geradezu majestätisch "thronende" Gesang, der einem in keineswegs unguter Art durch Mark und Bein geht. Erst relativ kürzlich war die leider nicht allzu oft hierzulande auftretende Künstlerin in Berlin live zu erleben (im vergangenen Oktober beim von multicult.fm präsentierten Festival Music 'n' Migration). Möge sie sich - mit ihrem neuen, musikalisch und auch optisch farbenprächtigen Album im Gepäck - möglichst bald erneut auf den Weg zu uns machen...

(Autorin: Katrin Wilke)

Diese CD der Woche im Internet: Blog der Künstlerin (auf französisch)

CD der Woche vom 13. bis zum 19. Januar 2014 | (EAN ) 2014 Asphalt Tango Records

Adrian Raso & Fanfare Ciocarlia - Devil's Tale

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Auf dem Album "Devil´s Tale" hat die 12-köpfige Blechblaslegende Fanfare Ciocarlia einen teuflischen Pakt mit dem kanadischen Gitarrenvirtuosen Adrian Raso geschlossen. Adrians kunstvolles Gitarrenspiel wird hierbei in den Rahmen der wilden Blasmusik des Balkans gesetzt. Als Bindeglied dient hierbei eine gegenseitige Begeisterung für den Jazz Manouche im Stile Django Reinhadts. Adrian Rasos Gitarrentechnik ist in eben diesem Gibsy-Jazz-Stil beheimatet und übernimmt die Melodie der Songs. Fanfare Ciocalia untermalt dies mit vielfältigen Rhythmus und Harmonie Konzepten, was "Devil´s Tale" zu einem erstaunlich bunten und homogenen Hörerlebnis werden lässt.

Obwohl es die erste Kooperation der beiden Protagonisten ist spürt man eine enge Verbundenheit der Musiker. Adrian Raso erzählte: "Das erste Treffen verlief großartig. Da war sofort diese Verbundenheit und auch musikalisch hat es sofort Klick gemacht. Die erste Session mündete in regelrechten Verbrüderungsszenen, das erlebt man so ja auch nicht alle Tage." Aber das erschien Adrian Raso noch immer nicht zu genügen. Zu den Aufnahme-Sessions in den legendären Metalworks Studios in Toronto lud er noch seine musikalisch schwergewichtigen Freunde John Jorgenson und Rodrigo (von Rodrigo & Gabriela) sowie Rock- Drummer Kevin Figueiredo (von Extreme) ein. Somit verwundert es auch nicht, dass das Ergebnis ein wilder Ritt von New Orleans über den Atlantik nach Paris, von dort weiter bis tief in den Balkan und durch die verfallenen Straßenzüge Detroits zurück ins mondäne Toronto ist. Dabei wechseln sich gefühlvolle Walz-Stücke mit treibendem Balkan-Swing und klassischen Gipsy-Jazz Liedern ab. Alles untermalt durch Adaptionen von wieder erkennbaren Melodien rund um die Welt, was als Markenzeichen von Balkan-Blaskapellen wie Fanfare Ciocarlia gesehen werden kann.

Abschließend bleibt zu sagen, dass Devil's Tale einen extravaganten Charm versprüht und die Offenheit des Balkan-Sounds voll ausschöpft, wodurch jeglicher Kritik am angeblichen Verfall der Musik aus dem Balkan lautstark entgegengewirkt wird. Das Berliner Label Asphalt Tango bereichert mit "Devil´s Tale" alle Freunde der Balkanmusik um ein echtes Gips-Sound Highlight!

(Autor: Stefan Emter)

Diese CD der Woche im Internet: auf der Seite ihres Labels

CD der Woche vom 09. bis zum 15. Dezember 2013 | (EAN ) 2013 Monopol Records

Locomondo - New Day Rising

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First we take Greece and then the rest of the world. So machen es Locomondo. Vor zehn Jahren in Griechenland gegründet und dort längst eine Riesennummer, erspielen sie sich immer mehr auch eine internationale Fangemeinde. Pünktlich zum Bandjubiläum der Athener Band erscheint jetzt ihr neues Album New Day Rising.

Locomondo, die bereits mit Manu Chao, den Skatalites und Amparanoia tourten, kombinieren karibische Klänge wie Ska, Dub und Reggae mit griechischer Musik und Texten. Die neue CD New Day Rising ist eine Zusammenstellung aus eigenen Stücken und Coverversionen alter griechischer Lieder. Im Eröffnungstitel Odysseia, benannt nach der zehnjährigen Irrfahrt des Odysseus, besingen Locomondo alle Orte Griechenlands, in denen sie seit ihrem Bestehen aufgetreten sind und berichten von Abenteuern und Erlebnissen auf diesem Weg. Und was für Odysseus das Schiff auf seiner langen Reise war, ist für Locomondo der Tourbus. Wie die beiden Gründer der Band, Markos Koumaris und Yiannis Varnavas, im Interview erzählen, sind sie seit einer Dekade unermüdlich auf der Reise, immer auf der Suche nach guter Musik und versuchen dabei, alle Herausforderung zu meistern und auf dem richtigen Weg zu bleiben.

Nach dem Album Best of Locomondo von 2011 ist New Day Rising jetzt die zweite Veröffentlichung beim deutschen Label Monopol. Der größte Teil der Beiträge wurde in einem Athener Studio eingespielt, einiges aber auch in den legendären Berliner Hansa Studios. Und nachdem Locomondo schon auf wunderbare Weise Udo Jürgens Schlager "Griechischer Wein" verwurstet haben, widmen sie sich nun wieder deutschem Liedgut. Das letzte Stück auf New Day Rising ist eine Ska-Version der Kinderlieder "Alle Vögel sind schon da" und "Hänschen Klein". Außerdem zu hören: eine deutsche Version des Locomondo-Hits "Cheria" ("Hände") und eine Reggae-Version eines alten Rembetiko-Klassikers "San Apokliros Gyrizo" von Vassilis Tsitsanis. Es bleibt also immer spannend, wenn Locomondo Stile, die vermeintlich nicht zusammen gehören, vermischen.

...und sie beenden den Covertext zur CD mit... ΑΓΑΠΗ & ΕΙΡΗΝΗ (Love & Peace)

(Autorin: Gabriele Schäfer)

Locomondo im Internet: Webseite

CD der Woche vom 02. bis zum 08. Dezember 2013 | (EAN ) 2013

Django Lassi - Szupa Czipa


Der Name Manouche ist ein aus Frankreich stammendes Wort für Sinti, jener Romagruppe, die in Mittel- und Westeuropa beheimatet ist. Jazz Manouche (auch Gipsy-Jazz genannt, ein von Virtuosität und Melancholie geprägter Musikstil, der dem Swing zugeordnet wird) ist in Frankreich Ende der 20er Jahre entstanden. Gut ein Jahrzehnt später erlangt durch den Manouchen Django Reinhardt diese Musik Weltruhm. Die Musiker von Django Lassi stimmen dem schon zu, dass Django Reinhardt bei der Namensgebung ihrer Berliner Band eine Rolle gespielt hat. Wenn man sich die Musik der sechs Jungs anhört, findet man aber nicht nur Ähnlichkeiten beim Namen. Man kann durchaus sagen, dass Django Lassi's Musik auf Jazz Manouche aufbaut. Doch damit nicht genug, sie entwickeln diese Musik auf sehr hohem Niveau weiter.

Beim Hören ihres neuen Albums "Szupa Czipa" kann man die sehr unterschiedlichen musikalischen Wurzeln der israelisch-ivorisch-deutsch-nordamerikanischen Truppe erahnen. Der in Kanada geborene Roland Satterwhite, dem im Kindesalter die Geige als Muttersprache beigebracht wurde, wechselt in den Stücken gerne mal von seiner Geige zu seiner geschulten Stimme, die gespickt ist von Blues, wildem Sprechgesang und einer gewissen Prise Experimentierfreudigkeit. Mit Gesang, Geige und Gitarre hat er schon vier Alben produziert. Yasir Abdulkadir Hamdan, mit Eltern Eritrea und Ex-Jugoslawien/Ungarn, der Saiteninstrumente sehr gut von E-Bass, Kontrabass und Gitarre her kennt, verleiht den Stücken mit seiner Jazz Manouche Gitarre einen unverkennbaren swingigen Sound. Laurent Humeau von der Elfenbeinküste, bricht oft und gerne aus den Akkorden aus und fliegt auf seiner Gitarre wild mit seinen Fingern durch die Saiten. Er spielt neben Jazz Manouche auch Balkan und Dixieland in mehreren Projekten. Ausbrüche mit den Gitarren, gewagte Geigenklänge lösen sich in Django Lassi's Liedern immer wieder mit Laurin Habert's Experimentierfreudigkeit auf seiner Klarinette. Christopher Schintlholzer greift nach E-Bass, E-Gitarre jetzt in die Kontrabasssaiten und verleiht den Stücken die richtige Fülle. Welchen Spass er dabei hat, erkennt man schnell, wenn man die Truppe spielen sieht. Wenn man bedenkt, dass die Komplexität des Spielens von Indischen Tablatrommeln mit der Komplexität von Sprachen vergleichbar ist, erahnt man eine ähnliche Experimentierfreudigkeit beim Drummer und Percussionisten Yatziv Caspi, der beim Indischen Tabla ein wahrer Meister ist.

Bei der zweijährigen Entwicklung des Albums haben alle entscheidend zu dem runden Balkan Swing Sound beigetragen. Beim gemeinsamen Spielen gehen sie eine Symbiose ein, beim Entwickeln neuer Melodien befruchten sie sich mit ihren Ideen gegenseitig. Wie das klingt, hört man in Szupa Czipa, dass man seit dem 30.11.2013 nicht nur bei ihren Auftritten wie am 7.12.2013 bei Electro Swing Revolution im Berliner Astra Kulturhaus, sondern auch auf ihrer Webseite oder im Dussmann-Kaufhaus bekommen kann.

(Autor: Nellski)

Django Lassi im Internet: Webseite | facebook

CD der Woche vom 25. November bis zum 01. Dezember 2013 | (EAN 0825646451746) 2013 Warner

Buika - La Noche Más Larga

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Eine der zweifellos sinnlichsten und charismatischsten, schön nah am Reibeisen, an Samt, und Seide kuschelnden Gesangsstimmen Spaniens, wenn nicht gar mittlerweile weltweit, gehört einer Mallorquinerin afrikanischer Abstammung. Buika, mit kompliziert langem, schönem Namen María Concepción ("Concha") Balboa Buika ist die Tochter von Emigranten aus Äquatorialguinea. Auf insgesamt sechs eigenen Alben (zuzüglich einer 2011 erschienenen Best-Of-Compilation) kostet die gefühlsintensive Charaktersängerin ihre elegante, farbenprächtige Melange aus Flamenco, Jazz, Soul und diversen Afro-Einflüssen genüsslichst aus.

Nach einem deutlich jazzigeren Einstieg mit einer allerersten Indepent-Veröffentlichung unter eigenem Namen, im Jahr 2000, begab sich Concha Buika auf soulpoppigere Pfade, die schließlich auch zu ihrem weltweiten Erfolg führten. "Ich bin keine Amerikanerin, habe nichts im Blut von der Gitano-Rasse, noch die 'paya', die Nichtzigeunerin in mir. Ich bin nicht aus Amerika, das hier ist mein Land. Ich bin aus dem Barrio...". - so sang die Afrospanierin auf Spanisch und Englisch 2005 im Song "New Afro Spanish Generation": eine Art musikalische Visitenkarte für eine ganze Schar junger "neuer" Spanier mit afrikanischem Background. Damals hatte sie ihre Geburtsstadt Palma de Mallorca bereits längst verlassen - ihr sozial schwaches, aber kulturell offenbar reiches, v.a. von Gitanos bewohntes Heimatviertel, durch die sie erstmals und - wie man hören kann - nachhaltig mit dem Flamenco in Tuchfühlung gekommen war.

Nach einer längeren, beruflich fruchtbaren Madrid-Etappe lebt die selbstbekennende Nomadin nun seit knapp fünf Jahren im sonnigen Miami, wo auch ihr aktuelles Album entstand. Tage- bzw. nächtelang zurückgezogen ins vertraut-gemütliche Ambiente ihres Heimstudios nahm die eigenwillige, freiheitsliebende Frau im Alleingang ihre Gesänge für das Gros der Songs auf: Mit einem Gläschen Rum, etwas zu rauchen und mit Vorliebe splitterfasernackt, wie sie multicult.fm schmunzelnd offenbarte. Entsprechend "entblößt", essenziell mutet das Lieddutzend auch an, von dem fünf Kompositionen aus eigener Feder sind und zwei auf Englisch gesungen sind. Buika entpuppt sich einmal mehr als einfühlsame, originelle Interpretin fremder Stücke, vermag selbst Klassikern wie Jacques Brels "Ne me quitte pas" oder dem kubanischen Bolero "Siboney" ganz neues Leben einzuhauchen. Apropos Kuba: Nachdem die 41-jährige mit dem prominentesten Pianisten der Insel, Chucho Valdés, ihr letztes Studioalbum, eine Hommage an die 2012 verstorbene, sehr verehrte Chavela Vargas, aufgenommen hatte, vertraute Buika auch für ihr neues Projekt auf auffallend viele exzellente kubanische Instrumentalisten, vorneweg ihren langjährigen "Leib- und Magenpianisten" Iván "Melón" Lewis. Er wie die meisten der anderen weltgewandten Landsleute - einer "Schar genialer, staatenloser Verrückter", so Buika - lebt und arbeitet bereits seit längerem außerhalb Kubas. Zur zwischen Madrid, New York und Miami agierenden Crew, zu der auch einige hervorragende, insbesondere mit dem Flamenco vertraute spanische Kollegen gehören, gesellte sich für einen der getragen-melancholerischen Songs auch der renommierte Jazzgitarrist Pat Metheny hinzu.

Gerade recht zu den vielen, endlos langen vor uns liegenden Herbst- und Winternächten kommt dieses der Liebe genauso wie des "desamor", der Lebenslust wie der Einsamkeit frönende Album, das ja schließlich auch mit "Die längste Nacht" betitelt ist. Es gehört mit seiner süßen, lebenshungrigen Sentimentalität einfach eher "unter Tage" und hat schon jetzt etwas von einem Werk für - nichts Geringeres - als die Ewigkeit ... olé!

(Autorin: Katrin Wilke)

Buika im Internet: Webseite | Tour-Tagebuch

CD der Woche vom 18. bis zum 24. November 2013 | (EAN 4042564146813) 2013 normoton

Pupkulies & Rebecca - Tibau

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Die kapverdische Insel Maio, Würzburg und Berlin sind die nicht gerade gängigsten, geografischen Koordinaten dieses Trios mit dem nach einem Duo klingenden Namen, das sich für dieses Albumprojekt zum Quartett erweiterte. Der in Kamerun geborene und in seiner Kindheit teilweise auf den Kapverden aufgewachsene Janosch Blaul, der mit "Pupkulies", dem Nachnamen seiner Mutter, dieser eine kleine Hommage beschert, stieß beim Elektrotechnikstudium in Berlin auf Sepp Singwald. Zusammen mit der frankophilen, auch mit HipHop und Jazz vertrauten Sängerin Rebecca, Janoschs Lebensgefährtin seit frühen Würzburger Tagen, kam man irgendwann auf den entscheidenden musikalischen Trichter, aus dem bislang fünf Alben herauskamen.

Das letzte wurde maßgeblich inspiriert von der in der kapverdischen Tradition verwurzelten Musik des SingerSongwriters Tibau Tavares, die Janosch seit langem kennt und liebt, und die sich geradezu wundersam einfügt in das Elektronikkonzept von Pupkulies & Rebecca. Deren Clubsound wandelt leichtfüßig zwischen House und Pop sowie einfach-klarem, akustisch anmutendem, chansoneskem Songwriting. Man begab sich zur Aufnahme der elf auf Kreolisch interpretierten Songs in die sonnige Heimat des afrikanischen Musikerfreundes und hörbar tief hinein in dessen reichhaltige Welt an Stilen und Rhythmen wie die flotten Batuk, Coladeira oder Funaná sowie die zurückgelehnt-melancholische Morna.

Und damit nicht genug: Das musikalische Vorhaben war mit einem Dokumentarfilmprojekt verknüpft, für das die drei Klangtüftler per Crowdfunding das nötige Geld zusammenbekamen. Das Ergebnis namens "Momento - Pupkulies & Rebecca play Cabo Verde" - betitelt nach einem von Tibaus Songs - ist in dieser Woche erstmals auf der großen Kinoleinwand zu bestaunen. Die Premiere feiern die vier Musiker im Berliner Kino International am 21. November mit der Filmvorführung um 21.30 h und einem anschließenden Konzert. Und multicult.fm feiert gerne mit und kredenzt dazu das Album "Tibau" als CD der Woche!

(Autor: Katrin Wilke)

Pupkulies & Rebecca im Internet: Webseite

CD der Woche vom 11. bis zum 23. November 2013 | (EAN  826863275320) 2013 piranha

Boban & Marko Marković Orchestra - Gipsy Manifesto

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Nach vier Jahren Pause, mal abgesehen von dem Best Of Album Golden Horns (2012), melden sich Boban und Marko Marković mit einem erstaunlichen neuen Studioalbum zurück. Mit Gipsy Manifesto erweitern Vater Boban und Sohn Marko scheinbar spielerisch das Spektrum des Sounds der Balkanblaskapellen durch neue Orchestrierungen und Adaptionen von Musikstilen wie Funk, Jazz, Latin und Afrobeat. Neben einem kompletten Drum Kit, sind auf Gipsy Manifesto Klänge von E-Gitarren, E-Bass und Piano zu hören, wodurch der typische Sound einer Weddingband in neue spannende Klangräume gerückt wird. Während Afrika Paprika sich durch einen Latin-Basslauf und den Einsatz eines Pianos in Richtung von kubanischem Son und Afrobeat bewegt, kommt Divlji Konji (Wild Horse) in einem temporeichen Ska-Gewand daher.

Das darauf folgende gefühlvolle Jazzinstumental Truba I Čovek (Trumpet and Man) setzt dazu einen passenden Kontrast und deckt die Bandbreite des Songwritings von Marko auf, welcher die Stücke vorwiegend geschrieben hat. Dass er dabei einen Faible für Jazzsounds hat, legt auch der Titel Fankerica Šmekerica (Funky Girl) nahe, welcher durchaus als ein mit BalkanBrass gewürzter Fusion-Jazz Titel gesehen werden kann. Mit Songs wie Turbo Dizel (Turbo Diesel) und Disko Džumbus 2013 (Disco Mayhem) kommen bei Gipsy Manifesto aber auch die Fans des klassischen treibenden Balkan Beat Sounds nicht zu kurz. Abgerundet wird das Album, auf dem Boban und Marko Marković thematisch ihre Karrierestationen als Wunderkinder der Trompete über unzählige Siege bei Trompetenwettbewerben auf dem legendären Guca Festival bis hin zum Status als moderne vielschichtige Musikproduzenten Revue passieren lassen, durch den abschließenden Remix Šljivovica von der hamburger Electroswing-Legende Dunkelbunt.

Alles in Allem glänzt Gipsy Manifesto durch sprühende musikalische Ideen, welche immer in engen Bezug zur Tradition des typischen Sounds der Balkanblasmusik gesetzt sind. Ihrem Ruf als Weltmeister der Roma-Blasmusik werden Boban und Marko Markowić mit Gipsy Manifesto nicht nur gerecht, sonder bugsieren sich darüber hinaus mit ihren Stilfusionen in den internationalen und wunderbar vielschichtigen Kosmos der Weltmusik.

(Autor: Stefan Emter)

Boban & Marko Marković Orchestra im Internet: auf der Seite des Labels

CD der Woche vom 04. bis zum 10. November 2013 | (EAN 42060162630125) 2013 BUYÚ Records

Bahama Soul Club - The Cuban Tapes

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Stell Dir eine brilliante Jazzband vor, in einem cubanischen Nachtclub der 60er Jahre, mit dem Sound des 21. Jahrhunderts. Mit den 17 Tracks von "The Cuban Tapes" gelingt es dem Braunschweiger Produzenten Oliver Belz einmal mehr, dem seit nunmehr zwei Jahrzehnten populären Retro-Dancefloor-Jazz neue Facetten abzugewinnen. Zur bereits auf den Vorgängeralben "Rhythm Is What Makes Jazz Jazz" (2008) und "Bossa Nova Just Smells Funky" (2010) eingeführten eleganten, perkussiven Mischung aus Latin Jazz, Funk, Soul und Boogaloo gesellen sich diesmal die dunkle, sinnliche, verführerische Mystik von Tiki und Exotica und eine schier unerschöpfliche, alles andere als spezifisch cubanische Vielfalt von Elementen aus unterschiedlichsten musikalischen Genres und Epochen, die sich erstaunlich organisch ins Gesamtbild fügen.

Einmal mehr beweist Belz dabei ein feines Gespür bei der Auswahl hochkarätiger Gastsängerinnen. Die Rapperinnen Telmary Diaz (mit "Soledad" und dem unwiderstehlichen Rumba "Cooka Racca") und Danay Suarez ("Malago") sowie Arema Arega ("Mirando Al Mar"), die Kult-DJ Gilles Peterson bereits für sein vielbeachtetes "Havana Cultura"-Projekt engagierte, repräsentieren die tänzerische Leichtigkeit und den kosmopolitischen Intellekt der zeitgenössischen cubanischen Szene. Soul- und Funkdiva Spanky Wilson ("I Warned You Baby"), die Grammy-nomminierte Soul- und Blues-Powerfrau Ruthie Foster ("Grinning In Your Face") und das "Moaners"-Sample der 1937 verstorbenen Jazz- und Gospel-Legende Bessie Smith schlagen einen Bogen über drei Generationen afroamerikanischer Musik. Als Sahnehäupchen gibt es die Tiki-Suite "In the Night" mit der jungen deutsch-schwedischen, von ihrer Zusammenarbeit mit dem Club des Belugas bekannten Nu Jazz-Interpretin Anna Luca. Das niedersächsische Jazz-Lounge-Projekt hat, neben dem Italiener Suonho und dem Franzosen Grant Lazlo, auch einen von drei Remixen für das Album beigesteuert.

Als Inspirationsquelle dienten dem studierten Graphikdesigner Belz die berauschenden Bilder des legendären Films "I Am Cuba", mit grossem logistischem Aufwand und bahnbrechender Kameratechnik in den ersten Jahren der cubanischen Revolution realisiert von dem russischen Regisseur Mikail Kalatozov und in den 1990er Jahren restauriert und präsentiert von Martin Scorsese und Francis Ford Coppola. Für das Video zu dem Track "Ay Jona" montierte Belz eigenhändig die Musiker seiner Braunschweiger Band um den altbewährten Pianisten André Neundorf - darunter auch sich selbst an Schlagzeug, Congas, Bongos und Cocktailshaker - in das Sujet eines Nachtclubs mit Wänden aus Bambusrohr und tanzenden Masken im Havanna zur Zeit der cubanischen Revolution. "The Cuban Tapes" liefern nun den passenden, zeitgemässen Soundtrack zu diesem 50 Jahre alten cinematographischen Meilenstein.

(Autor: Clemens Grün)

Bahama Sound Club im Internet: Label-Promo | Albumtrailer

CD der Woche vom 21. bis zum 27. Oktober 2013 | (EAN 4250536400089) 2013 Essay Recordings

Shantel - Anarchy & Romance

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"Anarchy and Romance" ist das dritte Studioalbum des 1968 in Frankfurt geborenen Stefan Hantel, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Shantel, seit er 2003 praktisch ein neues musikalisches Genre erfand. In den Neunzigern war Shantel der vielleicht gefragteste deutsche Downbeat-Act, ein Meister im Verbinden exotischer Klänge mit Electronica. Die beiden "Bucovina Club"-Sampler ebneten den Weg für eine musikalische EU-Osterweiterung und machten den Balkan Pop in Gestalt unzähliger Live-Acts, Partyreihen, Soundtracks und schliesslich als Inspirationsquelle für den musikalischen und medialen Mainstream weltweit populär. Sein bisher erfolgreichstes Album "Disko Partizani" aus dem Jahr 2007 war in vielen europäischen Charts in den Top 20 vertreten, wochenlang auf Platz 1 der türkischen Charts und erreichte Platinstatus in ganz Südosteuropa. Mit "Anarchy & Romanze" erleben wir nun die nächste Metamorphose dieses einflussreichen Künstlers und Produzenten.

"Back to the Roots" - so könnte man das Motto von "Anarchy & Romance" beschreiben, Shantels erstem Album, das den Musiker ins Zentrum stellt. Wo früher Bässe und Beats mit dem klarem Ziel konstruiert waren, die Dancefloors zu erreichen, wagt er es diesmal, die Uhr auf Null zurückzudrehen. Nicht mehr die Elektronik steht hier im Vordergrund, sondern ein organischer, dreckiger Garagen-Sound, rauer, krachiger Rock 'n' Roll in bester Elvis-Tradition. Shantel schreibt und singt alle Stücke selbst, spielt Gitarre und viele andere Instrumente, benutzt fast keine Samples. Was manch einer für eine Abkehr von dem Shantel, wie wir ihn kennen, halten mag, ist für ihn eine "logische Weiterentwicklung": Peitschende Gitarren, eine alte Fender-Rhodes-"Schweineorgel" aus den 70ern, ein Disko-Beat wird mit einer Flamenco-Gitarre befeuert, minimalistische Shuffle-Beats und Rockabilly mischen sich mit orientalischen Klängen und Reminiszenzen an den Smyrna-Sound, dem Geburtsort des bluesigen Rembetiko.

Eine Evolution, die einerseits Shantels persönlicher, nicht zuletzt den epochalen Umwälzungen auf dem Tonträgermarkt geschuldeten Entwicklung vom namhaften DJ und Produzenten zum gefragten Live-Act Rechnung trägt, anderseits aber auch den veränderten politischen Rahmenbedingungen. Spielerisch-ironische Party-Hits wie "Bucovina", "Planet Paprika" oder "Disko Partizani" hätten, so Shantel im Interview mit multicult.fm, die Pionier- und Aufbruchstimmung der Jahrtausendwende widergespiegelt. Heute jedoch wolle er angesichts einer antisemitischen Regierung in Ungarn, eines "durch und durch korrupten Systems in Rumänien", eines "mafiösen Clans", der Bulgarien ausbeute, oder der Zustimmungswerte für Faschisten in Griechenland, "viel mehr Dinge herausschreien, die ihm nicht" gefielen, und deswegen auch musikalisch "rockiger und rebellischer" klingen.

Gäste sind diesmal Justin Adams, Gitarrist von Led-Zeppelin-Legende Robert Plant, Cherilyn, Mac Neil und Emma Greenfield von der Neo-Folk-Band "Dear Reader", Streicher der Jungen Philharmonie Frankfurt am Main und der renommierte Bassist Ken Taylor, der seit den späten 60er Jahren mit so unterschiedlichen Künstlern wie Bruce Springsteen, Jimmy Cliff, Rio Reiser, Peter Maffay oder Xavier Naidoo gearbeitet hat. Die passenden Studio-Vibrationen holte sich Shantel in den altgedienten Berliner Hansa-Studios, wo vor ihm schon David Bowie, Iggy Pop, die Einstürzenden Neubauten, Falco oder Nick Cave produzierten.

(Autor: Clemens Grün)

Shantel im Internet: homepage

CD der Woche vom 14. bis zum 20. Oktober 2013 | (EAN 605633006926) 2013 World Music Network / Harmonia Mundi

Lala Njava - Malagasy Blues

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Madagaskar ist auch für viele Weltmusik-Liebhaber noch immer ein ziemlich heller Fleck auf dem musikalischen Globus. Dabei existiert auf der Insel vor der Ostküste Afrikas eine der faszinierendsten Kulturen Kontinents. Uns in Europa wird sie vor allem über Migranten zugänglich. Eine Künstlerin die sich jetzt lautstark mit ihrem Debüt-Album zu Wort meldet, ist die 55 jährige, in Brüssel ansässige Lala Njava. Auch wenn "Malagasy Blues Song" ihre erste CD unter eigenem Namen ist, hat Lala Njava bereits viele Jahre im Musikgeschäft hinter sich. Als unmittelbare Einflüsse nennt sie den sehr emotionalen Gesangsstil von Mama Sana, der Heilerin des Dorfes, in dem sie aufwuchs, sowie Miriam Makeba, Aretha Franklin und Tina Turner, die sie im Radio gehört hatte.

Eigene Bühnenerfahrungen sammelte Lala Njava schon früh mit der vom Vater gemanagten Familien-Band, die kreuz und quer durch Madagaskar tourte. Anfang der 1980er Jahre löste sich die Gruppe auf, und Lala Njava ging in die Hauptstadt Antananarivo. Sie arbeitete tagsüber als Lehrerin, arbeitete aber weiterhin als Sängerin mit verschiedenen Bands. Zum bisher größten Bruch in Lala Njavas Biografie wurde 1986 ihre Übersiedlung nach Brüssel, wo sich wenig später auch ihr gitarrespielender Bruder Dozzy Njava niederließ, dem weitere Geschwister folgten, so dass sich im belgischen Exil wieder eine Familien-Band mit dem schlichten Namen "Njava" zusammenfand. Die Gruppe nahm zwei erfolgreiche Alben auf, wurde mit Auszeichungen überhäuft (darunter der Preis von Radio France International für musikalische Neuentdeckungen) und tourte intensiv durch Europa und Nordamerika. Parellel dazu war Lala Njava zeitweilig Mitglied von Deep Forest.

Auch ihre aktuelle CD "Malagasy Blues Song" hat sie wieder im vertrauten Familienkreis eingespielt: mit den Brüdern Dozzy (Gitarre), Maximin (Bass) und Pata Njava (Schlagzeug, Percussion). Diese Möglichkeit zu haben, empfindet sie als Privileg: "Es ist eine große Chance, denn dadurch fühle ich mich beschützt und in Sicherheit." Zu den Gästen auf dem Album gehört mit dem Akkordeon-Virtuosen Régis Gizavo ein weiterer prominenter Musiker aus Madagaskar, der in Europa lebt. Westliche Pop-Einflüsse sind zwar weiterhin vorhanden, dominieren den Klang des Albums aber nicht, denn auch nach knapp drei Jahrzehnten in Brüssel ist aus Lala Njava keine Belgierin geworden. "Ich habe die Füße in Europa, aber mein Herz ist in Madagaskar. Für mich ist es sehr wichtig, den Kontakt zu meinen Wurzeln zu behalten und so oft wie möglich nach Madagaskar zu reisen, mit den Leuten dort zusammen zu sein, an ihrem Leben teilzuhaben und auch an Zeremonien für die Ahnen." Denn die sind, wie überall in Afrika, nicht einfach tot, sondern im Leben der Nachkommen täglich präsent; und bei den Zeremonien ehrt man sie nicht nur, sondern bittet um Hilfe bei der Bewältigung der Probleme der Lebenden.

Auch Lala Njavas Texte drehen sich um ihre Insel, um Heimweh, Korruption oder illegale Polygamie. Insofern ist auch der Album-Titel "Malagasy Blues Song" programmatisch. Diese Musik aus Nordamerika ist Lala Njava alles andere als fremd. "In meiner musikalischen Kultur im Südosten Madagaskars gibt es einen Stil der Beko heißt. Der ist praktisch ein Äquivalent zum Blues. Für mich ist der Blues so etwas wie ein Schrei, er ist Schmerz, Freude, Hoffnung und Enttäuschung, eine Botschaft." In Madagaskar unterstützt Lala Njava Projekte für Frauen und Kinder sowie zur Wiederaufforstung der abgeholzten Wälder. Das geht mit ihrer Musik Hand in Hand, meint sie. "Ich schreibe Song, um Dinge zu verarbeiten, die mich belasten, denn ich mag es, solche Dinge konkret zu benennen und sie anzuprangern."

(Autor: Wolfgang König)

Lala Njava im Internet: Promo-Videos zur CD

CD der Woche vom 07. bis zum 13. Oktober 2013 | (EAN 3298498288117) 2013 naïve / Indigo

Pink Martini - Get Happy

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Mit ihrem neuen Album gibt uns die Band Pink Martini zum siebenten Mal - gerade rechtzeitig gegen die Herbst-Tristesse - ihre musikalische Anleitung zum Glücklichsein. Ein Gefühl, das bei den genüsslichen Nostalgikern aus Portland/Oregon auch stets eine gute Prise Melancholie enthält. Seit 1995 zelebriert das zwischen 10 und 15 Musiker umfassende Riesenensemble von Pianisten Thomas Mack Lauderdale und der singenden Frontfrau China Forbes seine ganz eigene, trotz ihrer Reminiszenzen an die Musik weit zurückliegender Dekaden, sonderbar zeitlos anmutende, glamouröse Melange aus Jazz, Pop und Klassik. Diese Kombination lässt an etwas Abgeschmacktes, an unangenehmes Easy-Listening denken, wird von Pink Martini allerdings äußerst appetitlich kredenzt. Spätestens ihr Song "Je ne veux pas travailler", bekannt geworden durch eine Werbung und zu finden auf dem Debütalbum "Sympathique", sind ihre Songs in unser aller Ohren und beliebter Soundtrack von Party-Machern und Barbetreibern.

Die Experten des eleganten Coverns haben sich auch diesmal wieder einige - mehr oder weniger bekannte - Klassiker vorgenommen: von Charlie Chaplin's "Smile" bis zum kubanischen Evergreen "Quizás quizás quizás". Hierbei hat Forbes das Gesangsmikro ihrer Kollegin Storm Large überlassen, die aktuell auch mit der Band zusammen auf Tour ist. Überhaupt lebt die knapp 20-jährige Geschichte der US-Band von der musikalischen Komplizenschaft. Auch das, neben fremden auch etlichen eigenen, insgesamt 16 Kompositionen durchaus spendabel zu nennende neue Werk entstand mit einer Vielzahl stilistisch recht unterschiedlicher Musikerfreunde. Außer Rufus Wainwright, der gleich in zwei Tracks zu hören ist, wirkte u.a. auch die Schauspielerin und Comedienne Phyllis Diller mit, mit deren Intonation von "Smile" dieser üppige Liederreigen auch endet. Ein berührender Ausklang, verstarb doch die renommierte US-Amerikanerin ein halbes Jahr nach dieser in ihrer Wohnstube entstandenen Aufnahme im Alter von 95 Jahren.

Neben zurücklehnteren Balladen wie dieser lädt "Get Happy" auch zu dem einen oder anderen Tänzchen ein, z.B. gleich im Opener "Ich dich liebe", in dem die polyglotte China Forbes neben Englisch auch auf Deutsch singt. Womöglich brechen Pink Martini diesmal gar den Rekord ihrer verwendeten Sprachen: Neben Englisch erklingen Japanisch, Französisch, Mandarin, Farsi, Türkisch und Rumänisch. Gemeinsam mit der musikalischen Zusammenführung von Welten und Zeiten ist es diese sprachliche Vielstimmigkeit durchaus als politische, integrative Haltung dieser weltgewandten US-Amerikaner zu verstehen, wie Mastermind Lauderdale versichert: "Wir sind eine sehr amerikanische Band, aber wir verbringen viel Zeit im Ausland und haben deshalb die unglaubliche Möglichkeit, ein breiteres, vielfältigeres Amerika diplomatisch zu vertreten. Nämlich das Amerika, das nach wie vor das am buntesten bevölkerte Land der Erde ist, mit Menschen aus aller Herren Länder, die die verschiedensten Sprachen sprechen und den unterschiedlichsten Religionen angehören.". Diese Botschaft bringen Pink Martini samt ihres "Get Happy"-Gefühl innerhalb ihrer Europa-Tour auch in deutschen Gefilden unter die Leute. Diese Woche, am 7. Oktober, sind sie im Konzertsaal der Berliner Universität der Künste live zu erleben.

(Autorin: Katrin Wilke)

Pink Martini im Internet: homepage

CD der Woche vom 30. September bis zum 06. Oktober 2013 | (EAN 4260075860794) 2013 Rootdown

Jaqee - Yes I am

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Mit ihrem vierten Studioalbum wird Jaqueline Nakiri Nalubale, besser bekannt unter ihrem Künsternamen Jaqee, einmal mehr ihrem Ruf als musikalischem Chamäleon gerecht. Während ihr Debutalbum "Blaqalixious" 2005 sich noch hauptsächlich an Soul und R&B orientierte, kam "Nouvelle d´ amour" 2007 deutlich rockiger daher. "A Letter to Billie", ein Projekt mit der legendären schwedischen Bohuslän Big Band, war eine Hommage an die Jazzsängerin Billie Holiday, das 2009 veröffentlichte "Kokoo Girl" eine Reise zu den Wurzeln von Roots Reggae und Ska.

"Musik", sagt Jaqee, "ist wie Essen. Man möchte nicht jeden Tag dasselbe essen. So wie sich deine Stimmung sich verändert, so verändert sich auch deine Musik". Aufgewachsen im von Diktatur und Bürgerkrieg gebeutelten ostafrikanischen Uganda, wurde Jaqee 1990 13jährig als Flüchtling in Schweden anerkannt und lebte fortan in einem Vorort von Göteborg, wo sie Jahre später auch ihre musikalische Karriere begründete. 2009 begann die Zusammenarbeit mit dem Kölner Reggae-Produzenten Thilo "Teka" Jacks, der sich auch für das nun veröffentlichte Album verantwortlich zeichnet. Nach Jahren, in denen Jaqee praktisch aus dem Koffer lebte, gründete sie eine eigene Famile, legte eine Babypause ein und fand eine neue Heimat in Berlin. Die dreizehn Songs ihres neuen Album spiegeln nun sowohl diese umtriebigen Jahre des Übergangs, als auch die persönliche Reifung und Erdung der Künstlerin wider.

"Yes I Am" - der Titel des in Göteborg, Kingston, aber überwiegend in Jaqees neuer Wahlheimat produzierten Albums ist ein selbstbewusstes Statement, das nicht zufällig an Barack Obamas Slogan zur Präsidentschaftswahl 2008 erinnert. Teka, der schon die Wandlung des Reggae-Sängers Maxim zum Singer / Songwriter beförderte, sperrt auch Jaqee nicht in die Genre-Schublade, sondern begibt sich gemeinsam mit ihr auf die Suche nach Sounds, die ihrer erfahrungsreichen Vita entsprechen. Markante Basslinien und fröhlich-wummernde Dancehall-Beats wechseln sich ab mit rockigen Gitarren, sphärischen Streichern und energiegeladenen Afrobeat-Bläsersätzen. Gerne, so wie mit dem untypischen, aber nichtsdestoweniger kurzweiligen und radiotauglichen Duett mit der Reggae-Ikone Anthony B ("Take A Stand"), unterläuft Jaqee dabei die Erwartungshaltung des Publikums.

Während "Hero" oder die sehr persönliche, melodramatische Beziehungsgeschichte "Drop of water" an Filmmusik erinnern, wird "Dance", mit dem Jaqee, als Höhepunkt ihrer Live-Shows, die therapeutische Wirkung von Musik und Tanz beschwört, zur musikalisch wie visuell (im begleitenden Video) äußerst stylisch umgesetzten, clubtauglichen Soulnummer. Mit, Funk, Blues, Rock, Reggae, New Wave, Elektro und afrikanischem Gospel lotet Jaqee die grenzenlosen Möglichkeiten der zeitgenössischen Popmusik und das Potential ihrer kraftvollen, unverwechselbaren Soulstimme in all ihren Facetten aus.

Das eigentliche Berliner Release-Konzert findet am 4. Januar 2014 im SO36 statt. Aber schon am 18. Oktober ist Jaqee auf der Bob Marley Tribute Show im YAAM zu erleben.

(Autor: Clemens Grün)

Jaqee im Internet: homepage

CD der Woche vom 16. bis zum 22. September 2013 | (EAN     ) 2013 Pyromusic

Mr Žarko - Electric Gypsy Disco Noise

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Das Herz der Balkanmusik schlägt in Serbien, genauer gesagt in Guča, wo jährlich die bedeutendste Musikerveranstaltung Südosteuropas, das weltberühmte Guča Trompeten Festival stattfindet. Kein Wunder, dass Žarko Jovaševic, der dort aufgewachsen ist, diese Musik bereits mit der Muttermilch aufgenommen hat. Mit diesem Balkan-Spirit in den Genen suchte er vor acht Jahren, als er frisch nach Berlin kam, Musiker, die diese Leidenschaft teilen.

2011 war es dann so weit als er die richtigen Musiker um sich versammelt hatte, um die Band Mr. Žarko zu gründen. Aus Bulgarien stammen die von der Berliner Band Rotfront bekannte Sängerin Katya Tasheva und den mit Preisen ausgezeichneten Jazzsaxofonisten Vladimir Karparov. Die Jazz-Leidenschaft wird auch vom Trompeter und Tenorhorn-Spieler Nikolaus Neuser geteilt. Der Rumäne Stefan Chiriac ebenfalls an der Trompete, sowie Philipp Bernhardt am Schlagzeug spielen bereits in der Band Fanfara Kalashnikov. Aufzuzählen, in welchen Bands der Bassist Carsten Hein bereits gespielt hat würde hier den Rahmen sprengen, auch er ist mit vielen Preisen bereits ausgezeichnet worden. Der Bandleader Žarko Jovaševic selber singt und greift zu diversen Gitarren, sowie Banjo und Flöte. Mit den zuvor genannten Bands, sowie Shantel und Miss Platnum, besitzen die sieben Musiker von Mr. Žarko ein beachtliches Portfolio welches für ein hohes Maß an Qualität spricht.

Jetzt hat die Truppe nach vielen Stunden im Studio endlich ihr Debutalbum "Electric Gipsy Disco Noise" veröffentlicht. Dem Trend folgend haben sie ihre selbst komponierte Balkanmusik mit der Energie elektronischer Musik aufgewertet und mit Elementen von Tango, Latin, Walzer und Reggae perfektioniert. Hilfe bekamen sie dabei von weiteren angesehenen Musikern, wie z.B. die ehemalige Mitarbeiterin von multicult.fm İpek İpekçioğlu, besser bekannt als DJ Ipek, die die Stücke "Ruza" und "Gipsy Street" für Mr. Žarko produziert hat.

(Autor: Nellski)

Mr Zarko im Internet: homepage | label | facebook

CD der Woche vom 02. bis zum 08. September 2013 | (EAN 3521383423691) 2013 Association Cumbia Chicharra

Cumbia Chicharra - Sudor

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2002 in Marseille gegründet, veröffentlichen Cumbia Chicharra, die 12-köpfige Band um die chilenische Sängerin Patricia Gajardo und den französischen Sänger/Komponisten Romain Davidico, nach ihrem begeisternden Debütalbum "Ya Va A Empezar" (2010) mit "Sudor" (spanisch für 'Schweiß') ihr temperamentvolles, in Eigenregie aufgenommenes Zweitwerk. Die multinationale Big-Band verfeinert klassischen lateinamerikanischen Cumbia mit ihren ganz eigenen stilistischen Einflüssen aus afro-europäischen Rhythmen und folkloristischen Klängen vom Balkan bis zum Mittelmeer. In ihrem neuen Album hören wir neben acht schwungvollen Eigenkompositionen auch zwei überzeugende Neuinterpretationen: Lucho Bermudez' "Danza Negra" und "Arroz Con Coco" aus der Feder Pacho Febos. Hier handelt es sich um zwei kolumbianische Cumbia-Hits, die "Sudor" ganz im Sinne des Albumtitels zu einem mitreißenden, schweißtreibenden Tanzvergnügen machen.

(Autor: Daniel Segal)

Cumbia Chicharra im Internet: homepage

CD der Woche vom 26. August bis zum 01. September 2013 | (EAN 0885150337165) 2013 Motéma / Membran / Sony

Matuto - The Devil & The Diamond

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Wie kaum jemand zuvor pendelt die Brooklyner Band Matuto souverän und einfallsreich zwischen der Country-Musik des amerikanischen Nordens, etwa dem Bluegrass, und den ebenfalls ländlich verwurzelten Traditionen Nordostbrasiliens, wie Forró und Maracatú. Nicht von ungefähr steht der Bandname im brasilianischen Portugiesisch auch für den Jungen, den Mann vom Lande. Schon mit ihrem ersten, 2011 beim deutschen Label Galileo erschienenen Album "Matuto" brachten die New Yorker die Fans beider musikalischen Lager zum Schwofen und schaffen das aller Wahrscheinlichkeit nach auch mit ihrem Nachfolgealbum. Die beiden Geburtshelfer der aktuell sechsköpfigen Crew - fünf US-Amerikaner, ein Brasilianer - sind Clay Ross, Sänger und Spieler verschiedener Saiteninstrumente, und Akkordeonist Rob Curto. Die beiden erkunden schon seit etlichen Jahren mit viel Hingabe beide Musikkulturen sowie deren Verkupplungsmöglichkeiten, musizierten und studierten teilweise auch vor Ort in Brasilien.

Nachdem das Matuto-Debüt laut Ross noch eher eine Art musikalisches Brainstorming war und bereits zuvor von ihm veröffentlichtes Material neu versammelte, sei "The Devil & The Diamond" die erste wirkliche Band-Arbeit, hinter der als Komponisten und Arrangeure vor allem die zwei Bandleader stecken. In den überwiegend auf Englisch intonierten Songs finden sich Samba-Anklänge, wie im fröhlichen Rausschmeißer des Albums "Matuto Chant", brachiale Maracatu-Perkussion wie in "The Devil's Hand". In "Drag Me Down" schnurrt sich das brasilianische Berimbau wie nie zuvor gehört und ganz selbstverständlich durch musikalische US-Südstaaten-Gefilde. Fiddle und rockiges Schlagzeug treffen auf Clay Ross' Cavaquinho-Gitarre und Rob Curto's sehr Brasilien-affines Akkordeon. Die Matuto-Melange besitzt in ihrer stilistischen und atmosphärischen Vielfalt durchaus einen Wiederkennungswert.

Clay Ross erinnert sich schmunzelnd, dass sich nach ihren Konzerten mitunter auch schon mal der Botschafter Brasiliens bei Matuto dafür bedankt habe, dass sie quasi seinen Job, d.h. die Kulturarbeit für sein Land mache. Bis es die Band in unsere Breiten schafft, wird noch allerhand Wasser den Hudson River entlangfließen. Bislang sind lediglich zwei Konzerttermine für den Oktober in London angekündigt.

(Autorin: Katrin Wilke)

Matuto im Internet: homepage

CD der Woche vom 19. bis zum 25. August 2013 | (EAN 4260126060982) 2013 Analog Africa (AACD 074)

Various - Afrobeat Airways 2

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Mit Afrobeat wird nach wie vor Nigeria assoziiert, zumeist auch lediglich Fela Kuti mit seinen Söhnen. Aber Afrobeat ist nicht nur ein Stil, der heute auf der ganzen Welt gespielt wird; bereits in den 70er Jahren gab es im ebenfalls westafrikanischen Ghana eine lebendige und relativ eigenständige Afrobeat- und Afrofunk-Szene mit unterschiedlichen Varianten zwischen der Highlife-dominierten tropischen Küstenregion und dem zur Sahelzone gehörenden islamischen Norden. Für die zweite Ghana-Afrobeat-Compilation hat das Team von Analog Africa aus Frankfurt / M. das ganze Land bereist und viele verschüttete musikalische Schätze der Jahre 1974 bis 1983 ausgegraben - von prominenten Künstlern wie Ebo Taylor Jr. oder den African Brothers bis zu international völlig unbekannten Acts wie Uppers International und Los Issufu & His Moslems. Insgesamt ergibt sich so ein erstaunliches Panorama der musikalischen Vielfalt in dem - zumindest für afrikanische Verhältnisse - relativ kleinen Ghana.

(Autor: Wolfgang König)

CD der Woche vom 12. bis zum 18. August 2013 | (EAN 4260312210290) 2013 GMO - The Label

Batucada Sound Machine - B2KDA

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Der Zusatz "Maschine" ist durchaus angebracht bei der mit aktuell neun Musikern sowie viel perkussiver und klanglicher Wucht auffahrenden Truppe. Und auch die "Batucada" führt auf die richtige Fährte, denn dieser afrobrasilianischen, mit dem Samba verknüpfte Perkussionstradition fühlen sich die temperamentvollen, trommel- und blaswütigen Neuseeländer hörbar verbunden. Sie brachte den Stein der Bandgründung ins Rollen, als sich zunächst fünf Drummer zum Batucada-Jammen zusammenrotteten, denen sich nach und nach Gitarristen, Sänger und den Sound heute maßgeblich prägende Bläser anschlossen. Der große Klangkörper von Batucada Sound Machine (BSM) bezieht unterschiedlichste, allesamt groovige Stile in seine Arbeit ein: Funk, Soul und Rock, Hip Hop und Afrobeat, Reggae und Ska, diverse Afro-Latin-Rhythmen, aber auch polynesische Einflüsse bilden gemeinsam die treibende Kraft, mit der die Band noch jede Party, jeden Dancefloor gehörig aufmöbelt.

Musikalische Verkehrssprachen des auch personell multikulturellen Kollektivs (die Musiker sind u.a. aus Brasilien, Kroatien und Simbabwe) sind neben Englisch hier und da auch mal Spanisch oder Portugiesisch. Während die Crew aus dem Südpazifik schon die großen Festivals weltweit gerockt und sich auch hier in Europa einen Namen gemacht hat, überreicht sie hierzulande erst nun mit "B2kda" ihre erste offizielle Visitenkarte: ein gut zusammengestelltes Best Of ihrer bisherigen, nur als Import erhältlichen zwei Alben nebst einiger Bonus-Tracks. Spätestens bei einem Song wie "He Said She Said" werden sich nicht wenige an den Kopf fassen und sagen: Aber die Band kenne ich doch...! Der Rest des Sommers mit all seinen noch lockenden Tanzvergnügen ist also mit unserer aktuellen CD der Woche allemal gerettet. Das Sahnehäubchen dieser Woche ist für alle im multicult.fm-Sendegebiet das Konzert von BSM am 15. August im Waschhaus Potsdam. Einen Tag vorher spielen die Jungs übrigens auf dem Maschsee Festival in Hannover, sowie einen Tag drauf, also am 16. im Lübecker Treibsand, der vorletzten Etappe der aktuellen Europatour.

(Autorin: Katrin Wilke)

Batucada Sound Machine im Internet: homepage

CD der Woche vom 05. bis zum 11. August 2013 | (EAN 0054645701020) 2013 Greensleeves (Groove Attack)

Alborosie - Sound the System

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Alberto D'Ascola, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Alborosie oder auch Puppa Albo, erscheint schon als wahres Urgestein der Reggae-Szene. Dabei liegt "Soul Pirat", das erste Soloalbum des inzwischen 36jährigen Sizilianers, gerade einmal sechs Jahre zurück. Seitdem hat der 2001 nach Jamaika ausgewanderte Produzent, Multiinstrumentalist und Sänger mit der markanten, rauen Stimme allerdings über 60 meist eingängige, radiotaugliche Songs veröffentlicht und sich überdies als Produzent für Künstler wie Shakira, Wiz Khalifa oder Gentleman, Alborosies deutschen Bruder im Geiste, einen Namen gemacht.

Abgesehen von dieser bemerkenswerten Produktivität, hat er dabei auch seinen Sound immer weiter verfeinert. Produziert auf analogem, ausgemustertem und von Alborosie eigenhändig restauriertem Equipment aus dem Studio One und früherer Produzentengrößen wie King Tubby, orientiert sich dieser am jamaikanischen Roots Reggae und frühen Dancehall der 60er, 70er und 80er Jahre. Schlagzeug, Gitarre, Bass, Keyboard - Instrument für Instrument hat sich Alborosie angeeignet und ein musikalisches Genre, dessen Blütezeit er selbst gar nicht bewusst miterlebt hat, so gut nachempfunden, dass es ihm in Fleisch und Blut übergegangen ist.

Inzwischen gehört Alborosie längst selbst zu den prägendsten Stimmen des Reggaes, und sein Tatendrang ist kaum zu bändigen: Fast alle Instrumente hat er auf seinem nunmehr vierten Studioalbum "Sound The System" selbst eingespielt. Dabei zeigt er die ganze Bandbreite des reichen musikalischen Erbes Jamaikas: Nicht nur klassische Dancehall-Nummern wie "Rock The Dancehall" und "Who Run The Dance" füllt er auf seine ganz eigene Weise mit neuem Leben, sondern auch Nyahbinghi Drumming, Ska, One Drop oder Rub-A-Dub. Zu seinem Grundprinzip gehört dabei der weitgehende Verzicht auf Samples zugunsten musikalischer und textlicher Zitate.

Auch politisch orientiert sich Alborosie an seinen schon von der 68er-Generation verehrten Vorbildern. In "Love Is The Way" kritisiert er Musikerkollegen, denen es nur um Geld und "Bling" geht. Das jamaikanische Sprichwort "Play Fool To Catch Wise" ("Sich dumm stellen, um jemanden hinters Licht zu führen") kann als Anspielung auf Alborosies persönliche Erfahrungen im rauen jamaikanischen Musikgeschäft verstanden werden. Der offene Brief "To Whom It May Concern" und der Diss-Tune "Shut U Mouth" schliesslich formulieren explizite und zum Teil drastisch vorgetragene Systemkritik, die - stellvertretend für korrupte Eliten weltweit - nicht nur auf Alborosies vertrautes Umfeld in Kingston Bezug nimmt, sondern auch auf Berlusconis Italien.

Namhafte Gastkünstler sind u.a. die Rasta-Ikone The Abyssinians, berühmt durch ihre Reggae-Hymne "Satta Massagana" und der legendäre Reggae-Saxophonist Dean Fraser. Für Bob Marleys Klassiker "Zion Train", den einzigen Cover-Song des Albums, teilt sich Alborosie das Mikrophon mit dessen Sohn Ky-Mani Marley, in "Memories" und "Warrior" mit den Nachwuchstalenten Kemar und Nature. Ein echtes Highlight schliesslich ist die mitreißende Rocksteady-Nummer "Goodbye": An der Seite des italienischen Retro-Popstars Nina Zilli, 2012 Vertreterin Italiens auf dem Eurovision Song Contest in Baku, klingt der Rasta aus Marsala beinahe wie der große Louis Armstrong.

(Autor: Clemens Grün)

Alborosi im Internet: homepage

CD der Woche vom 29. Juli bis zum 04. August 2013 | (EAN 4250095881589) 2013 Galileo Music Communication

Fernando Miceli & Band - Arrabal y Exilio

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Es ist rund zehn Jahre her, dass findige Multiplikatoren der Stadtkultur den Begriff von Berlin als der "Tango-Hauptstadt Europas" prägten. Seitdem ist viel Wasser durch die Spree geflossen, das Phänomen etwas aus dem Fokus des medialen Hypes gerückt. Doch unverändert frönt eine treue Gemeinde von Tänzerinnen und Tänzern ihrer Leidenschaft, auf Dutzenden von Milongas, die jede Woche zwischen Pankow und Zehlendorf stattfinden. Dabei ist der Tango immer so etwas wie der große Bruder der fröhlich-verspielten Modetänze Salsa und Swing geblieben, und zwar ungeachtet der kaum geringeren sportlichen Herausforderung, die er für das Tanzpaar darstellt. Der Tango ist leiser, intimer, gefühlvoller, tiefgründiger und damit das perfekte Medium für die verborgene Erotik und feine Ironie, wie sie etwa der Schlager im Berlin der 20er Jahre zelebrierte.

Fernando Micelis zweites Soloalbum "Arrabal y Exilio" reflektiert daher nicht nur den persönlichen Werdegang des Tangosängers als Wanderer zwischen den Welten über zwei Jahrzehnte, sondern ist viel tiefer mit der verborgenen Seele dieser Stadt verbunden, als es der Künstler zu Beginn seines Weges geahnt haben mag. Arrabal ist im Tangodialekt das Wort für Heimatstadt. Die elf Songs von "Arrabal y Exilio", ausschliesslich Eigenkompositionen, verflechten den Herzschlag zweier Metropolen, Buenos Aires und Berlin, und beschreiben die ganz persönliche Suche des im Exil lebenden Einwanderkindes Miceli nach der Heimat in der Fremde.

Als Arrangeur hat sich Miceli den Bandeonisten Peter Reil ins Boot geholt, einen der profiliertesten Tangomusiker Europas, bekannt u.a. durch seine Zusammenarbeit mit Carel Kraayenhof & Sexteto Canyengue, Sabor a Tango und dem argentinischen Orchester El Arranque. Dieser hat mit "B.A.-Memories" auch das einzige Instrumentalstück auf der CD komponiert. Der Pianist Pablo Portela, die Bassistin Anna Maria Huhn und die Violonistin Ulrike Dinter komplettieren das musikalische Quintett. Hinzu kommen als Gastkünstler der wie Portela aus Uruguay stammende Latin-Jazz Perkussionist Diego Piñera und als Duettpartnerin von Miceli die Opernsängerin Feline Lang.

Mit seiner klaren, samtweichen Baritonstimme schlägt Miceli eine Brücke zwischen den Klangwelten des alten und modernen Tangos in Buenos Aires, Montevideo und Berlin. Traditioneller Tango, Walzer, der Volkstanz Zamba und die "Milonga Campera", eine ländliche Urform des Tangos, wechseln sich ab mit poetischen Balladen, dem rockigen "Esther", Filmmusik und "Parallele(n) Welten", der melancholischen Variante eines deutsches Chansons. Es ist dies eine temperamentvolle und zugleich nostalgische wie zeitlose Musik, die träumerisch in den Rausch der urbanen Nacht entführt und dabei viel tanzbaren Stoff bietet für Milongas in Kreuzberg und San Telmo.

(Autor: Clemens Grün)

Fernando Miceli im Internet: homepage

CD der Woche vom 22. bis zum 28. Juli 2013 | (EAN 0790248033020) 2013 Putumayo / EXIL

Various - Women Of Brazil

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Nicht nur das Klischee will es... - vieles der brasilianischen Populärmusik, der MPB, atmet etwas Sommerlich-Luftiges, macht zumindest Lust auf die Wärme, welche die Musiker dort quasi das ganze Jahr über umgibt. Nicht anders verhällt es sich mit unserer aktuellen CD der Woche, auf der nichts als Frauen singend diese Energie verströmen. Kein gleißendes Sonnenlicht, vielmehr kleine, feine Strahlen, die sich in dem vorliegenden knappen Lieddutzend des Albums Bahn brechen. Eine angenehme, wohlklingende Behutsamkeit ist den elf Vokalistinnen eigen, die irgendwie recht gut passt zu unserem derzeit teils zaghaften, zögerlichen Sommer.

Das Land der 1000 musikalischen Möglichkeiten ist von jeher ein Füllhorn, das überaus großzügig betörende, insbesondere interessante weibliche Gesangskünstler ausschüttet. Einen kleinen, guten Eindruck davon vermittelt diese Putumayo-Compilation, bei der selbst Kenner der Materie auf einige neue Namen stoßen werden. Etwa die zuhause populäre, bei uns eher unbekannte, stilistisch flexible Paulista Graça Cunha, die sich hier mit einem Samba vorstellt. Überhaupt geben dieser und seine langsamere Spielart, die Bossa Nova, den Ton an bei dieser Frauenversammlung. Musikalisch Schrilles, allzu Wagemutiges, wofür Brasilien ebenfalls seit langem bekannt ist, sollte man in den knapp 40 Minuten nicht erwarten.

Viele der Sängerinnen kommen aus dem Epizentrum aktueller Musikentwicklung, aus São Paulo, wie die bei uns schon durch eigene Alben bekannt gewordene Luísa Maita oder die Dame mit dem eher unbrasilianisch klingenden Nachnamen Juliana Kehls. Ebenfalls ist natürlich Rio mit einigen charismatischen Ladies vertreten, z.B. den beiden famosen Musikerkindern Mart'nália (ihr Vater ist der große Sambista Martinho Da Vila) und Clara Moreno (Tochter von Joyce). Desweiteren begibt man sich in die Diaspora der brasilianischen Musik mit dieser Liedersammlung: nach Venedig zur Band von Rosa Bittolo Bon, Nossa Alma Canta, nach Paris zur Carioca Flavia Coelho (ihr Album "Bossa Muffin" war im Mai unsere CD der Woche) oder an der Hand von Miriam Aïda nach Schweden. Wohlklingend und appetitlich alles, was diese Frauen kredenzen - eher zurückgelehnt, mit einem Schuss "Saudade". Wie gesagt, genau das Richtige, um entspannt und ungebrochen optimistisch auf weitere Sonnengeschenke des Sommers zu warten...

(Autorin: Katrin Wilke)

CD der Woche vom 08. bis zum 14. Juli 2013 | (EAN 3521383425985) 2013 No Fridge (Broken Silence)

DJ Click & Rona Hartner - Boum Ba Clash (Extended Edition)

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Eine eher ungewohnte Erfahrung macht man beim Hören der CD "Boum ba Clash" von DJ Click und Rona Hartner - ein Album, welches nach acht Jahren neuveröffentlicht wird inklusive einer zweiten CD mit bisher unveröffentlichten Stücken, neuen Masterings, sowie Remixen von Gaetano Fabri und Shantel. Doch wer wilde Gypsyklänge erwartet, wird eines besseren belehrt. Man wird sanft in eine Traumwelt hineingezogen. Entspannte kühle Dub- & Drum'n'Bass-Beats von DJ Click, garniert mit dezenten Synthesizerklängen und allem was Romamusik zu bieten hat zwischen A wie Accordion und Z wie Zymbal, treffen auf die warme verträumte Stimme Rona Hartners. Für dieses Album sollte man es sich bequem machen, Kopfhörer aufsetzen und die Augen schließen. Man kann fröhliche und traurige Alltagssituationen mitfühlen und erlebt eine Reise sowohl durch die leidenschaftliche als auch leidende Welt der Roma.

Die halb deutsch-, halb Roma-stämmige Rumänin Rona Hartner spielt mit ihrer Stimme, mal wie in Trance, mal burschikos, mal fordernd. Dass sie so gut mit ihrer Stimme umgehen kann, verdankt die erfahrene Roma-Sängerin und Künstlerin mit Sicherheit auch ihrem schauspielerischen Talent: Für ihre Rolle als zügellose wilde Sabina in dem Film "Gadjo Dilo" von Tony Gatlif erhielt sie neben einer enormen Steigerung ihres Bekanntheitsgrades auch diverse Auszeichnungen wie den bronzenen Leoparden auf dem Internationalen Film-Festival in Locarno. Die Emotionen die Rona Hartner dem Hörer vermittelt funktionieren aber nicht ohne den ausgetüftelten Arrangements und dem komplexen Sounddesign von DJ Click aus Paris. Dieser Mann versteht sein Handwerk und so ist es nicht verwunderlich, dass die Liste mit den Bands und Künstlern mit denen er bereits zusammengearbeitet hat oder für die er Remixe erstellt hat, sich wie das Who-is-who der Europäischen Weltmusik-Szene liest:

Neben den zuvor genannten Gaetano Fabri und Shantel reihen sich noch unter anderem La Caravane Passe, Watcha Clan, Farrapo & Yanez, Warsaw Village Band, Santa Macairo Orkestar, Transglobal Underground, Parno Graszt, La Cherga, Mahala Raï Banda und sogar Manu Chao in die recht lange Liste ein. Neben den vielen Produktionen und Kollaborationen ist er weltweit als DJ aber auch mit seiner Band "Click Here" unterwegs. Dass Robert Šoko ihn zu seiner legendären Balkanbeats-Veranstaltung am 13.07. ins Kreuzberger Lido einlädt kann durchaus als Highlight gewertet werden. Die Veranstaltung beginnt um 23 Uhr und kostet 6 Euro Eintritt.

(Autor: Nellski)

DJ Click & Rona Hartner im Internet: facebook | soundcloud | mixcloud

CD der Woche vom 01. bis zum 07. Juli 2013 | Piranha (Alive)

Lord Mouse & The Kalypso Katz - Go Calypsonian

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Lord Mouse & The Kalypso Katz hauchen dem afro-karibischen Sound neues Leben ein. Das Berliner Kollektiv, nach eigener Aussage die einzige Calypso Big Band Europas, widmet sich seit seinem Bestehen erfolgreich der Reanimation dieser Musik und präsentiert jetzt die zweite Veröffentlichung auf CD und Vinyl, produziert von Colin Bass (alias Sabah Habas Mustapha). Auf ihrer Berliner Summer Beach Tour und einer Frankreich-Tournee wird "Go Calypsonian" nun einem begeisterten Publikum vorgestellt.

Der Calypso entstand Anfang des 20. Jahrhunderts in der Karibik, maßgeblich auf Trinidad und Tobago, und geht auf Nachkommen schwarzer Sklaven zurück. In den 40er und 50er Jahren wurde dieser Musikstil weltweit populär unter anderem durch Harry Belafonte, die Andrew Sisters und Robert Mitchum. Zwischendurch kaum noch wahrgenommen, erlebt das Genre nun ein Revival und wird von den Kalypso Katz zelebriert.

Die musikalische Großfamilie von Lord Mouse wird angeführt vom gleichnamigen Sänger und Frontmann und begleitet von einer virtuosen Band sowie sechs Backgroundsängerinnen mit so illustren Namen wie Jungle Jo, Chiquita Anita und Die Schicke Ulrike. Die Kalypso Katz versprühen ihre musikalische Vitalität live und in Farbe - ihre Kostüme wirken wie ein Hommage an Carmen Miranda, die Erfinderin des Tutti-Frutti-Huts und der Party-Funke springt auch aufs Publikum über.

Bestehend aus 17 Mitgliedern aus 7 Nationen wird die Band, trotz aller Multikulturalität, aber auch immer wieder mit stereotypen Urteilen konfrontiert. Nicht selten kommen Fragen im Stil von: Warum macht man denn als Weißer und als jemand, der noch nicht mal aus der Karibik kommt, Calypso-Musik? Derartige Schubladisierungen beantworten Lord Mouse & The Kalypso Katz nonchalant mit Songs wie "White Boy Calypso". Hier wird gegen das Klischee angesungen, dass eine Calypso-Band aus karibischen Schwarzen zu bestehen hätte. In der Musik spielen Hautfarbe und Herkunft keine Rolle. Sie machen eben einfach die Musik, die ihnen gefällt. Basta!

Und das Calypso-Fieber hatte seinerseits auch schon den großen Jazz-Saxophonisten Sonny Rollins befallen, der mit "St. Thomas" seinen karibischen Wurzeln huldigte ...und - wer hätte das gedacht - "Go Calypsonian" dachte sich wohl auch die evangelische Kirche und verewigte den Musikstil in einem Gesangbuch in Form einer Vertonung des Vaterunser, das auf einem westindischen Calypso beruht.

Lord Mouse und die Kalypso Katz haben sich seit ihrem Bestehen eine feste, stetig wachsende Fangemeinde erspielt, die sehr zahlreich auf der kürzlich gefeierten Record Release Party im Berliner Lido erschien. Vor dem Konzert gab es, bei karibischen Temperaturen, eine Grill-Party im Hof und im Anschluss das Konzert bei gefühlten 50° C im Saal - aber auch das hat die feierwilligen Fans nicht vom Tanzen und Jubeln abgehalten! ...und wer das verpasst hat, kann die Band in nächster Zeit wieder in Berlin sehen: zum Beispiel am 4.8.2013 im Strandbad Weissensee und am 10.8. im Badehaus Szimpla.

Lord Mouse & The Kalypso Katz im Internet: homepage

(Autor: Gabriele Schäfer)

CD der Woche vom 24. bis zum 30. Juni 2013 | (EAN 4047179778527) 2013  | out here

Jupiter & Okwess International - Hotel Univers

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Der Perkussionist und Sänger Jupiter Bokondji kam 1965 im heutigen Kinshasa zur Welt und entstammt einer alten Musikerfamilie aus der Mongo-Region in der Provinz Équateur der Demokratischen Republik Kongo. Jupiters Großmutter, eine traditionelle Heilerin, lehrte ihn, Kranke mit Musik zu kurieren. Als Trommler trat er außerdem bei Hochzeiten und Beerdigungen auf. Seine Jugendjahre verbrachte Jupiter Bokondji allerdings in der DDR, wo sein Vater ab 1974 als Diplomat tätig war. Mit deutschen Freunden gründete er die Band "Der Neger", die zentralafrikanische Rhythmen mit Rock und Funk kombinierte und durch die Ost-Berliner Clubs tourte. Wieder zurück in Kinshasa, wurde aus Jupiter Bokondji ein professioneller Musiker, der das ganze Land auf der Suche nach Inspirationen bereiste. Seine dadurch erworbenen Kenntnisse der tradionellen Musik nutzte er, um die alten Sounds mit modernen Einflüssen zu fusionieren, so vor dem Vergessen zu bewahren und allen Kongolesen zugänglich zu machen. Seinen daraus resultierenden Personalstil nennt er "Bofenia Rock". Seit 1990 arbeitet er mit seiner Band Okwess International, mit der er jetzt die CD "Hotel Univers" veröffentlicht hat.

(Autor: Wolfgang König)

Jupiter & Okwess International: homepage

CD der Woche vom 17. bis zum 23. Juni 2013 | (EAN 8030482001143) 2013 ponderosa | edel Kultur

Vinicio Capossela - Rebetiko Gymnastas

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"Nach dem Meer kommt der Hafen und Häfen sind für Musiker das, was Blütenstaub für die Blumen ist." Das sagt Vinicio Capossela selbst über seine neue Veröffentlichung "Rebetiko Gymnastas". Im Anschluss an die musikalische Seereise der letzten CD "Marinai, Profeti e Balene" (Seeleute, Propheten und Wale, unsere CD der Woche im Juni vergangenen Jahres) ist er jetzt in Griechenland angekommen und hat dort sein aktuelles Album aufgenommen. Dafür hat er sich mit namhaften Musikern der lokalen Szene zusammen getan und eine Hommage an den Rebetiko eingespielt - die Musik, die oft als "griechischer Blues" bezeichnet wird. Dieser Stil wurde vor allem durch eingewanderte griechische Musiker aus Kleinasien populär. Von dort vertrieben, siedelten sich die "Rebetes" in den 1920ern überwiegend in den Hafenstädten Athen und Thessaloniki an. So entstand eine fruchtbare Musikszene, von der Vinicio Capossela sich nun inspirieren ließ.

Auf diesem 14. Album des italienischen Musikers befinden sich acht, im Rebetiko-Stil eingespielte, Variationen eigener Stücke und mit "Rebetiko mou" (Mein Rebetiko) eine neue Komposition, die er für dieses Album kreiert hat. Außerdem zwei Coverversionen lateinamerikanischer Stücke sowie ein Titel des russischen Liedermachers Vladimir Vysotsky und eine Fassung von Tetos Demetriades "Misirlou". Dieses Lied über die schöne Ägypterin, zu neuem Ruhm gelangt durch die im Soundtrack von Pulp Fiction verwendete Surf-Version von Dick Dale, wird hier gesungen von der populären griechischen Sängerin Kaiti Ntali. Zum Schluss folgt ein Hidden Track, bei dem es sich um den Hit des italienischen Sängers Tony Dallara aus den 50er Jahren handelt. Der klingt, wie es sich für einen alten Schlager gehört, schön schnulzig und endet mit dem griechischen "Sagapo" (Ich liebe Dich).

Auf der Website von Vinicio Capossela findet man übrigens englische Übersetzungen aller Texte. Auch die liebevolle Gestaltung des Artwork ist eine Würdigung des Rebetiko. Die CD steckt in einem Klappcover, dessen Innenseite eine alte Karte zeigt. Diese deutet den unfreiwilligen und leidvollen Weg der Rebetes von ihrer kleinasiatischen Heimat nach Griechenland an. Eingefügt sind Grafiken von Musikern, die gymnastische Übungen ausführen - soviel zur Entstehung des Albumtitels, der den sportlichen Einsatz bei der Verknüpfung verschiedener Genres symbolisiert. Ein weiteres schönes Detail und Zugeständnis an die griechische Kultur: im Booklet der CD ist zu jedem Lied der Name des entsprechenden Tanzes erwähnt, so zum Beispiel "Tsifteteli" (die griechische Version des Bauchtanzes) oder "Chasapiko", der "Metzgertanz". Vinicio Capossela hat sich für die Aufnahme einige Größen der griechischen Musikszene ins Athener Studio geholt. Mit an Bord sind der Bouzouki-Virtouse Manolis Pappos, der schon mit Mikis Thedorakis, Eleftheria Arvanitaki, George Dalaras und Nikos Papazoglou gespielt hat. Außerdem dabei - Tom-Waits-Gitarrist Marc Ribot, mit dem der bekennende Waits-Fan bereits mehrmals zusammengearbeitet hat. Vom Arrangement her erinnern viele der Titel stark an seine früheren Werke.

Man könnte also sagen, das neue Album ist mehr "Caposseliko" als Rebetiko. Und doch ist es schön, dass Vinicio Capossela, seit jeher bekannt für sein experimentierfreudigen Einsatz in Bezug auf musikalischen Einflüsse, sich jetzt auch der griechischen Musik widmet. Er versteht es als ein Zeichen der Solidarität mit dem krisengeschüttelten Griechenland. Sehr sympathisch - vor allem nach den erschreckenden Nachrichten der letzten Woche über die willkürliche und überstürzte Schließung von ERT, dem staatlichen griechischen Rundfunk.

(Autorin: Gabriele Schäfer)

Vinicio Capossela im Internet: homepage

CD der Woche vom 10. bis zum 16. Juni 2013 | (EAN 4250727800421) 2013 flowfish

Monsieur Periné - Hecho a mano. Suin a la colombiana

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Der gute alte Swing geistert mit dem Präfix "Neo" seit langem durch verschiedenste Ecken der Welt, ist ein attraktiver Global Player auf den Dancefloors, wo er nicht zuletzt die etwas verlorengegange Kultur des Paartanzes wiederbelebt und wo man Menschen jeden Alters zu dieser elegant-altehrwürdigen, flotten Musik schwofen sehen kann. Nun scheint das Swing-Fieber auch das südliche Amerika erfasst zu haben, wie uns diese kolumbianische Band mit französischem Namen mit viel Temperament vormacht. Die sechs jungen Musiker von Monsieur Periné frönen vor allem des einst von Django Reinhardt auf den Weg gebrachten Gypsy Swing und Jazz Manouche. Nicht gerade das Naheliegendste im Land der Cumbia und vieler weiterer Musiktraditionen.

Doch mischen genau diese nebst vieler anderer lateinamerikanischer Einflüsse das recht eigenwillige Latin-Swing-Gebräu der Band gut mit auf, machen es zu etwas ganz Neuen, bis dato nicht Gehörten. Nachdem man sich beim Jammen auf der Straße begegnet war und 2007 in Bogotá mit dem recht originalgetreuen Covern alter Swing-Nummern begonnen hatte, besteht das Repertoire der Band mittlerweile im Wesentlichen aus Eigenkompositionen. Zehn davon landeten auf dem nun vom deutschen Label flowfish veröffentlichten Debütalbum. Dieses enthält desweiteren zwei Adaptionen: neben dem durch Reinhardt populär gewordenen Stück "Cou Cou" auch den mexikanischen Bolero-Klassiker "Sabor a mi", der hier nun gut auf Trab gebracht, im "kleinen schwarzen" Swing-Kleidchen ein ganz neues Sexappeal bekommt. Alles fein arrangiert von den fünf Instrumentalisten, die sich teils vom Musikstudium her kennen, und raffiniert umgesetzt mit einer Vielzahl eher swing-fernerer Instrumente, wie z.B. den kleinen Gitarren Charango oder Ronroco, Congas oder Darbuka.

Und Monsieur Periné, benannt nach einem fiktiven Herrn, mit dem man seinem Publikum augenzwinkernd ein paar Rätsel aufgeben möchte, sind nicht nur eine Band, sondern eigentlich ein fantasievolles, farbenprächtiges Gesamtkunstwerk, schaut man sich die spleenigen Videoclips, die Gestaltung des Albums (dort sieht man die sechs Kolumbianer als Tiere gezeichnet) und nicht zuletzt ihre Bühnenspektakel an. Deren klingender Blickfang ist die einzige Señorita der Band: Die temperamentvolle, singende Frontfrau Catalina García, die von ihrem Anthropologie-Studium eher zufällig zum Gesang geriet, entschlüpft der Gegenwart auch durchs passende Bühnenoutfit gerne in alte Swing-Zeiten. Doch museal klingt da nichts an diesem, wie schon der Albumtitel verheißt, handgemachten "Suin a a la colombiana", der einen allemal in Tanzlaune versetzt. Gelegenheit dazu hat man in Kürze, denn Monsieur Periné kommen erstmals nach Europa und touren gleich ganz ausgiebig. Den Anfang macht Berlin, wo die Kolumbianer am kommenden Samstag, am 15. Juni, im Yaam bei BeLasound auftreten werden. Dieser Sommerfestival-Newcomer wird von radio multicult.fm präsentiert.

(Autorin: Katrin Wilke)

Monsieur Periné im Internet: homepage

CD der Woche vom 03. bis zum 9. Juni 2013 | EAN: 9332727024559 | Two Shoe Records

The Cat Empire - Steal The Light


Leider eher selten, aber dafür um so freudiger begeben wir uns mit unserer aktuellen CD der Woche nach Australien. Und nicht aus dessen Hauptstadt Canberra, sondern aus dem musikalisch bewegten Melbourne kommt dieses Sextett mit dem tierisch-monarchischen Namen und dem dazu passenden Bandlogo, einem blitzenden, bekrönten Katzenauge. Zehn Jahre nach dem gefeierten, dreifach mit Platin ausgezeichneten Debütalbum "The Cat Empire" erscheint nun das sechste Werk dieser musikalisch und personell bunten Mannschaft. Die setzt - anders als auf dem etwas nachdenklicheren, zurückgelehnteren Vorgänger - zur Freude einer großen tanzfreudigen Fan-Schar - nun wieder ganz auf Party. In dem Song-Dutzend werden alle nur denkbaren Stilregister gezogen: Die weltgewandte Popmusik der Australier ist genährt von Ska und Reggae, Jazz, Funk und diversen Latin-Elementen. Und wie ein feiner, aber deutlich roter Faden zieht sich die raffinierte Scratch-Arbeit vom Turntable-Mann und Perkussionisten Jamshid Khadiwala durch die Lieder, die man quasi komplett beim nächsten Tanzvergnügen zum Einsatz bringen kann. Der singende Frontmann Felix Riebl, einer der drei Gründungsmitglieder, die The Cat Empire 1999 auf den Weg brachten, lässt verlauten, dass die Grundidee zu diesem Album beim Auftritt auf dem legendären Jazz Festivals in New Orleans geboren wurde. Er sei fasziniert gewesen vom Mysterium, der besonderen Geschichte dieser Stadt und natürlich auch von ihrer vielfarbigen Musik. Nun klingt "Steal The Light" nur mittelbar nach New Orleans - am ehesten durch die stampfenden Beats und die stattliche Blassektion (dank zweier zusätzlicher Musiker, der sogenannten "The Empire Horns"). Und - nicht unähnlich ihren Kollegen im Mississippi-Delta - kultivieren auch The Cat Empire ihre ganz eigene Allianz aus Latin-, v.a. karibischen und afroamerikanischen Einflüssen. Ihre auf Englisch intonierten und mit einigen spanischen Versatzstücken garnierten Lebensbetrachtungen zielen aus Sicht der Band vor allem aufs Wohlsein und die Tanzlust ihres Publikums ab. Von daher würden die Jungs aus Down Under sicher nicht verneinen, dass ihre Daseinsberechtigung vor allem in der Live-Arbeit besteht. Und der gehen sie, mit dem neuen Album Gepäck, auch noch in diesem Jahr hierzulande nach. Allerdings noch nicht demnächst, sondern erst im November. Dann sind The Cat Empire u.a. auch in Berlin, am 6.11.2013 in der Columbiahalle zu erleben.

(Autorin: Katrin Wilke)

CD der Woche vom 27. Mai bis zum 2. Juni 2013 | EAN:3298498280111 | Label Maison/Naïve

Femi Kuti - No Place For My Dream

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Hatte Martin Luther King 1963 noch optimistisch verkündet "I have a dream", ist die Hoffnung bei Femi Kuti (Jahrgang 1962) weitgehender Ernüchterung gewichen. Auf dem Cover läuft eine Frau durch den endlosen Müll eines afrikanischen Slums. Der älteste Sohn von Afrikas wohl berühmtestem Musiker Fela Kuti, der sein Handwerk in Felas Afrobeat-Orchester Egypt 80 erlernte, aber schon seit 26 Jahren mit seiner eigenen Band The Positive Force arbeitet, nennt seine neue CD daher "No Place For My Dream". Aber wie es so oft in Afrika passiert: Aus westlicher Sicht scheint die Musik gar nicht so richtig zu den militanten Texten zu passen. Femi Kutis Kommentar: "Bei Afrobeat geht es nicht zuletzt darum, die Leute zum Tanzen zu bringen, während man ihnen hilft, die bittere Pille der Realität zu schlucken". Und leider ist Afrika meilenweit entfernt davon, die Wünsche und Träume aus der Zeit der Entkolonialisierung vor einem halben Jahrhundert verwirklicht zu haben. Dem entsprechen bei Femi Kuti Stücke wie der Titelsong oder No Work, No Job, No Money. Und selbst in The World Is Changing geht es nicht um einen Wandel zum Positiven. Aber für Femi Kuti ist Musik nicht nur bewusstseinsbildend, sondern auch eine Möglichkeit, allen Schwierigkeiten zum Trotz Kraft zu tanken für die Bewältigung der alltäglichen Probleme. Und selbst wenn er keinen Platz für seine Träume sieht, singt er davon, dass er trotzdem weitermacht, "Denn ohne Träume wäre mein Leben bedeutungslos".

(Autor: Wolfgang König)

CD der Woche vom 20. bis zum 26. Mai 2013 | (EAN 890846001251) 2013 Cumbancha / EXIL

Kobo Town - Jumbie In The Jukebox

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Drew Gonsalves sagt, die Töne verfolgten ihn. Meist kämen sie in den unpassendsten Augenblicken und wären so zahlreich, dass er jeden Mülleimer seines Hauses mit Liedtexten füllen könnte. Was das für eine Verschwendung wäre, beweist das neuste Album des Gründers und Masterminds der kanadischen Band Kobo Town, "Jumbie in the Jukebox". Dessen Klangfarbe ist geprägt vom multikulturellen Hintergrund des Musikers: Aufgewachsen in Diego Martin auf Trinidad, emigriert er mit 13 Jahren mit seiner Mutter nach Toronto. Hier wünscht sich der Multiinstrumentalist seine erste Gitarre, auch um den jugendlichen Frust musizierend verarbeiten zu können.

Die musikalischen Wurzeln seiner Heimat lassen ihn auch in der neuen Umgebung nicht los und so zeigt er sich tief bewegt, als sein Vater ihn mit 18 Jahren das erste Mal in ein Calypso-Zelt mitnimmt, wo die Calypsonians früher für den Karneval probten und sich vorbereiteten. Von da an beginnt Gonsalves, eigene Musik zu schreiben, die den klassischen Calypso mischt mit dem Vokabular seiner Zeit und Umgebung. Zusammen mit dem kongenialen Produzenten Ivan Duran ist dabei eine Platte entstanden, die zwar stark auf folkloristische Elemente setzt, diese aber mit Dancehall, Ska, Reggae und originellen Lyrics verwebt. So lässt Kobo Town den Calypso wiederauferstehen und definiert ihn gleichzeitig für das neue Jahrtausend neu.

Drew Gonsalves selbst sagt, dass er Schönes und Kraftvolles aufnehmen wolle, weil das etwas wäre, was über Grenzen hinweg Resonanz fände. Musik könne und solle Brücken schlagen. Genau das hat er zusammen mit einer stattlichen Musikercrew auf dem vorliegenden Album eindrucksvoll bewiesen. Und das ist noch dazu ein geradezu ideales, wohltuendes musikalisches Katerfrühstück für all diejenigen, die sich am vergangenen Wochenende beim Berliner Karneval der Kulturen vergnügt haben... Im Juni kommt Kobo Town für ein paar wenige Termine über den Großen Teich nach Europa, darunter auch für bislang ein einziges Deutschlandkonzert (14.6. Erlangen).

(Autor: Patrick Suhm)

Kobo Town im Internet: homepage | facebook

CD der Woche vom 13. bis zum 19. Mai 2013 | (EAN 4260085872077) 2013 Motor Entertainment / Edel

Dirty Honkers - Superskrunk

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Die Hauptstadt des Elektro swingt beherzt in den Sommer. Und wer beim Karneval der Kulturen einmal hinter dem Elektroswing-Wagen hinterhergetanzt ist, der weiß, dass die Symbiose aus Jazz und elektronischer Tanzmusik gerade zur warmen Jahreszeit besondere Glücksgefühle beschert. Das werden sich auch die Dirty Honkers gedacht haben, als sie kürzlich ihr neues Album, der insgesamt zweite Longplayer, "Superskrunk" veröffentlichten.

Schon die internationale Zusammenstellung der Berliner Band beweist, dass das Swing-Feeling in vielen Kulturen sein Zuhause hat: Gegründet von Hip-Hop-Produzenten Gad Hinkis aus Israel und den zwei Saxophonisten Andrea Roberts aus Kanada und Florent Mannant aus Frankreich, versammelt sie immer wieder Gastmusiker um sich herum. Die Trompete der aktuellen Platte etwa kommt aus Kuba, die Posaune aus England und einige Percussions aus Brasilien. Diese Vielfalt spiegelt sich denn auch in der Klangfarbe von Superskrunk aus, wo sich zwischen den klassischen Swing-Einflüssen auch Boogie, Afro und Latin wiederfinden lassen. Im Zusammenspiel mit Big-Band-Arrangements und dem charakteristisch dreckigen Sound entsteht so eine äußerst tanzbare Elektroswing-Platte, die einmal mehr beweist, wie fruchtbar und bereichernd das Zusammenspiel unterschiedlicher musikalischer Wurzeln sein kann.

In den kommenden Wochen ist die Band in verschiedenen Ecken Deutschlands sowie in Frankreich live zu erleben. Die nächsten Berliner Gelegenheiten sind ihr Auftritt beim Karneval der Kulturen, sowie ein Tag zuvor, am 19. Mai, im Club Kater Holzig.

(Autor: Patrick Suhm)

Dirty Honkers im Internet: homepage

CD der Woche vom 06. bis zum 12. Mai 2013 | (EAN 3700426918091) 2011 Diskograph / Harmonia Mundi

Flavia Coelho - Bossa Muffin

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Ja, langsam ist Musik wie diese fällig. Jetzt, wo wir aus einem großzügigen Winterschlaf just erwacht und fast direkt in den Sommer hineingeplumpst sind, kommt dieses Debütalbum der Brasilianerin Flavia Coelho gerade recht. Die aus Rio stammende, seit 2006 in Paris lebende, auf diese Stadt und ihre vitale Musikszene schwörende Sängerin liefert eine herzerfrischende, sehr organisch klingende Melange aus Reggae und Raggamuffin, Samba und Bossa - dieser allerdings in kleinerer Dosis, als es der CD-Titel nahelegt - eine Portion Afrobeat, Flamenco oder Rumba Catalana. Bisweilen blitzt der Esprit eines Manu Chao durch in den lässigeren, minimalistischer gestalteten Reggae-Nummern. Auch in den Texten und Botschaften scheint die junge Frau mit der üppigen Lockenmähne dem ebenfalls aus Paris stammenden Chao gar nicht so unähnlich. Nur eben aus weiblicher und brasilianischer Perspektive beschreibt die SingerSongwriterin mit ihrem warmherzigen, vielfarbigen und auch durchaus kecken Gesang auf Portugiesisch, Spanisch oder Französisch Selbsterlebtes, Gefühlvolles bzw. Sozialkritisches aus ihren beiden Lebenswelten - ihrer neuen und ihrer alten Heimat.

Ein "Reisetagebuch" nennt Coelho ihr Album selber, das sie mit Hilfe guter Pariser Musikerfreunde, vorneweg dem Produzenten und Musiker Victor Vagh austüftelte und aufnahm. Nach seinem Erscheinen in Frankreich landet es nun auf dem hiesigen Markt in einer um ein paar Bonustracks erweiterten Edition. Somit liegt uns eine üppige Sammlung von 18 zumeist beschwingteren, hier und da auch mal zurückgelehnteren Songs vor, mit der sich jede Tanzparty mühelos bestreiten lässt. Und selbst für die kleinen und großen Kinder unter uns hat die sympathische Brasilianerin ein Lied parat: "Decide" kommt, abgesehen von seiner expliziten Botschaft, dass jedes Kind auf der Welt ein unbedingtes Recht aufs Glücklichsein hat, wie ein kleiner heiterer intonierter Abzählreim daher.

Wer Flavia Coelho live erleben möchte, kann dies derzeit nur während eines Frankreichurlaubs tun. Im Juli gibt es dann ein paar Termine in Süddeutschland.

(Autorin: Katrin Wilke)

Flavia Coelho im Internet: facebook | myspace

CD der Woche vom 29. April bis zum 05. Mai 2013 | (EAN 4260126060937) 2013 Analog Africa

Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou Vol. 3

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Afrikas musikalische Großmächte, das sind Mali, Senegal, Nigeria, der Kongo und Südafrika. Darüber gerät viel zu leicht in Vergessenheit, dass auch andere Länder interessante Klänge hervorgebracht haben, die völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten sind. Zu den verdienstvollen Wiederentdeckern musikalischer Schätze Afrikas gehört Samy Ben Redjeb aus Frankfurt am Main, dessen Label Analog Africa sich der Wiederveröffentlichung afrikanischer Musik aus dem vordigitalen Zeitalter widmet. Schon zum dritten Mal hat Analog Africa jetzt eine CD mit Material vom Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou veröffentlicht, das von 1969 bis 1983 existierte, bevor es sich vor ein paar Jahren erneut gründete, und das die Musikszene der relativ kleinen Republik Benin prägte wie kaum eine andere Band.

Natürlich war das Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou von Highlife aus Afrobeat aus dem viel größeren Nachbarland Nigeria beeinflusst, aber die Musiker aus Benins Wirtschaftsmetropole Cotonou entwickelten schnell ihren eigenene Stil mit Elementen aus psychedelischer Rockmusik und der eigenen Tradition. Während der Jahre von 1969 bis 1983 produzierte die Band über 500 Songs, die auf diversen Vinyl-Scheiben und Kassetten veröffentlicht wurden. Die 14 Titel der neuen CD sind jetzt zum ersten Mal außerhalb Afrikas erschienen und wurden zumeist nicht im Studio aufgenommen, sondern mit einem eigentlich für Radio-Reporter entwickelten Tonbandgerät in privaten Häusern und Gärten, meistens nachts, um eventuelle Störgeräusche zum minmieren. Das gibt den Songs eine ganz eigene Akustik. Das Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou war Benins erfolgreichste Band - bis die Musiker 1982 an einem Festival in Tripolis teilnahmen. Die libyschen Zöllner, die den Künstlern unterstellt hatten Alkohol ins Land zu schmuggeln, aber keinen fanden, zerstörten aus Frust darüber fast das komplette Instrumentarium der Gruppe. Und zu Hause in Benin wurde nicht nur die wirtschaftliche Situation schwieriger, sondern auch die politische. Ausgangs-Sperren und die Vorschrift, dass Konzerte zweimal pro Abend für staatliche Nachrichten unterbrochen werden mussten, zerstörten das Nachtleben, so dass es für Musiker immer weniger zu tun gab.

Vor 6 Jahren gab es ein Revival der Band und 2011 sogar eine CD-Produktion. Aber im letzten Dezember starb der Gründer vom Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou, der Saxofonist Melome Clement. Ihm ist die neue Veröffentlichung von Analog Africa gewidmet.

(Autor: Wolfgang König)

Orchester Poly-Rythmo de Cotonou im Internet: Label-Homepage

CD der Woche vom 22. bis zum 28. April 2013 | (EAN 8426946906275) 2012 Chesapik

Las Migas - Nosostras Somos

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Nicht alles, was aus der mythischen Musikmetropole Barcelona kommt, klingt nach Manu Chao und all diesen fröhlichen, stilmixenden Mestizo-Jungs und -Mädels. Nicht minder heiter, aber z.B. durch die Nähe zum Flamenco durchaus auch mit seelenvollem Tiefgang geht es bei Las Migas zu, einem 2004 gegründeten Frauenquartett, das nach einigem Umbesetzungen mittlerweile aus zwei Katalaninnen, einer Andalusierin und einer Französin besteht. Die so charmanten wie hübschen Musikerinnen - das sei an dieser Stelle mal freundlichst angemerkt - tranken auf ihrem Entwicklungsweg an den Quellen von Béla Bartók und anderer Klassik genauso wie an denen des Pop, Jazz, Tango oder der Bossa Nova. Entsprechend reichhaltig und atmosphärisch vielfarbig sind ihre teils selbst komponierten, teils entlehnten Lieder, die allesamt die gemeinsame Liebe der drei Instrumentalistinnen (zwei Gitarristinnen, eine Geigerin) und der einen Sängerin zum Flamenco verraten. Auf diese musikalische Verehrung spielt - wie sie selber sagen - unter anderem auch der Bandname an: "Wir sind 'die Krümel' (Las Migas) von dem Brot, welches der Flamenco ist. 'Migas' heißt auch ein in ganz Spanien verbreitetes Gericht, ursprünglich ein Armeleuteessen, das je nach Region ziemlich deftig ist."

Angenehm kalorienarm und überaus appetitlich ist die musikalische, stark mediterrane Rezeptur der Band. Nach dem für viel Begeisterung sorgenden Debütalbum "Reinas del Matute" (Nuevos Medios 2010) und allerlei Bewegung in der Band, z.B. dem Weggang der Sängerin Sílvia Pérez Cruz und dem mutigen Entschluss, mit einer anderen Sängerin weiterzumachen, der deutlich stärker dem Flamenco zugewandten Alba Carmona, liegt nun dieser nicht minder verheißungsvolle Nachfolger vor. Sein Titel "Wir sind" klingt zu Recht selbstbewusst, enthält mit dem "Nosotras" eine unübersetzbare weibliche "Wir"-Note. In gute männliche Hände begab man sich dafür mit der Aufnahme des zweiten Albums: in ein Madrider Studio mit dem musikalisch sehr versierten und sensiblen Multiinstrumentalisten und Musikforschers Raúl Rodríguez, der selber stark zwischen den Welten des Flamenco und z.B. der kubanischen Musik bewegt. Als Produzent und Arrangeur konnte er gemeinsam mit seinen Musikerfreundinnen entsprechend klingende Duftmarken setzen. Unter den behutsameren, getrageneren Liedern auf "Nosotras somos" ragt "Con toda palabra" heraus - eine sehr zu Herzen gehende Hommage an die Sängerin Lhasa de Sela, von der dieses Stück ursprünglich stammt.

Noch ist dieses Album nicht offiziell in Deutschland erschienen, auch genießen Las Migas als Liveband hierzulande leider bislang Seltenheitswert. Da die vier Musikerinnen jedoch nun bereits zum zweiten Mal dank des spanischen Instituto Cervantes Berlin und dessen Musikreihe "Sketches of Spain" unsere Stadt beehren, am 25. April im Jazzclub b-flat, kredenzen wir aus diesem Anlass ihr Album gerne auf dem Plattenteller unserer aktuellen CD der Woche.

(Autorin: Katrin Wilke)

CD der Woche vom 15. bis zum 21. April 2013 | (EAN 60253719025) 2013 Wrasse Records

Salif Keita - Talé

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Sollte dies wirklich das allerletzte Album sein, dass uns der malische SingerSongwriter da beschert, dann könnte es womöglich ein schwerer Abschied werden. Diesen möglichen Abschied hat der nunmehr 63-jährige zumindest in einem Interview angedeutet. Ein schwerer Abschied, weil Keïta hier nochmal zeigt, wie elegant und angenehm modern und dennoch traditionsverbunden Afropop klingen kann - selbst aus der Feder und der Kehle eines Mannes im Rentenalter, dem als Patriarch der Respekt sicher, aber auch nach wie vor der Esprit eines jungen Rebellen eigen ist.

Die musikalisch raffinierte, dabei doch klar und ganz und gar unforciert anmutende Einbeziehung elektronischer Spielarten oder etwa des Londoner Rappers Roots Manuva ("C'est bon, c'est bon") geht allerdings auch auf das Konto eines weltweit bekannten, alten Hasen dieser Materie. Als Gotan-Project-Ziehvater Philippe Cohen Solal, der sich selbst als eher Unkundiger der afrikanischen Musik beschreibt, den Kollegen 2011 kennenlernte, da beschwor der Westafrikaner ihn: "Ich will nur, dass es tanzt!".

Und das tut es ganz eindeutig im Gros der elf Songs. Selbst die zurückgelehnteren grooven, versprühen  ihre ganz gewisse, spirituelle Kraft. Futuristisch und gleichermaßen irdisch, erdverbunden klingt dieses von dem Franzosen produzierte Album, der auch Ko-Komponist der Songs ist. Zu einer starken Crew afrikanischer und französischer Musiker, die einen gut aberundeten, von der Mandinka-Tradition getränkten Sound schaffen, gesellten sich in einzelnen Tracks einige, teils illustre Gäste, wie der Saxofonist Manu Dibango hinzu.

Der Vokalakrobat Bobby McFerrin ("Simby") wie auch die Jazzbassistin und Sängerin Esperanza Spalding ("Chérie s'en va") teilen sich mit dem stets irgendwie wehmütig, rau klingenden Keïta das Gesangsmikro. Besonders berührend ist das vor zärtlicher Liebe nur so strotzende, gut dancefloor-taugliche Duett mit der jüngsten Tochter Natty ("Natty"), die wie ihr Vater an Albinismus erkrankt ist. Wenn der afrikanische Superstar, der es nicht zuletzt durch seine Krankheit oft nicht leicht hatte, also mit "Talé" seine um die 20 Alben umfassende Diskografie beschließen sollte, wird er damit in bester Erinnerung bleiben.

Mit den Live-Aktivitäten ist aber definitiv nicht Schluss, die Liste der Talé-Tourdaten ist lang und bislang ein Deutschlandtermin, am 30. Mai beim 25. Würzburger Africa Festival gewiss. Das Singen hätte sein Leben definitv geändert, gerade deshalb, dank der Musik sei er wohl auch noch am Leben, so bekundet der Musiker.

(Autorin: Katrin Wilke)

Salif Keita im Internet: homepage

CD der Woche vom 08. bis zum 14. April 2013 | (EAN 4047179747721 ) 2013 Asphalt Tango

Koby Israelite - Blues from Elsewhere

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Auf dem CD-Cover hängt an einem Baum eine Quetschkommode, eine Slidegitarre liegt ihm zu Füßen, an den Wurzeln. Eigentlich müssten sich die Äste nur so biegen unter weiteren Saiteninstrumenten wie E-Bass, Banjo , Mandoline und Bouzouki, unter Klarinette, Saxofonen und diversen Tasteninstrumenten - also all dem, was Koby Israelite sonst noch so spielt. Auch auf seinem ersten Album beim Berliner Label Asphalt Tango, dem insgesamt achten unter eigenem Namen. Und dieser weist zu Recht auf die Herkunft des seinem Heimatland durchaus kritisch gegenüberstehenden Multiinstrumentalisten und Gelegenheitssängers hin, ist sein wirklicher, nicht etwa ein Künstlername. In Tel-Aviv geboren, kam der ungestüme Wuschelkopf schon vor etlichen Jahren nach London - maßgeblicher Ausgangsort seiner musikalischen Karriere und Umtriebigkeit.

Und die lässt kaum die Vorstellung zu, das der Israeli als Kind eher unwillig loslegte, lieber Fußballspieler als Musiker werden wollte. Doch es sollte besser, ja ultimativ leidenschaftlich werden, als er vom frühen Klavierspiel mit 15 ans Schlagzeug geriet. Dies hätte sein Leben geändert, versicherte der heute 46-jährige in einem Interview. Doch es sollte, wie gesagt, längst nicht bei diesem Instrument bleiben. Die Liebe zur Musik zur rumänischen Band Taraf de Haïdouks etwa bewegte ihn zum Erlernen des Akkoredeons. So könnte Koby Israelite eigentlich seine sehr eigenwillig und sympathisch unberechenbar zwischen Rock, teils brachialem Hardrock, Bluegass, Jazz und Balkaneinflüssen treibenden, komplexen Klangwerke gut und gerne alleine einspielen. Doch umgibt sich der Wahl-Londoner stets und auch diesmal im Aufnahmestudio mit etlichen Musikerfreunden.

Für die Vokalstücke - die Minderheit innerhalb seines eher instrumental ausgerichteten Werkes - konnten zwei überaus interessante Sängerinnen gewonnen werden: Neben der Britin Annique, die mit ihren zwei Gastauftritten Lust auf mehr macht, auch Israelite's Landsfrau Mor Karbasi, die u.a. eine hervorragende Interpretin sephardischer Musik ist. Das von ihr intonierte, eher zurückgelehnte Stück veredelt der Armenier Tigran Aleksanyan mit seinem exzellenten Spiel der Duduk und der Klarinette. Der Mann, der vorne auf dem Cover neben dem Baum hockt, fliegt im CD-Inlet mit einem rotem Schirm hinauf in die Lüfte. Eine schöne Metapher für diesen kaum zu fassenden. atmosphärisch und stilistisch vielgestaltigen "Blues von anderswo", den Koby Israelite hier wie auch auf den vorigen Alben zelebriert.

Jene waren übrigens allesamt beim Label des New Yorker Enfant terrible und Klezmer-Jazz-Avantgardisten John Zorn erschienen: Israelite's wichtigster Mentor und großes Vorbild - nicht nur, was die musikalische Freiheit und Neugierde angeht, sondern auch eine ganz allgemeine Offenheit. Willkommen, Koby, nun also - zumindest label-technisch - in Berlin! Live werden wir hier dagegen noch etwas auf den Musiker warten müssen.

(Autorin: Katrin Wilke)

Koby Israelite im Internet: homepage

CD der Woche vom 02. bis zum 07. April 2013 | (EAN 804071009487) 2013 Do Fol / Galileo MC

Various - Cantigas De Mulleres

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Die musikalische Frauenpower Galiciens ist so stark, dass man ihr mit Fug und Recht ein ganzes Album widmet. Schon historisch machten dort, im nordwestlichen Zipfel Spaniens, die Damen lautstark von sich hören. Die sogenannten Pandeireteiras, die Tamburin spielenden Sängerinnen schufen eine bis heute ihresgleichen suchende Musiktradition, aus der auch viele der hier vorgestellten 17 Musikerinnen bzw. Ensembles auf ihre eigene, zeitgenössische Art schöpfen. Es sind Sängerinnen aber auch Instrumentalistinnen, Komponistinnen oder Bandleader, Feldforscherinnen und Musiklehrende, die in der aktuellen Neofolk-, Pop- und Jazzszene Galiciens oder gar Spaniens die Nase vorn haben: Neben der Schlüsselfigur Uxía, die auch überaus aktiv ist in der Vermittlung und Zusammenführung diverser lusophoner/-philer Musikkulturen, deren Kollegin Guadi Galego, die vor ihrer Solokarriere Musikgeschichte mit der auch hier bekannten Band Berrogüetto schrieb.

Leider hier so gut wie unbekannt - und dies völlig zu Unrecht - ist die sehr charmant Jazz und Folk kombinierende Band Marful und ihre charismatische Frontfrau Ugia Pedreira. Einen wichtigen Außenposten hat die galicische Musik in Belgien, mit dem Frauenquintett Ialma, welches die besagte Tradition der Pandeireteiras recht erfolgreich seit Jahren von Brüssel aus ins musikalische Hier und Heute übersetzt. Eine sehr eigenwillige, elektrifizierte Folk-Vision entwickelt seit etlichen Jahren die singende Multiinstrumentalistin Mercedes Péon, die natürlich auch nicht bei dieser stattlichen Frauenversammlung unserer CD der Woche fehlen darf. Und wer Lust auf mehr Musik der jeweiligen Musikerinnen bekommen hat, wird die einzelnen Alben der Künstlerinnen zumeist dank dem Label Galileo MC auch in den hiesigen Plattenläden finden können.

Viele der Galicierinnen werden auch bei der übernächsten WOMEX zugegen bzw. live zu erleben sein. Diese wichtigste Weltmusikmesse findet dann, 2014, nämlich in Santiago de Compostela statt.

(Autorin: Katrin Wilke)

CD der Woche vom 25. bis zum 31. März 2013 | (EAN 4047179729529) 2013 our here records

Bassekou Kouyate - Jama Ko

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"Jama Ko" bezeichnet in Bassékou Kouyátes Muttersprache Bámbara eine große Versammlung. Und als eine solche stellt sich Bassekou Kouyate seine Heimat Mali vor, ungeachtet der gegenwärtigen Probleme. Denn die Malier an sich sind ein freundliches und friedliebendes Volk, dass zwar in der großen Mehrheit muslimisch ist, aber bis auf wenige Ausnahmen mit den überwiegend ausländischen Islamisten nichts zu tun haben will. Schließlich ist gerade der westafrikanische Islam für seine Toleranz bekannt. In Jama Ko, dem Titelsong seiner neuen CD, und weiteren Liedern plädiert Bassekou Kouyate denn auch für das friedliche Zusammenleben von Moslems, Christen und allen anderen. Ansonsten beschäftigt er sich zum großen Teil mit heroischen Episoden aus der langen Geschichte seiner Heimat, die nachweislich bis ins frühe Mittelalter zurückreicht und immer wieder große Feldherren und berühmte Gelehrte hervorgebracht hat.

Bassékou Kouyátes spielt die Ngoni, ein uraltes Zupf-Instrument, das, ähnlich der Geige, in verschiedenen Größen vorkommt: von der kleinen Solo-Ngoni bis zum großen Bass-Instrument. Als erster hat Bassékou Kouyáte eine fast ausschließlich aus Ngonis bestehen Band (Ngoni Ba) zusammengestellt, deren Mitglieder alle zu seiner Familie gehören. Nicht zuletzt dadurch hat er sich eine respektierte Stellung in Malis Musikszene erarbeitet.

(Autor: Wolfgang König)

Bassekou Koujate im Internet: homepage

CD der Woche vom 18. bis zum 24. März 2013 | (EAN 4260130540296) 2013 Agogo Records

Mop Mop - Isle of Magic

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Hinter dem Künstlernamen Mop Mop verbirgt sich der aus dem für seinen Wein berühmten, unweit der italienischen Adriaküste gelegenen Cesena stammende und mittlerweile in Berlin lebende 36jährige Gitarrist, Schlagzeuger, Komponist, DJ und Produzent Andrea Benini. Mop Mops "Kiss of Cali", 2008 erschienen, war, 15 Jahre nach Jazzmatazz, kaum weniger als eine von der italienischen Postmoderne inspirierte Neuerfindung des Dancefloor-Jazz. Auf Mop Mops von klassischer italienischer Filmmusik inspiriertes Album "The 11th Pill" (2010) wurde sogar Woody Allen aufmerksam und verwendete einen Song ("Three Times Bossa") für den Soundtrack zu seinem neuesten Kinohit "To Rome With Love".

"Isle of Magic" widmet sich einmal mehr der Erschließung und Neuinterpretation klassischer musikalischer Genres. Dazu braucht es, neben dem gebotenen Respekt für die Urväter dieser Genres, viel Liebe zum Detail und dem ausgeprägten Sinn für einen frischen Sound, schon einen Produzenten vom Format eines der hellsten und kreativsten Köpfe der gegenwärtigen Szene. Über 13 Stücke hinweg werden Voodoo-Jazz mit Funk, Soul und Rhythmen aus Afrobeat, Latin und Exotika zu einem raffinierten Klangkosmos veredelt. Die "Insel der Magie" ist ein imaginärer Ort, dessen Lebensrhythmus tagsüber vom Fischen, dem Zubereiten und gemeinsamem Genuß kulinarischer Köstlichkeiten bestimmt wird. Nachts geben sich die Bewohner Voodoo-Ritualen hin.

Mehr als 15 Musikerinnen und Musiker waren an der Entstehung des Albums beteiligt, allen voran die lebende Legende Fred Wesley an der Posaune, die gemeinsam mit James Brown, Parliament, den JB Horns und Maceo Parker die Entwicklung des Funks seit Jahrzehnten prägt. Außerdem zu hören sind der in Trinidad geborene Londoner Sänger und Polit-Poet Anthony Joseph, die finnisch-ägyptische Sängerin Sara Sayed, der Berliner Jazzmusiker Johannes Schleiermacher am Bariton-Saxofon, Lorenzo Ternelli und Salvatore Lauriola am Bass und Mop Mops Stammkräfte: Alex Trebo als Pianist und Co-Arrangeur, Pasquale Mirra an Vibrafon und Marimba, Guglielmo Pagnozzi an Flöte und Klarinette und Danilo Mineo an der Perkussion.

Der fast physisch spürbare warme Klang entspringt der Tatsache, dass mit analoger Vintage-Ausrüstung aufgenommen wurde. Das Ergebnis ist ein eingängiger, hypnotischer Jazz, der uns auf denkbar schöpferischste Weise in ein exotisches Land entführt, irgendwo zwischen Westafrika, Südsee, Karibik und den Ufern des Mississippi, um dann unvermittelt an der Londoner East End oder am Kreuzberger Landwehrkanal aufzutauchen, die Energie urbaner Schmelztigel aufzusaugen und diese in einen unvergleichlich eigenständigen, zeitgemäßen Sound zu verwandeln.

(Autor: Clemens Grün)

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CD der Woche vom 11. bis zum 17. März 2013 | (EAN 0673790029096) 2012 Afrojam Music

Layori - Rebirth

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Layori ist eine junge nigerianische Sängerin, die mit vier versierten Jazzmusikern in München ihr Debutalbum aufgenommen hat. Die zwölf melancholischen, fast komplett akustisch vorgetragenen Songs des Albums sind ruhig, eingängig, vielschichtig und berührend. Der Song "Dada" ist bereits von einem 2010 veröffentlichten Video bekannt, das - spektakulär mit elegantem, wehendem roten Gewand an einem Flußlauf, einer Oase und im gleißenden Sonnenlicht der Sahara fotografiert - zu einem veritablen Youtube-Hit avancierte.

Ihren Künstlernamen leitet Layori aus einer leicht verkürzten Form ihres Nachnamens ab. Er bedeutet: "Gerettet durch Anmut", aber auch: "die eine, die es geschafft hat". Mit "Rebirth" durfte Layori die freudige Aufregung einer Geburt gleich im doppelten Sinne erleben, denn während der Aufnahmen zum Album war sie schwanger mit ihrer Tochter Mayowa, die nicht nur im gleichnamigen ersten Song des Albums gegenwärtig ist. Das ganze Album ist beseelt von der Intensität und Inspiration durch das werdende Leben und Texten, die unseren inneren Zusammenhalt mit der Welt ausloten.

"Pelu ayo la ma de ibi tan'lo" - "Freude" singt Layori in "Dada", wie die meisten Songs in ihrer Muttersprache Yoruba, "sollte uns auf all unseren Wegen begleiten". In "Owun Mi" dankt Layori ihrem Schöpfer für ihre besondere Gabe des Singens, in "Iwa Lewa" huldigt sie dem Schöpfer in uns selbst. "Igbagbe" ist ein Pladoyer dafür, nicht in Gedanken zu versinken und so "die wichtigen Momente in unserem Leben zu verpassen", und "Que vida" greift wieder das Motiv der Dankbarkeit auf, gesungen auf Portugiesisch, der Sprache von Layoris "zweiter Heimat ihres Herzens", weil sich dort "Europa und Afrika am nächsten kommen".

Musikalisch steht "Rebirth" in der Tradition von Cool und Vocal Jazz, Reggae, Soul, Blues, Bossa und Popballade. Die leichtfüßigen, minimalistischen Arrangements kommen ohne Schlagzeug aus, den Rhythmus bestimmen Gitarre, Kontrabass und Cajon, Saxophon und Querflöte umschmeicheln harmonisch die so sanfte wie eindringliche Altstimme der Sängerin, die als vollwertiges Instrument neben den anderen steht und Vergleiche mit Ikonen des Afro-Pop wie Tracy Chapman, Asa oder Sade nicht zu scheuen braucht.

Es ist dies eine zeitlose, universale Musik, die den Lebensweg einer Künstlerin widerspiegelt, die als Tochter einer Christin und eines muslimischen Geschäftsmannes in Lagos, New York und London aufgewachsen ist und später in Kanada, Portugal und Deutschland gelebt hat. Genauso kosmopolitisch wie die Künstlerin ist auch die Zusammensetzung ihrer Band: Cajonist Humphrey Cairo stammt aus Aruba, Saxophonist und Flötist Alberto Barreira aus Brasilien, Gitarrist Adrian Reiter, der die Songs mit Layori komponiert und arrangiert hat, aus Deutschland. Der deutsch-amerikanische Bassist Rocky Knauer wiederum hat jahrelang mit Chet Baker zusammengearbeitet und geht auch schon mal mit Helge Schneider auf Tour.

Mit kurzen Übersetzungen ihrer Texte im Begleitheft möchte Layori die Sprachbarriere überbrücken. Verständlichkeit ist ihr wichtig, auf allen Ebenen. Sie wünscht sich, dass die "Musik auf diesem Album für alle zugänglich ist. Ich habe die Worte meiner Sprache sehr sorgfältig ausgewählt, manche Worte habe ich bewusst immer wiederholt. Ich wollte, dass die Menschen - selbst wenn sie die Worte nicht verstehen - trotzdem mitsingen können."

Layori tritt am 20. März im Waschhaus Potsdam auf und am 21. März im Rahmen des Jazzfrühlings im Schauspielhaus Neubrandenburg.

(Autor: Clemens Grün)

Layori im Internet: homepage

CD der Woche vom 18. bis zum 24. Februar 2013 | (EAN 4260130540272) 2013 Agogo

Savages y Suefo - Worldstyle

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Unmittelbar nach dem Drücken der Play-Taste schaltet dieses Debütalbum von Savages y Suefo die Synapsen auf Gleichstrom und es stellt sich ein lässiges Kopfnicken ein. Beim Suchen nach der richtigen Schublade für diese Musik greift man wild hin und her und weiß nicht, wo man es einordnen soll: Downtempo? Breaks? Jazz? Doch Hip-Hop? Oder Dub? Gar Electro Swing? Vielleicht sogar etwas Reggae? Plötzlich Tango? Doch bestimmt jede erdenkliche Art von Multikulti-Folk? Was das DJ-Duo da auf die Beine gestellt hat, lässt sich in der Tat schwer zuordnen. Eklektizismus als Kunstform ist eben auch in der tanzbaren Unterhaltungsmusik State of the Art und das zeigen die zwei Budapester Soundtüftler, indem sie funky Saxophon-Tunes mit Synthesizer-Gepiepe verknüpfen, Swing-Elemente hochpitchen und mit Run DMC's weltberühmten Vocal "Check this out" wild verknoten und indem sie osteuropäischen Zirkus mit südamerikanischen Karneval mischen ohne albern zu werden.

Diesen klangakustischen Spagat verdanken die zwei DJ's ihren Erfahrungen bei Auftritten in der Budapester Szene aber auch EP-Veröffentlichungen vorab. Außerdem verdanken namhafte Bands und Musiker wie Dela Dap, Dunkelbunt, Max Pashm, Rube, Kid Loco, re:jazz, Watcha Clan oder Danilo Venturi ihnen ausgeklügelte Remixarbeiten. Savages hat bereits im Jahre 2008 ein Solo-Album namens Five Finger Discount auf Chameleon Records veröffentlicht. Und noch im selben Jahr traf er auf Suefo, den Produzenten von Vono Box, der seinerseits auch schon verantwortlich für viele Remixaufträge bekannter Musiker war, darunter Erik Sumo, Flevans, Eastenders, Orient Expressions, Dusty, Jon Kennedy und The Qualitons.

Seither arbeiten die beiden zusammen, als DJ's und als Produzenten ihrer Projekte Savages y Suefo und Sannan. Für das Album Worldsyle bekamen die Beiden Hilfe von Musikern und Sängern wie dem fidelen und immer fröhlichen MC Guacho in den Songs "Our World Our Style" und "En La Orilla Del Danuvio" oder von Judy Jay, welche in "Ballroom Breakers" singt oder Maszkura aus Transsilvanien, welcher das Akkordeon in "Tequila Man" und "An-Nil Al-Azraq" spielt, sowie von Gábos Barna, der in den Stücken "Tequila Man" und "Barna" singt, sowie Kaval und Talking-Drums spielt.

(Autor: Nellski)

Savages y Suefo im Internet: homepage | myspace

Savages y Suefo feiern ihre Record Release in Berlin innerhalb der Electro-Swing-Revolution-Party am Donnerstag, den 21. Februar, im Frannz Club.

CD der Woche vom 11. bis zum 17. Februar 2013 | (EAN 3770003260011) 2013 Tam! Turn Again Music

Gnawa Diffusion - Shock El Hal

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Nachdem die Fans dieser franko-maghrebinischen, v.a. algerisch verwurzelten Band schon seit Jahren mit den Füßen gescharrt hatten, sendet diese nun neue Lebenszeichen in Form eines Albums und von Konzerten (z.B. im vergangenen Sommer beim "Wassermusik"-Festival im Berliner Haus der Kulturen der Welt). Mit "Shock El Hal" gedenken die Gnawa-Rebellen zum einen des Arabischen Frühlings und zum anderen ihres eigenen 20. Geburtstages. Sie machen sich allerdings etwas älter, bedenkt man die ca. fünfjährige Pause, aus der sie sich nun mit wahrlich frischen, energiegeladenen Sounds zurückmelden.

1992 trommelte der Sänger und Gimbri-Spieler Amazigh Kateb, Sohn des renommierten algerischen Autoren und Poeten Kateb Yacine, im südostfranzösischen Grenoble ein paar Musikfreunde zusammen. Man machte sich daran, die insbesondere in Marokko, aber auch in Algerien kultivierten Gnawa-Rhythmen und -Gesänge sowie weitere heimische Musiktraditionen, etwa Châabi und Raϊ, mit Reggae, Ragga und Rock raffiniert und peppig klingend zu verkuppeln.

Was ab einem gewissen Moment etwas eintönig und ausgereizt schien, hat in der neuerlichen Wiedervereinigung der aktuell acht bis zehn Musiker ganz offenkundig und gut hörbar zu neuen kreativen und spirituellen Kräften gefunden. Die 13, allesamt vom Master Mind Amazigh komponierten neuen Songs lassen musikalisch bisweilen an die Pariser Seelenverwandten vom Orchestre National de Barbès (unsere CD der Woche vom 20. bis 27. August 2012) denken. Mal neigen sich die Berber-Grooves stärker gen Funk, Jazz, HipHop und Scratching, erweisen sich als ideal für so ziemliche jede klangliche Liaison. Und während man zu einem der gut tanzbaren Lieder schwoft oder bei den vereinzelten zurückgelehnteren Balladen ins Schwelgen gerät, sinniert Amazigh singend über nichts Geringeres als die Konflikte und Seelennöte maghrebinischer Emigranten, die Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat.

(Autorin: Katrin Wilke)

Gnawa Diffusion im Internet: facebook | myspace

CD der Woche vom 04. bis zum 10. Februar 2013 | (EAN 5052442001911) 2012 The Nest Collective

Sam Lee - Ground Of Its Own

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Solange dieses 2013 noch blutjung ist, gilt es eine besondere CD-Veröffentlichung des gerade zu Ende gegangenen Jahres zu feiern. Zudem handelt es sich dabei um einen Musiker, der für das Gros der multicult.fm-Crew das absolute Highlight bei der letzten Weltmusikmesse WOMEX, im Oktober in Thessaloniki (wir berichteten) war und in den europäischen Weltmusik-Charts im Dezember aus dem Nichts auf Platz 1 schnellte.

Lassen wir also die Katze aus dem Sack oder passender: den Rattenfänger losziehen. Denn diesem buchstäblich sagenhaften Flötisten von Hameln ähnelt der Folksänger Sam Lee nämlich in der Tat ein wenig: Sowohl was sein Aussehen auf der Konzertbühne, als auch seine musikalische Suggestivkraft angeht. Der sympathische Londoner mit dem blonden Lockenkopf betreibt auf seinem Debütalbum eine sehr eigene und eigenwillige Wurzelpflege. Die dort versammelten acht Lieder, allesamt Traditionals, ziehen auch den weniger hartgesottenen Folk-Fan unversehens in den Bann. Luftige und dabei dank einer speziellen Gefühlsintensität und klug dosierten Klangfülle doch auch gewichtige Folksongs, welche gleichermaßen archaisch und zeitgenössisch anmuten. Überaus originell - raffiniert kammermusikalisch - arrangiert ist das von Lee's Mentor Stanley Robertson inspirierte und diesem schottischen Geschichtenerzähler und Sänger auch gewidmete Album. Erstere Qualität dieses Mannes, bei dem der junge Brite vier Jahre in die Lehre ging, scheint er selber direkt übernommen zu haben. Die uralten intonierten Geschichten vermag Sam Lee, der seine betörende, glasklare Baritonstimme u.a. auf Maultrommel und der Shrutibox (einem dem indischen Harmonium ähnelnden, aber tastenlosen Instrument) begleitet, wie spannendes Eigenerlebtes weiterzugeben.

Dass es gut 30 Jahre brauchte, bis das erste Album dieses naturbegabten Sängers und Folk-Visionärs das Licht der Welt erblickte, ist eigentlich verwunderlich. Doch standen die Zeichen dieses Mannes zunächst auf ganz andere mögliche Lebenswege: Der studierte Visual Artist und Überlebenstrainer betätigte sich desweiteren eine Zeit lang als Burlesque-Tänzer. Etwas davon lässt sich erahnen bei dem heiter auf der Bühne herumtänzelnden Sam Lee... Da man in diesen Live-Genuss in absehbarer Zeit hierzulande leider nicht kommen kann, drei Tipps:

  1. Unsere CD der Woche gewinnen bzw. käuflich erwerben (am besten direkt über unsere Seite, denn damit unterstützt ihr auch multicult.fm)
  2. In den Urlaub nach Großbritannien fahren und dort eins der vielen Konzerte besuchen
  3. Sich z.B. mit dem wunderschönen Videoclip zum Opener der CD vergnügen.

(Autorin: Katrin Wilke)

Sam Lee im Internet: homepage | myspace

CD der Woche vom 21. bis zum 27. Januar 2013 | (EAN 0200019015723) 2012 Tiger (Broken Silence)

Klezmofobia - Kartushnik

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Ein Kartushnik ist ein geschickter Kartenspieler, ein Risikospieler. Auf dem dritten Album spielen die sechs Klezmorim von Klezmofobia risikofreudiger als in ihren ersten zwei Alben "TANTZ!" von 2006 und "GANZE VELT" aus dem Jahre 2008. IHRE Klezmer-Musik ist wilder und feuriger als jemals zuvor, wobei ihre Spielweise mittlerweile viel geschickter ist. Dem bosnischen Produzenten Dragi ?estić (Produzent von Mostar Sevdah Reunion, Saban Bajramovich und Ljiljana Buttler), der erstmals die Band unterstützt hat, ist dieser gewagte Sprung wohl zu verdanken. Die tieftraurige Stärke der Klarinette wird in den wenigen melancholischen Stücken teilweise komplett weg gelassen. Dafür bedienen sich die Dänen anderer Erfolg versprechender Elemente, z.B. aus dem Jazz oder gar Blues. Klassiker, wie "Yiddishe Mame" bekommen dadurch ein ganz neues Gesicht. Im Gegensatz dazu bedient man sich für das Lied Verdamte "OY VEI" der Progressivität der Ska-Musik. Für Abwechslung ist also garantiert.

Die Musiker Bjarke Kolerus an der Klarinette, Ole Reimer an der Trompete, Andreas Ugorskij mit seiner Gitarre, Jesper Lund als Bass-Balalaikaspieler, Jonatan Aisen am Schlagzeug und Channe Nussbaum mit ihrer flehenden Stimme bezeichnen ihre Musik eben durch diese vielen modernen Einflüsse als New York Klezmer. Diese moderne Spielweise brachten ihnen bereits weltweit gemeinsame Auftritte mit anderen Klezmorim wie z.B. Szenegrößen wie Frank London ein. Skandinavien, Deutschland, Holland, Österreich, Ungarn, Spanien, Polen, China und Mexiko sind nur EINIGE der Länder, wo Dänemarks erfolgreichste Klezmer-Band tourt. Dieser Erfolg spiegelt sich auch in ihren Verkaufszahlen wider: 40.000 verkaufte Alben sind für diesen Musikstil schlichtweg überragend. Mit "Kartushnik" werden sie ihrem Erfolg garantiert nochmal einen Schub geben.

(Autor: Nellski)

Klezmofobia im Internet: homepage | facebook

CD der Woche vom 14. bis zum 20. Januar 2013 | (EAN 0887254196723) 2013 Smi Col / Sony

Tryo - Ladilafé

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"Ladilafé" - so lautet der Titel des neuen Albums der französischen Band Tryo, die zuhause bereits legendär ist. Es ist das fünfte Studioalbum der vier Musiker Guizmo, Manu, Mali und Daniel, die seit fünfzehn Jahren Frankreich musikalisch unsicher machen. So exotisch, leichtfüßig und einprägsam wie der Titel des Albums klingt, so klingen auch die sechzehn Tracks.

Doch der erste Eindruck täuscht: denn wer genauer hinhört - falls man des Französischen mächtig ist - der wird erkennen, dass in den akustischen, v.a. von Reggae geprägten Stücken ernste Themen verpackt sind, die den Zuhörer dazu anhalten, kritisch über Themen aus Politik und Umwelt nachzudenken. Und das ist wohl auch das Erfolgsgsrezept von Tryo. Und die Franzosen lassen auch tatsächlich auf Worte Taten folgen, so engagieren sie sich u.a. seit Jahren gemeinsam mit Greenpeace in diversen Aktionen.

Das Album ist seit dem 18. Januar erhältlich. Und wer Tryo auch live erleben möchte, der hat Glück: denn die Jungs sind ab Mitte Januar auf Deutschland-Tour und machen am 23.01. auch hier in Berlin im Magnet Club Halt.

Tourinfos: 15.01.2013 Freiburg, Jazzhaus, 16.01.2013 Saarbrücken, Congresshalle, 17.01.2013 München, Ampere, 18.01.2013 Marburg, KFZ, 22.01.2013 Bochum, Bahnhof Langendreer 23.01.2013 Berlin, Magnet Club.

(Autorin: Sherin Daoud)

Tryo im Internet: homepage | clipfish

CD der Woche vom 07. bis zum 13. Januar 2013 | (EAN 3700409811302) 2012 Heavenly Sweetness (Broken Silence)

Jacaranda Muse - September Sun

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Musik aus Simbabwe erreicht uns selten seit Beginn der politischen und dann auch wirtschaftlichen Krise im Machtbereich von Robert Mugabe, die vor etwa 12 Jahren begann. In der letzten Zeit allerdings hat sich das Land wieder etwas erholt. Und musikalisch gibt es einiges zu entdecken. Dazu gehört auch das ungewöhnlich besetzte Quartett Jacaranda Muse (gespr. "Dschakaranda Mjuse" mit weichem sch und s).

Die 4 Musiker, die dem Volk der Shona angehören, singen und spielen Altsaxofon, Piano, Cello, Marimba, Congas und die Mbira, das afrikanische Daumen-Piano, das von der Spielweise her nirgendwo so hoch entwickelt ist wie in Simbabwe, wo es als National-Instrument gilt. Das musikalische Konzept von Jacaranda Muse ist eine ganz eigene Fusion von traditioneller Shona-Musik mit Afro-Jazz und europäischer Klassik.

Vor knapp zwei Jahren hatten die Musiker das Glück, bei einem Festival in Simbabwes Hauptstadt Harare zu spielen, bei dem ein französischer Produzent anwesend war, der für die Band sofort ein Studio buchte, wo innerhalb von drei Tagen das Album entstand, das anschließend in Paris abgemischt wurde. Die CD gibt einen interessanten Einblick in die aktuelle Musikszene eines Landes, das nach wie vor erhebliche wirtschaftliche Probleme hat, um dessen künstlerisches Potenzial man sich aber offensichtlich keine Sorgen machen muss.

(Autor: Wolfgang König)

Jacaranda Muse im Internet: facebook | auf der Seite des Labels

CD der Woche vom 17. bis zum 23. Dezember 2012 | (EAN 4260130540234) 2012 Agogo/Indigo

DJ Farrapo & Yanez - Alien na favela

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So kurz vor Weihnachten möchten wir den geneigten multicult.fm-Hörer noch mit einer Doppelladung guter Musik verwöhnen, zu der sich das eine oder andere Extra-Kilo gut wegtanzen lässt an den kommenden Festtagen. Spätestens zur Silvesterparty können die insgesamt 31 Tracks garantiert brillieren, ist das musikalische Werk der beiden "Quasi-Brasilianer" italienischer Herkunft doch geradezu gemacht zum Schwofen, zum Heben der Stimmung und der derzeitigen Temperaturen! Einige der aus Elektro, Samba und diversen, z.B. nordostbrasilianischen Traditionen, HipHop oder Funk u.v.a.m. raffiniert geköchelten Songs drehen sich schon seit längerem auf unserm Radio-Plattenteller, dürften also bereits Ohrwurm-Status haben: Das buchstäblich Appetit machende "Frango Assado" ("Brathähnchen") etwa, oder "Mojito com Cachaça" machten schon als Singles oder auf Compilations die weite Runde über die Dancefloors. Doch nun ist das gesamte Material der beiden Musikerfreunde erstmals auf zwei Silberscheiben versammelt: eine mit den Originalstücken, aufgenommen mit etlichen, musizierenden, singenden oder rappenden Gästen, und die zweite mit den Remixen der Songs, verfertigt u.a. von so namhaften Elektro-Tüftlern wie dem Franzosen DJ Click und dem Spanier DJ Panko, der einst bei der Band Ojos de Brujo mitwirkte.

Doch wer sind nun eigentlich die beiden "Favela-Aliens", die Drahtzieher des Ganzen? Der SingerSongwriter Yanez Servadei, Gitarre spielender Hauptsänger und -komponist des Projekts, verantwortet als Illustrator und Grafikdesigner auch die farbenfrohe Favela auf dem Cover dieser musikalisch nicht minder farbenprächtigen CD. Er wurde in Bologna geboren, wuchs jedoch in Salvador da Bahia auf und zog mit seinem eigenen Liedrepertoire durch die Lande, so auch durch Italien, wo er sich irgendwann mit DJ Farrapo aka Giorgio Cencetti zusammentat. Dieser, ebenfalls aus Bologna stammende Musiker verdingte sich als Keyboarder diverser Bands, schrieb seine Dissertation über die Hammondorgel und frönt in diesem Duo-Projekt seiner elektronischen Bastlerfreuden. Da haben sich ganz offen- und hörbar die Richtigen gefunden und wir dadurch unseren Spaß an einer betörenden Melange, die zumindest geografisch so weit weg vom Orignalort des musikalischen Geschehens, also in Italien entstand und die doch so stark brasilianisch, dabei aber auch genauso weltgewandt klingt.

(Autorin: Katrin Wilke)

DJ Farrapo & Yanez im Internet: facebook | myspace

CD der Woche vom 10. bis zum 16. Dezember 2012 | (EAN 4047179730327) 2012 East Blok Music

Skazka Orchestra - Kalamburage

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Wenn Skazka Orchestra zur Märchenstunde einlädt, fällt es schwer, die Glieder ruhig zu halten, denn Polka, Klezmer, Folk und Punk sind die Bestandteile der Tinte, womit sie ihre Märchen schreiben. Skazka ist die Transkription von Сказка, Märchen auf Russisch. Davon hat diese Berliner Combo gleich dreizehn an der Zahl auf ihr neues Album gepackt. Kalamburage heißt es, es klingt wie Karambolage, kommt aber von Kalambúr (каламбу́р) und bedeutet Wortwitz oder Kalauer.

Genauso einfallsreich und surreal wie dieser Wortwitz sind auch die Songtexte, mit denen das deutsch-russische Orchester seine russischsprachigen Lieder schmückt. Das Lied Yeti ist die eine deutschsprachige Ausnahme, geschrieben vom Berliner Autor Matthias Steinbart (linkes-auge-hinkt.de): das nicht weniger surreale Märchen vom Yeti, der gern ein Kofferfisch wäre. Unterlegt werden diese wirren Texte mit den Klängen von Valentin Butt's Bandoneon, Artur Gorlatschov's Gitarre, Elena Shams' Schlagzeug, Florian Metzger's Kontrabass, Andrej Ugoljew's Posaune und Johannes Böhmer's Trompete. Aufgenommen wurde dieses Album im P4-Studio, im alten Funkhausgebäude Nalepastraße, welches wegen seiner hervorragenden akustischen Eigenschaften weltweit einzigartig ist.

Hinzu kommt, dass die Musiker allesamt neben ihrem Herzblutprojekt Skazka Orchestra noch anderweitig als professionelle Musiker arbeiten, was man den Aufnahmen anmerkt: Sie spielen unter anderem mit den Berliner Philharmonikern, dem Jugendjazzorchester oder der WDR Big Band oder als Theatermusiker im Berliner Ensemble. Wer diese Märchenstunde in Berlin live erleben möchte, der sollte am 13. Dezember zur Record-Release-Party ins SO36 oder am 21. Dezember ins Szimpla Badehaus gehen. Man kann davon ausgehen, dass getanzt wird, bis es hell wird.

(Autor: Nellski)

Skazka Orchestra im Internet: homepage | facebook

CD der Woche vom 03. bis zum 09. Dezember 2012 | (EAN 5099963864021) 2012 Capitol / EMI

Carminho - Alma

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Alma, die zweite CD von Carminho, wurde in der Musikwelt mit großer Spannung erwartet. Denn schon das Debüt der jungen Portugiesin mit dem schlichten Titel Fado hatte Platin-Status erreicht und war vom britischen World Music Magazin Songlines zu einem der zehn besten Alben des Jahres erklärt worden. Ein solch massiver Einstiegserfolg kommt nicht von ungefähr. Carminho wurde gewissermaßen in den Fado hinein geboren, auch ihre Mutter Teresa Siqueira war eine Fadista (Fado-Sängerin) und die Tochter begleitete sie zu Fado-Abenden und stand bereits als Teenager selbst auf der Bühne. Schon früh war Carminho dann in Fachkreisen als Zukunft des Fado gehandelt worden und die Erwartungen hätten kaum größer sein können.

Carminho hat sie erfüllt. Alma - zu deutsch Seele - bestätigt ohne jeden Zweifel, dass wir es hier mit einer Naturgewalt zu tun haben. Fado ist ja nichts Neues, aber das Feuer und die Leidenschaft, die Carminhos Gesang ausstrahlen, sind einfach überwältigend, ihre Live-Performance wird mitunter als hypnotisch beschrieben. In 15 Liedern durchstreift Carminho die ganze Palette der Emotionen, selbstverständlich die Traurigkeit der Saudade (Sehnsucht), die das Fundament des Fado bildet, aber auch frohe Hoffnung, Zärtlichkeit, ja Heiterkeit - und all das mit einer Ausdrucksstärke, die kaum noch zu übertreffen scheint. Mit dieser Energie und Frische wirkt - obwohl in ganz klassischer Fado-Manier instrumentiert und arrangiert - die Musik auf Alma absolut modern. Hier wird der Fado, oft als Blues der Portugiesen bezeichnet, zum Soul.

(Autor: Jörg Podzuweit)

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CD der Woche vom 26. November bis zum 02. Dezember 2012 | (EAN 730003308628) 2012 Strut Records

The Souljazz Orchestra - Solidarity

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"Solidarity" ist bereits das fünfte Album der 2002 gegründeten multikulturellen Band aus Kanada, deren Mitglieder u.a. aus Brasilien und Senegal kommen. Nach der weitgehend akustischen Instrumental-CD "Rising Sun" hat die Band jetzt wieder eine Platte voller großartiger Songs mit verschiedenen Gast-Vokalisten vorgelegt. Viele der Musiker kommen vom Jazz, aber afrikanische und lateinamerikanische Einflüsse sind unüberhörbar und werden kreativ verarbeitet, sei es nun Afrobeat, Mbalax, Salsa, Cumbia oder Reggae. Dabei bleibt das Soul Jazz Orchestra stets innovativ und vermeidet musikalische Klischees. Der Retro-Sound des Albums entstand u.a. dadurch, dass die Tracks auf einem alten 8-Spur-Gerät aufgenommen wurden und auch die Keyboards und Effektgeräte schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Die Songs, gesungen in Englisch, Spanisch, Portugiesisch und Wolof, drehen sich um soziale und politische Themen ebenso wie um folkloristische geschichten und zwischenmenschliche Beziehungen.

(Autor: Wolfgang König)

Das Souljazz Orchestra im Internet: homepage
 

CD der Woche vom 19. bis zum 25. November 2012 | (EAN 886116000178) 2012 Hazelwood Vinyl Plastics

Mardi Gras.BB - Crime Story Tapes

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Mardi Gras.bb sind zurück - mit einer neuen grandiosen CD. Wer die Band noch nicht kennt, sollte spätestens jetzt die Crime Story Tapes als Einstiegsdroge nutzen. Die neue CD wird von einigen bereits als ihre beste gehandelt.

Von Musik aus New Orleans beeinflusst und 1992 in Mannheim gegründet, formierten sich Mardi Gras zunächst als Brass Band. Der Name entstand in Anlehnung an die Karnevalstradition der Stadt am Mississippi. Der "mardi gras" (wörtlich: fetter Dienstag) ist der letzte Tag des Faschings. Aus dem BB für Brass Band wurde später bb für "boldbold", den Schriftstil "doppelt fett", was für Mardi Gras.bb dann soviel heißt wie: Fetter Dienstag - extra fett. Mittlerweile sind sie über ihre Anfänge hinausgewachsen und tummeln sich in den unterschiedlichsten Stilen.

Jetzt haben sie, wie schon mehrmals zuvor, erneut ein Konzeptalbum kreiert. Ihre zehnte Veröffentlichung, ist eine Hommage an die Popkultur Nordamerikas der 1940er Jahre, angefangen beim Cover über die Musik bis hin zu den Texten. Mardi Gras.bb stopfen jede Menge Swing und verwandte Genres wie Lindy Hop und Balboa in die neue CD und lassen außerdem Blues und Klezmeranklänge einfließen. Den thematischen Rahmen bilden die Erlebnisse eines New Yorker Privatdetektivs im Jahre 1947. Die Band erklärt selber: Crime Story Tapes is "not a record, it's a movie!!" Mit unzähligen Anspielungen auf den Film Noir werden die klassischen Themen des Genres verarbeitet: Verbrechen, Affären, Drogen, Korruption.

Sänger und Ur-Mardi-Grassist Doc Vance gibt den hartgesottenen zynischen Ermittler, der mit rauer Stimme aus dem privatdetektivischen Nähkästchen plaudert. Gleich zu Beginn erklärt er seine akuten Gedächtnisprobleme mit einem Berufsunfall - nach einem Kopfschuss ist ein Teil seines Gehirns an einer Straßenecke in Manhattan zurückgeblieben. Zwielichtige Gestalten und skurrile Situationen sind Themen der "Tapes" zwischen schwermütigen Balladen und rasantem Swing: ein Dealer, der alles besorgt, was der Kunde begehrt, eine Bar-Mitzwa-Feier in Brooklyn - inklusive vorausgehenden Kommentars des erzählenden Antihelden zum Thema Beschneidung - und schließlich eine vertonte Polizeirazzia, zusammengesetzt aus Sirenen, Dialogfetzen und dramatischer Musik im fulminanten letzten Track.

Alles zusammen ergibt einen spannenden Film mit einem tollen Soundtrack, abgerundet von Bandmitglied DJ Mahmut. Er sampelt und scratcht das Ganze geschmeidig ins aktuelle Jahrtausend.

Im Rahmen ihrer Tour zum neuen Album kommen Mardi Gras.bb auch nach Berlin. Die Band spielte zu anderer Gelegenheit bereits vor 60.000 Leuten und hatte schon so illustre Gäste wie Prince himself. Am 22.11.2012 im Lido wird es eine Winzigkeit kleiner zugehen, trotz dem kann man sich auf eine schicke, "mind-boggling" Show freuen.

(Autorin: Gabriele Schäfer)

Mardi Gras.BB im Internet: homepage | myspace
Am 22.11.12 live im Lido-Berlin.
 

CD der Woche vom 12. bis 18. November 2012 | (EAN 4005902514453) 2012 Skycap (Rough Trade)

Movits! - Out Of My Head / Ut Ur Min Skalle

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Genau rechtzeitig zur kalten Jahreszeit kommt ausgerechnet aus dem hohen Norden eine Band, die uns gewaltig einheizen wird - auch schon bald live in Berlin: Movits! (weg: eine Band) aus dem schwedischen Luleå, die mit "Out Of My Head / Ut Ur Min Skalle" gerade ihr zweites Album in Europa veröffentlicht haben. Das Besondere dieser Platte? Sie wurde in vier Monaten live im Studio eingespielt, unter Mitwirkung hochkarätiger Gäste, etwa den schwedischen Rappern Zacke, Timbuktu, Promoe und Olle Nyman. Die Aufnahme schlug derart heftig ein, dass die Schweden, deren Album zuhause schon 2011 erschien, die letzten Monate des vergangenen Jahres bereits ausgiebig tourten und mehr als 100 Konzerte auf vier Kontinenten absolvierten.

Schon ihr Debüt "Äppelknyckarjazz" ("Apfeldieb-Jazz") war so gut, dass die beiden Rensfeldt-Brüder, der Sänger Johan und der Multiinstrumentalist und DJ Anders, sowie ihr Freund, der Saxofonist Joakim Nilsson (die ganze Movits!-Besetzung!) 2009 damit sogar durch die USA tourten und die Bestseller-Listen von iTunes und amazon anführten. Das ist bemerkenswert, weil das Trio dies mit einem Genre schafft, welches trotz seines Alters und seiner Bekanntheit nach wie vor eine, wenngleich zusehends größer werdende Nische besetzt: Die drei Schweden haben sich nämlich dem Swing verschrieben und würzen den mit coolen, nicht etwa englisch- sondern durchweg schwedischsprachigen Raps. Bisweilen erinnert ihr treibender Sound ein wenig an unsere Berliner Lokalmatadoren Seeed. Die fetten Bläser-Arrangements lassen jedoch keinen Zweifel daran, dass es sich um Swing handelt und laden mit jedem Track auf's Neue zum Tanzen ein. Doch nicht nur mit "move" hat ihr Bandname zu tun, sondern auch mit einem gewissen Fader Movitz, einer Figur aus einer schwedischen Gedichte- und Liedersammlung aus dem 18. Jahrhundert.

Nachdem Movits! ganz Europa, Übersee und Asien mit ihrer betörenden Neo-Swing-Hip Hop-Melange gerockt und so den zurückliegenden Festival-Sommer bereichert haben, spielen sie am 18. November in einer der schönsten Berliner Locations, im Heimathafen Neukölln. Ein Konzert, von dem noch spätere Generationen swingend und gut gelaunt berichten werden, da ist sich die Autorin sicher und fragt: Kann man es sich leisten, das zu verpassen? Ich denke, da sind wir uns einig: Astrid Lindgren würde ihrem Grab entsteigen und mithotten, wenn es denn möglich wäre.

(Autorin: Lena Speckmann)

Movits! im Internet: homepage
Am 18.11. live im Heimathafen Neukölln.
 

CD der Woche vom 05. bis 11. November 2012 | (EAN 826863264928) 2012 Piranha Records

Robert Šoko & Florian Mikuta - BalkanBeats SoundLab

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Wer kennt nicht die legendären Balkanbeats-Partys mit Robert Šoko, die in Berlin gestartet sind und mittlerweile sogar weltweit in den Metropolen stattfinden? 1989 hat der Bosnier Jugoslawien verlassen und kam nach Berlin. Hier vermisste er schnell seine heimatliche Musik und begann, als DJ in der Kreuzberger Kneipe Arcanoa, damals noch mit viel Yugo-Rock. Er feierte dort mit anderen Jugoslawen alte sozialistische Feiertage aus der Heimat, die es zu dem Zeitpunkt nach dem Fall des Kommunismus längst nicht mehr gab. Šoko nannte dies "Culture-Recycling". Der Einfluss der deutschen Musik wirkte sich ziemlich schnell auf seine Musik aus, die Balkan-Sounds klangen immer mehr nach Dancemusic, nicht zuletzt auch durch seinen Kollegen Shantel aus Frankfurt am Main. Damals überlegte Šoko noch, ob er seine Partys fortan "Balkanbeast" oder "Balkanbeat" nennen sollte. Zweiteres hat sich durchgesetzt und ist mittlerweile sogar zur Genrebezeichnung dieser damals neuartigen Musikrichtung geworden.

Nach vier Balkanbeats-Compilations und unzähligen Partys hat sich Robert Šoko mit einem DJ-Kollegen zusammen getan, Florian Mikuta, einem der wenigen Roma-Musiker, die es als DJ geschafft haben. Mikuta ist bereits geübt als Remixer und Producer, entwickelt sogar Filmmusik für die Firma 24plus1 Greece.

Die beiden DJs haben sich für die Soundlab-Remix-Compilation ins Studio begeben und vom Who-is-Who der Balkanbeats-Szene die neuesten Stücke mit einem Klang versehen, dass man beim Hören denkt, es handle sich um eine fein säuberlich selektierte Ansammlung von Balkan-Dancemusic-Klassikern. Remixed wurden Stücke von Genregrößen wie Watcha Clan, Slavic Soul Party, Besh O Drom, Kal, !DelaDap, Feel Good Productions und sogar Boban i Marko Marković Orkestar. Mit letztgenannten wird er die Releaseparty am Samstag, den 10. November im Lido feiern - ein Ereignis, welches mit Sicherheit die Herzen der Balkanbeat-Fans höher schlagen lässt. Außerdem ist die Soundlab-Compilation Anlass für eine neue vierwöchentliche Partyserie, die am 22. November im neuen Club Bi Nuu im U-Bahnhof am Schlesischen Tor in Berlin-Kreuzberg starten wird. Hier und da werden Stimmen laut, dass Balkanbeats ihre beste Zeit hinter sich hätten - Robert Šoko und Florian Mikuta beweisen und zelebrieren allerdings das Gegenteil.

(Autor: Nellski)

Robert Šoko & Florian Mikuta im Internet: homepage | facebook
 

CD der Woche vom 29. Oktober bis 04. November 2012 | (EAN 5060091552104) 2012 mais um discos / indigo

Lucas Santtana - The God Who Devastates Also Cures

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Nein, Brasilien muss man nicht immer bloß mit Alegria und Sonnenschein assoziieren. In der reichhaltigen, mannigfaltigen Musikkultur dieses halben Subkontinents kennt und zelebriert man von jeher auch Melancholie und Introvertiertheit. Heutzutage lehren uns dies Musiker wie die Paulista Céu oder Lucas Santtana, der zwar in Rio lebt, aber mit der Kollegin und weiteren Musikerfreunden der agilen Szene von São Paulo gut vernetzt ist. So wirkt man nicht selten auf den Alben des jeweils anderen mit, wie auch auf Santtanas neuestem, nunmehr fünftem eigenen Album (nebst einer Sammlung von Remixen anderer Kollegen) geschehen, dessen Musikergästeliste lang und erlesen ist.

Schon der Titel auf dem regenverhangenen CD-Cover (Der Gott, der zerstört, aber auch heilt) offenbart den Tiefgang und die Schwermut dieses 1970 in Salvador da Bahia geborenen Sängers und Klangtüftlers, der mit dieser atmosphärisch und stilistisch sehr abwechslungsreichen Liedersammlung das Ende seiner Ehe zu verarbeiten sucht. Und dies vollzieht sich musikalisch mal mit Schwergewichten, mal mit schwebender Leichtigkeit, gebettet auf majestätischem Orchesterklang, in Form eines luftigen Samba oder einer elektrifizierten Ballade, mal im Rhythmus von Afrobeat (Músico), Ska (Se Pá Ska S.P.) oder gar von Reggaeton (Ela É Belém). Doch klingen selbst solch populäre Stile bei diesem Soundvisionär mit der melancholisch-sanften Gesangsstimme und der Elvis-Costello-Brille stets irgendwie anders, eigenwillig und subtil.

Man hört dem Mann mit der langjährigen musikalischen Erfahrung, der sein Musikstudium abbrach, als ihn Gilberto Gil in seine Tourband lud, an, dass er von früh an aus diversen musikalischen Quellen trank: Seine Mutter versah ihn mit Alben von Beethoven, John Coltrane, Michael Jackson oder Tom Zé. Dank des Vaters, Mitarbeiter einer Plattenfirma, wurde er vom Zauber live gespielter Musik erfasst. Und so bekommen wir mit diesem Lieddutzend ein edles Stück Popmusik - im großzügig weitesten Sinne dieses Wortes, mit gleichermaßen lokalen wie globalen Bezügen - etwas, das besonders den Brasilianern liegt. Und wir bekommen dieses Album zur haargenau richtigen Jahreszeit. Im Sommersonnenlicht wäre es gnadenlos weggeschmolzen und so niemandem zu Ohren gekommen...

Innerhalb seiner ersten größeren Europatour beehrte Lucas Santtana auch Berlin und trat am 29. Oktober im Grünen Salon der Volksbühne auf.

(Autorin: Katrin Wilke)

Lucas Santtana im Internet: homepage | myspace | facebook

CD der Woche vom 22. bis 28. Oktober 2012 | (EAN 885150336434) 2012 Motéma

Ablaye Cissoko & Volker Goetze - Amanké Dionti

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Dieses Album schlägt Brücken zwischen drei Kontinenten. Der Kora-Spieler und Sänger Ablaye Cissoko ist ein Griot (Musiker und Geschichtenerzähler, ein Beruf, der normalerweise vererbt wird) aus Senegal, Volker Goetze ist ein deutscher Trompeter mit Wohnsitz in New York. Beide können auf eine bemerkenswerte Vita verweisen, denn Ablaye Cissoko hat den senegalesischen Superstar Omar Pene begleitet und mit dem US-amerikanischen Pianisten Randy Weston gearbeitet. Volker Goetze hat mit seinem Trompeter-Kollegen Markus Stockhausen gespielt (Sohn des großen Komponisten Karlheinz Stockhausen), mit Lenny Pickett von der Gruppe Tower of Power und mit dem brasilianischen Perkussionisten Nana Vasconselos.

Der Kora-Virtuose und der Trompeter lernten sich 2001 bei Proben des African-European Jazz Orchestra, zu dem sie beide gehörten, im senegalesischen Saint-Louis kennen, wo die Band dann im Vorprogramm von Youssou N?Dour auftrat. Sofort stellte sich heraus, dass die musikalische und persönliche Chemie zwischen den beiden stimmte. 2008 erschien ihr erstes gemeinsames Album "Sira", das von der Kritik geradezu bejubelt wurde und von dem Volker Goetze sagt, dass es weitgehend intuitiv entstand. Das Konzept für die Produktion ihrer neuen CD "Amanké Dionti" war demgegenüber schon sehr viel durchdachter. Die Musik ist ausgesprochen meditativ, dazu passt auch der Aufnahme-Ort: Das Album entstand nicht in einem sterilen Studio, sondern in der vor über hundert Jahren komplett aus Holz errichteten Kirche "Bon Secours" in Paris.

(Autor: Wolfgang König)

Internet: Volker Goetze
 

CD der Woche vom 15. bis zum 21. Oktober 2012 | (EAN 4047179659321) 2012 Asphalt Tango

Kottarashky & The Rain Dogs - Demoni

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Seit seinem ersten Album "Opa, Hey!"" ist der Bulgare Nicola Gruev in der Weltmusikszene bekannt als Soundtüftler mit Hang zum Perfektionismus. Damals hatte er noch tanzbare Klangcollagen gesammelter Soundschnipsel zusammen gestrickt. Für seine aktuelle Scheibe "Demoni" ist er allerdings einen Schritt weiter gegangen. Er lässt zu seinen Soundschnipseln Soundloops von seiner Band "The Rain Dogs" mit Klarinette, Gitarre, Bass und Darbuka, einer kelchförmigen orientalischen Trommel aus Blech, live einspielen. Daraus ist erneut etwas entstanden, was sich nur schwer einer Schublade zuordnen lässt. Ist es Balkanmusik? Ist es Trip Hop? Ist es Electro? Oder gar Funk? Er selbst nennt es Advanced Balkan Electronica Funk und genau diese Bezeichnung trifft es noch am ehesten.

Seine ätherische Elektronik verschmilzt mit groovenden Balkan Funk, lässigen Jazz und dem tragenden Blues seiner Mitmusiker. In Bulgarien zählen die fünf Jungs Aleksandar Dobrev , Hristo Hadzhiganchev, Yordan Geshakov, Atanas Popov und eben Nicola Gruev alias Kottarashky mit ihren funkigen Trance-Klangteppichen zu den nationalen Größen in der örtlichen Musikszene. Kein Wunder, dass sie es geschafft haben für das Album ein Lied "Pancho Says" mit Szenegröße Fanfare Ciocărlia aufzunehmen. Vor Tom Waits verneigen sich die Jungs aus Sofia, deshalb ihr identischer Bandname.

Derzeit tourt die Band, die bei Asphalt Tango, dem Label von Balkangrößen wie Mahala Raï Banda, Besh o droM oder die eben genannten Fanfare Ciocărlia, noch durch Europa um "Demoni" einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. In dieser Woche endet ihre Tour mit ihrem Höhepunkt in Griechenland. In Thessaloniki auf der diesjährigen World Music Expo, kurz WOMEX, sind sie mit ihrem neuen unverbrauchten Sound eine der meist erwarteten Bands. Unser Team von multicult.fm wird für Euch vor Ort sein.

(Autor: Nellski)

Kottarashky and the Rain Dogs im Internet: facebookmyspace
 

CD der Woche vom 08. bis zum 14. Oktober 2012 | (EAN 4250095800535) 2012 Galileo MC

Carmen Souza - Kachupada

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Die Künstlerin unserer CD der Woche wurde 1981 als Tochter von Kapverdianern in Lissabon geboren und lebt und arbeitet seit einigen Jahren in London. Die Gitarre und Piano spielende Sängerin, die als Kind begeistert im Kirchenchor sang, hat im Laufe von knapp zehn Jahren musikalisch Flügel bekommen. War ihr 2005 erschienenes Debütalbum "Ess ê nha cabo verde" (Das sind meine Kapverden) schon dem Titel nach noch ausdrücklicher ihrem Vater- und Mutterland zugeneigt, so mischt sich in ihre ganz eigene kapverdische Musikkultur etwa die des Jazz- und des SingerSongwriting.

Beim Herausarbeiten und Entfalten ihres besonderen Gesangsausdrucks, ihrer besonders facettenreichen, mal ganz irdisch und naturverbunden, mal spleenig wie ihre Landsfrau, Maria João, doch stets warm und soulig klingenden Stimme ist Souzas wichtigster Kreativpartner seit langem der ebenfalls an der Themse lebende, renommierte Lissaboner Bassist Theo Pas'cal. Gemeinsam mit einer kleinen, handverlesenen Schar von Musikern entstanden zwischen London und Lissabon 13 fein arrangierte und instrumentierte Songs, die eine feine Eleganz, aber auch den Duft von Holz und Sonne atmen. Das Gros von der Vokalistin selbst getextet und ihrem Kollegen vertont, desweiteren ein in Kreol vorgetragenes kapverdisches Traditional und - wie schon auf den Vorgängeralben geschehen - einige sehr originell abgewandelte Jazzstandards: Neben "My favourite things" auch Charlie Parker's "Donna Lee", das die Kapverd-Portugiesin mit einem eigenen Text versah. Spannend ist, wie Carmen Souza selbst ein solches Stück in lusophone, gar kapverdisch klingende Gefilde zu entführen vermag. Zwar vernimmt man ihrer Musik diesen kulturellen Background, doch hat diese nie jenen Wiedererkennungscharakter, der sich durch Cesaria Evora & Co. ein für alle Mal in unseren Ohren eingenistet haben dürfte.

Das Erbe der 2011 verstorbenen Kollegin führt die junge Künstlerin auf ganz eigene, stilistisch deutlich erweiterte, einfallsreiche Weise fort in ihrer Musik, welche diese famose Melancholie der Kapverden genauso spüren lässt wie eine unbändige Lebensfreude und Witzigkeit. Das einnehmende Lächeln bzw. Lachen der überaus sympathischen Frau überträgt sich nicht nur live, sondern auch so, ohne sie auf der Konzertbühne zu erleben, in ihren Liedern.

(Autorin: Katrin Wilke)

Carmen Souza im Internet: homepage | myspace | facebook 
 

CD der Woche vom 01. bis zum 07. Oktober 2012 | (EAN  4029759082286) 2012  Contemplate 360 / Edel

Samúel Jón Samuelsson Big Band - Helvítis Fokking Funk

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Dank des deutschen Nationalfeiertages am 3. Oktober liegt eine kurze Arbeitswoche vor uns, in der wir uns besonders lange Musik gönnen. Es geht nämlich u.a. um Afrobeat, und der ufert von jeher, also seit der Patentierung durch Fela Kuti gerne aus. Ein Song des Nigerianers konnte gut und gerne die komplette Seite einer Platte okkupieren. Nicht ganz so bei diesem Album, dessen Stücke, allerdings auch ihre sieben bis neun, einmal gar 12 Minuten dauern. Und sie entstanden auch nicht im hitzigen Lagos sondern im nordischen Reykjavik, wo das 17-köpfige Orchester seit nunmehr zwölf Jahren seinen allerfeinsten, druckvollen Afrofunk-Big-Band-Jazz köchelt.

Bei seinem allerersten Deutschlandkonzert im April bei der Bremer Jazzmesse Jazzahead kamen selbst die abgebrühtesten, alten Jazz-Hasen ins Schwitzen und Schwärmen. Erstaunlich, dass die Band des in der eng verstrickten heimischen Szene gefragten, renommierten Posaunisten Samúel Jón Samúelsson erst jetzt zum Sprung aufs europäische Festland ansetzt. Die vielen Köche, die in diesem Falle den Brei keineswegs verderben, bringen verschiedenste musikalische Erfahrungen und Vorlieben mit: Der Perkussionist war der Drummer der Sugarcubes, der Band, mit der Björk internationale Bekanntheit erlangte. Andere Orchestermitglieder betätigen sich im Avantgarde- oder Klassikbereich. Und sie alle eint die Liebe zu Jazz und Funk mit all ihren Spielarten. Zu ihren Einflüssen zählen die Isländer James Brown und Miles Davis genauso wie Ennio Morricone, Burt Bacharach oder Lalo Sciffrin. Diese stilistische Vielfalt wird auf diesem Album - der ersten internationalen Release, nach zwei zuhause veröffentlichten Arbeiten - in aller Ausführlichkeit und Bandbreite u.a. mittels einer großzügigen, sehr markig und pointiert klingenden Bläsersektion in sechs Instrumentaltracks zelebriert, denen nicht selten politische Belange zugrunde liegen. Selten waren wir in der Lage, unsere CD der Woche wirklich zur Hälfte vorstellen zu können.

In dieser Woche schaffen wir es, wenngleich wir wohl keinen der treibenden Tracks in seiner vollen, schönen Länge präsentieren können. Doch die nächste Party kommt bestimmt - die Lust, das Tanzbein zu schwingen, garantiert schon früher... Der Globalplayer Afrobeat, längst an unterschiedlichsten Orten dieser Welt kultiviert, hat dank der Samúel Jón Samúelsson Big Band also auch eine gute Heimstatt in Island gefunden.

(Autorin: Katrin Wilke)

Samúel Jón Samuelsson Big Band im Internet: myspace | facebook
 

CD der Woche vom 24. bis zum 30. September 2012 | (EAN  4006180430824) 2012 Jaro Medien

Warsaw Village Band - Nord

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Ta Kapela Ze Wsi Warszawa, zu Deutsch die Kapelle aus dem Dorfe Warschau, konnte diesen Sommer ihr fünfzehntes Bandjubiläum feiern - Zeit genug ausreichend musikalische Erfahrungen zu sammeln, um mit ihrem sechsten Album "Nord" prompt den zweiten Platz der World Music Charts einzuheimsen. Kein anderes polnisches Album erreichte bisher eine so hohe Platzierung. Direkt im ersten Lied "Hey You, Yokel's Son" zeigen sie aber stolz, dass es ihnen nicht darum geht mit ihrer Musik reich zu werden. Sie fordern ihre Verehrer auf, sich lieber jemand mit mehr Geld zu suchen, denn ihnen spiele nur die Musik. Statt dessen dürfen die Hochstapler und Reichen sie bloß betrachten. Dass sie eins mit der Musik sind, zeigen Magdalena Sobczak-Kotnarowska, Sylivia Swiatkowska und Ewa Welackea ganz eindeutig, indem sie demonstrieren, wozu ihre Stimmen in der Lage sind. Sie mischen die Kunst der Polyphonie und des Kanons zu einer epischen Gesangskunst, weißer Gesang genannt, wie man es nur noch selten zu hören bekommt. Und das nicht nur im ersten Lied. Doch wenn Milosz Gawrylkiewicz's majestätische Trompete, Pawel Mazurczak's interessant gekratzten Vorläufer der Violine, der Suka, Maciej Szajkowski's schammanisches Gewitter auf uralten Rahmentrommeln, dazu mal ein dezentes Drehleierschnarren oder ein meisterliches Zimbalspiel nicht fast durchgehend die Stücke in Trance voran treiben, könnte man fast traurig sein, dass in drei der insgesamt dreizehn Stücke die Mädels nicht im Chor trällern. Allerdings sei auch gesagt, dass sie im Stück "Hemp Lullaby" komplett acapella verschiedene polnische Schlaflieder mit ihren treibenden Folklorestimmen so kanonartig ineinander verstricken, dass man sich anschließend wundert, wie dehnbar Zeit sein kann. Jahrhunderte der Folkmusik werden mit Hilfe von vergessenen Instrumenten und Gesangstechniken von dem polnischen Sextett Warsaw Village Band fein aufpoliert und avantgardistisch modern getuned, sie werfen dabei stets den ein oder anderen Blick auf Folkmusik außerhalb Osteuropas. So fügt sich beispielsweise indianischer Kriegsgesang nahtlos ein in dem Stück "War's Coming", einem Abschiedslied eines Soldaten an seine Mutter. Globalisierte klassische moderne Folkmusik. Dzięki za wspaniałą muzykę, Kapela Ze Wsi Warszawa!

(Autor: Nellski)

Warsaw Village Band im Internet: homepage | wikipedia
 

CD der Woche vom 17. bis 23. September 2012 | (EAN  876623006565) 2012 Crammed Discs / Indigo

Staff Benda Bilili - Bouger Le Monde!

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Vor kurzem gingen in London die Paralympics zu Ende, und wer hätte da nicht besser die Abschlussfeier krönen können als Staff Benda Bilili?!! Eine Vorstellung sicher nicht nur den Autoren dieses Textes sondern auch vieler anderer Menschen, die acht Musikern der Band inklusive. Die sind im quirligen Zentrum der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa zuhause, und ihre Band entsprang einem Projekt polio-kranker oder querschnittsgelähmter Straßenmusiker, die auch tatsächlich auf der Straße lebten. Vier ältere Sänger/Gitarristen auf ihren spektakulären, selbstgebauten Dreirädern bzw. auf Krücken sind das Herz der Band und sorgen - ihrem Handicap zum Trotz - bei ihren Auftritten für eine unglaubliche Stimmung. Eine jüngere Rhythmusgruppe hämmert dazu dichte Beats. Über alledem erklingen strahlend hell die rasenden Soli, die Roger Landu auf seiner Satongé zaubert, einer selbstgemachten Blechbüchsen-Gitarre mit nur einer Saite.

Die afro-funkigen Songs ähneln sich, haben einen gewissen Wiedererkennungswert, funktionieren nach einer Systematik. Doch abgesehen von der ohnehin bestehenden "Suchtgefahr" betreffs der Musik der Kongolesen, sind die Kraft und gute Laune, die in den einzelnen Stücken steckt, in jedem Falle einnehmend und Tanzlaune hervorrufend. Betörend und in diesem konkreten Falle besonders beeindruckend, wie viel man mit relativ simplen Tönen vermitteln kann und wie wertvoll es ist, die Musik nicht für sich im stillen Kämmerchen zu kreieren, sondern damit an die Öffentlichkeit zu treten. Und die ist mittlerweile groß bei Staff Benda Bilili: Musizierte man zunächst für die Leute im Viertel und probte im fast vollständig stillgelegten Zoo der Heimatstadt, so treten diese acht respektablen und verehrten Herren mittlerweile auf den großen Bühnen in aller Welt auf. Entsprechend erfahrungsreich und musikalisch gereift, durchaus solider als der Vorgänger "Très Très Fort", klingt "Bouger le Monde", das zweite Album der Band. Und eben - der CD-Titel sagt es: "Die Welt verändert sich" - zumindest für die Musiker von Staff Benda Bilili derzeit zum Besseren, verdientermaßen.

(Autoren: Katrin Wilke und Gerhard Müller)

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CD der Woche vom 10. bis 16. September 2012 | (EAN  5060195513544) 2012 Alex Wilson Rec.

Wilber Calver - Diaspora

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Es soll ja immer noch Leute geben, die glauben, sie wüssten wie kubanische Musik klingt, weil sie die CD vom Buena Vista Social Club im Schrank haben. Dabei präsentierte diese Band Songs der 1930er und 40er Jahre. Zu den außergewöhnlichsten jungen kubanischen Musikern der Gegenwart gehört Wilber Calver, schon wegen seines Instrumentes, des Dudelsacks. Begonnen hatte der aus Holguín im Osten Kubas stammende Künstler, dessen Familie zum Teil aus Jamaica stammt, seine Laufbahn 1997 als Perkussionist in einem traditionellen Ensemble. Ein Jahr später nahm er ersten Dudelsack-Unterricht und beschloss, sich künftig ganz diesem Instrument zu widmen. Darunter sind allerdings nicht die bekannten schottischen Highland Bagpipes zu verstehen, sondern der etwas weniger martialisch klingenden galicische Dudelsack aus dem Nordwesten der iberischen Halbinsel, einer Region, die einen großen Teil der spanischen Auswanderer stellte, die sich in Kuba niederließen. Inzwischen geht der Migrantenstrom in die entgegengesetzte Richtung: Tausende von Kubanern leben heute in Spanien.

Auch Wilber Calver hielt sich dort eine Weile auf; eine echte neue Heimat fand er aber erst an seinem jetzigen Wohnort in den Schweizer Alpen im Kanton Schwyz. Seine Debüt-CD "Diaspora" produzierte Wilber Calver mit einem der umtriebigsten Musiker der europäischen Latin-Szene. Der Pianist Alex Wilson, der familiäre Wurzeln in Österreich und Sierra Leone hat und nach Jahren in London nun auch in der Schweiz lebt, ist ein Spezialist für kubanische Musik und ausgesprochen experimentierfreudig. Er kombinierte Salsa und Latin Jazz mit R&B, westafrikanischer Musik und sogar indischem Banghra-Pop. Und jetzt eben mit dem Sound des Dudelsacks. Die Stücke der CD "Diaspora" sind überwiegend kubanische und schottisch-irische Traditionals sowie Kompositionen von Wilber Calver und Alex Wilson, arrangiert als Rumba, Danzón, Charanga, Timba...

(Autor: Wolfgang König)

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CD der Woche vom 03. bis 09. September 2012 | (EAN  0609788880004) 2012 The Gift Of The Gab Records / Rough Trade

Gabby Young & Other Animals - The Band Called Out For More

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Willkommen im musikalisch kribbelbunten, turbulenten "Circus-Swing"-Zirkus von Gabby Young! In der Crew der 28-jährigen Britin scheint es auch an Tieren nicht zu mangeln, heißt doch ihre achtköpfige, 2008 in London formierte Band "Other Animals". Und die "will mehr", wie der Titel ihres (offiziell!) zweiten Albums unverhohlen ankündigt. Lust auf mehr bekommt man auch beim Hören der zwölf, stilistisch weitschweifigen, aus Swing, Jazz, Polka, Walzer oder Kunstlied schöpfenden Popsongs. Man möchte mehr von dieser Zirkusluft schnuppern, die Exzentrikerin mit Hang zum Theatralischen und zur Verwandlung und mit kunstvoll aufgetürmter, feuerroter Haarpracht live erleben (in unseren Breiten möglich am 20.10. im Potsdamer Nikolaisaal und am 19.01.13 im Berliner Postbahnhof).

Doch erst einmal gibt einem das Album genug zu tun für die Ohren und die Augen. Allein seine Gestaltung ist ein Kapitel für sich und lohnt allemal den Kauf der CD: Die in einer Künstlerkommune lebende, interdisziplinär arbeitende SingerSongwriterin hat mit Hilfe von Freunden ein achteckiges, kunstvoll zusammengefaltetes Papieretui kreiert, in dem Silberling und und Booklet aufbewahrt sind. Das Ganze optisch garniert mit blauen, Gabby's blumengeschmückten Rotschopf umflatternden Schmetterlingen, und Sternen aus Glitzersteinen und Trompeten. Eine rundum sinnesfreudige Angelegenheit also, der es aber auch nicht an Tiefgang fehlt. Denn sie hat was zu erzählen, weil in ihrem jungen Leben schon allerhand erlebt - diese sangeskräftige, klassisch geschulte Frau, die von früh an verschiedene Instrumente spielte, jüngstes Mitglied der "National Youth Opera" war und mit Anfang 20 eine heikle Schilddrüsenkrebs-OP nahe der Stimmbänder durchstand. Entsprechend viel Gefühlsintensität, einen Lebens- und Liebesdurst, aber auch eine süße Wehmut, die an Bands wie Beirut denken lässt, versprühen ihre Songpoesien. Die schreibt Gabby Young allein oder mit ihrem Partner, dem Multiinstrumentalisten und Produzenten des Albums, Stephen Ellis. Der allein spielt schon etliche Saiten- und Tasteninstrumente, darunter Banjo und Melodica. Dazu gesellen sich die weiteren "anderen Tiere" mit Perkussion, Tuba oder Klarinette, sowie eine große Schar an Gästen. "The Band Called Out For More" eben...!

(Autorin: Katrin Wilke)

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CD der Woche vom 27. August bis 02. September 2012 | (EAN  0890846001220) 2012 Cumbancha/Exil (Indigo)

The Touré-Raichel Collective - The Tel Aviv Session

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Viele große Projekte beginnen mit einer zufälligen Begegnung. So war es auch beim Gitarristen und Sänger Vieux Farka Touré aus Mali (Sohn des legendären Ali Farka Touré) und dem israelischen Pianisten und Pop-Star Idan Raichel, die sich 2008 auf dem Frankfurter Flughafen über den Weg liefen, wo sie - beide auf Tournee - auf ihre jeweiligen Anschlussflüge warteten. Der berühmte Funke sprang über, die Chemie stimmte und im November 2010 traf man sich in einem kleinen aber feinen Studio in Tel Aviv, um zusammen mit dem israelischen Bassisten Yossi Fine und dem malischen Perkussionisten Souleymane Kane erste Stücke einzuspielen. Diese Aufnahmen bilden den Grundstock ihrer jetzt veröffentlichten gemeinsamen CD. Das Album ist über weite Strecken instrumental, die Kompositionen haben Idan Raichel und Vieux Farka Touré fast alle zusammen geschrieben. Obwohl natürlich viele musikalische Elemente aus dem Nahen Osten einfließen, wird der Sound des Albums über weite Strecken vom Sahel-Blues Westafrikas dominiert - nicht zuletzt eine Verbeugung von Idan Raichel vor einem seiner Idole, Vieuxs Vater Ali Farka Touré.

(Autor: Wolfgang König)

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CD der Woche vom 20. bis 27. August 2012 | (EAN 3521383420683) 2012 La Prod JV/Broken Silence

Orchestre National de Barbès - 15 ans de scène

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Die Band eines Stadtviertels "Nationalorchester" zu nennen, klingt nach einem lustigen Schildbürgerstreich. So geschehen Mitte der Neunziger in Barbès, einem stark afrikanisch geprägten und bevölkerten Flecken in Paris, dessen Strahlkraft bis in den Maghreb und nach Westafrika reicht. So bunt wie dieses Viertel ist in personeller und musikalischer Hinsicht auch das Orchestre National de Barbès (ONB), aktuell aus elf Leuten bestehend; gegründet von dem Algerier Youssef Boukella, der in den Achtzigern mit dem ersten Raï-Fieber in Paris gelandet war. Der mit Rock, Jazz und der Musik seiner Heimat verbandelte Bassist schöpfte aus der Arbeitserfahrung mit Takfarinas und Landsmännern wie dem "Raï-Prinzen" Cheb Mami und dem Jazzer Safy Boutella, als er diese besondere Paris-Combo ins Leben rief. Hervorgegangen aus gemeinsamen Jamsessions, patentierte diese u.a. aus Algeriern, Marokkanern und Franzosen verschiedener Generationen formierte Crew einen ganz eigene, extrem energiegeladene Melange aus nordafrikanischen Stilen wie Chaâbi, Raï oder Gnawa, aus Rock, Funk, Reggae, Ska, Jazz und Latingrooves. Was nach einem wüsten Soundclash klingt, hatte von Anfang einen hohen, sympathischen Wiedererkennungswert und großen Erfolg. Seltenheitswert haben dagegen die Auftritte dieser nach wie vor bestehenden, personell immer wieder mal überholten Band hierzulande. Dass das ONB vor allem für die Konzertbühne gemacht ist, davon konnte man sich schon von seinem 1997 erschienenen Debütalbum, der zeitlos schönen Live-Aufnahme "En concert" überzeugen. Die 18 Tracks des jetzt erschienenen Doppelalbums, die bis zu sieben, gar zwölf Minuten lang sind, lassen einen erneut zu dieser Maghreb-Worldbeat-Band genüsslich und ausgiebig schwofen. Mit den in verschiedenen Ecken der Welt entstandenen Aufnahmen, allesamt Highlights der vorigen vier Alben, feiern die (Wahl)Pariser auch gleichzeitig noch ihre fünfzehn Bühnenjahre. Hoffen wir auf (mindestens!) weitere fünfzehn mit dem einen oder anderen Zwischenstopp der Jungs in Deutschland...

(Autorin: Katrin Wilke)

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CD der Woche vom 13. bis 26. August 2012 | (EAN 4250727800384) 2012 flowfish records

Rosario Smowing - Se Mueve

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Wer glaubt, aus Argentinien käme nur Mate-Tee und Tango, der hat sich geschnitten. Denn Argentinien kann auch anders... Die acht jungen Herren der Band Rosario Smowing haben sich infiziert! Und zwar mit dem Swing-Fever, das schon eine ganze Weile weltweit grassiert. Mitnichten kommt die Formation um Diego Javier Casanova jedoch aus der Metropole Buenos Aires. Aus Rosario, Departamento Santa Fe, stammen sie, wie man auch ihrem Bandnamen entnehmen kann, und dort treiben sie seit der Jahrtausendwende ihr swingendes Unwesen. Mit bislang drei veröffentlichten CDs sind Rosario Smowing in ihrer Heimat Argentinien eine der von Publikum und Medien abgefeierten Live-Bands.

Akustisch wähnt man sich in den Swinging Sixties, doch gerade wenn man sich in den Sound eingegroovt hat, schleicht sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein unerwartetes musikalisches Element in die Gehörgänge. In bewährter Mestizo-Tradition bedienen sie sich unterschiedlichster Elemente, wie Ska, Rockabilly, verschiedene Latin-Styles wie Bolero, Mambo und eine Prise Tango darf natürlich auch nicht fehlen. Der Geist des Tango speist denn auch die sentimentalen, bittersüßen, in die Nacht gehörenden Texte, die hauptsächlich aus der Feder des Frontmanns und Ex-Punk-Sängers Diego Casanova stammen . Nichts destotrotz sind ihre Konzerte alles andere als gepflegte Milongas - die acht Jungs haben bisher noch jeden Ballsaal und jedes Festival zum Kochen gebracht und Stillsitzen ist - auch wenn zu Hause "nur" die CD läuft - absolut unmöglich, es sei denn, man hat ein Herz aus Stein. Auf ihrem dritten Album, das erste bei dem jungen Berliner flowfish-Label, servieren uns die acht Musiker zusammen mit etlichen Gästen ein buntes, viele Gänge umfassendes Menü, dessen Verzehr bestenfalls die ganze Nacht dauert und von dem einen oder anderen Gläschen begleitet wird. Der stimmgewaltige Sänger Diego Casanova singt jedoch nicht nur, sondern holt auch aus seiner Trompete heraus, was geht. Dass er in seiner Jugend höchstwahrscheinlich Los Fabulosos Cadillacs gehört hat, hört man - hat doch seine Stimme, wenn auch sehr eigen und individuell, eine gewisse Ähnlichkeit mit der von Vicentico. Ansonsten lassen sie sich aber in keinerlei Schublade stecken - und das ist nur einer von vielen Gründen, sich diese Band mal ganz in Ruhe (mit oder ohne einen Mate) zu Gemüte zu führen.

(Autorin: Lena Speckmann aka Maria Mandarina)

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CD der Woche vom 06. bis 12. August 2012 | (EAN 0657036118720) 2012 Six Degrees Records / EXIL

Niyaz - Sumud

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Mit unserer CD der Woche liefern wir den idealen Soundtrack zum derzeitigen Ramadan. Das in der Diaspora - erst in Kalifornien, aktuell in Montreal - tätige Trio Niyaz betreibt auf nunmehr drei Alben seine ganz eigene Wurzelpflege. Diese verrät die Liebe zur Elektronik genauso wie die zur reichhaltigen Mystik und Spiritualität des Sufismus. "Sumud" versammelt türkische, afghanische, palästinensische, kurdische und persische Traditionals, intoniert von der persisch-stämmigen Sängerin Azam Ali, exzellent instrumentiert und arrangiert von ihrem Quasi-Landsmann Loga Ramin Torkian, der noch ein paar weitere Instrumentalisten hinzugeholt hat. Dass das überwiegend traditionelle Material dank subtiler elektronischer Beigaben so gut im Hier und Heute gelandet ist und dabei nichts von seiner altehrwürdigen Eleganz und poetischen Kraft verloren hat, dafür sorgt der nicht zuletzt der international gefragte Elektronik-Tüftler Carmen Rizzo. Die "Standhaftigkeit" im CD-Titel spielt laut Niyaz-Sängerin Azam Ali auf das unbedingte, quasi "biologische" Recht eines jeden, dort in Würde in Freiheit leben zu können, wo er geboren wurde. Dieser Grundgedanke, gespeist aus den vielen Auftritten der Band in Konfliktgebieten, wie z.B. Kurdistan, ist der rote Faden dieses Albums und hallt auf die eine oder andere Weise in dessen insgesamt zehn, teils sphärisch-zurückgelehnteren, teils gut tanzbaren Tracks nach. Diese rufen beim Hören nicht von ungefähr ein süßes Fernweh hervor - nach anderen Orten und anderen Zeiten - bedeutet doch der Bandname zu Deutsch "Sehnsucht".

(Autorin: Katrin Wilke)

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free download: Niyaz - Parishaan
 

CD der Woche(n) vom 23. bis 05. August 2012 | (EAN 4250727800391) / Flowfish Records (Broken Silence)

Rodrigo Santa María y El Paquete Chileno - Élitro

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Mit unserer aktuellen CD der Woche machen wir einen sportlichen Spagat zwischen Chile und Deutschland. Hier, genauer: in Berlin lebt der aus der nordchilenischen Stadt Antofagasta stammende Rodrigo Santa María seit fünf Jahren. Der Gitarrist, Komponist und Sänger hat zusammen mit zwei weiteren Landsleuten, dem ebenfalls in Deutschland ansässigen Jazzbassisten Marco Chacón und dem Perkussionisten Luis Barrueto, ein "chilenisches Paket" - so der Name des Bandprojekts - geschnürt aus solidem Singer/Songwriting, diversen lateinamerikanischen Folklore-Einflüssen und Jazz.

Zum Kern dieses Verbunds versierter, vielseitiger Instrumentalisten, der sich auf seinem ersten Album noch ein paar Gäste hinzugeholt hat, gehört noch der dänisch-maltesische Trompeter Alan Sommer, dessen warmer Flügelhornklang den Zuhörer gleich in den ersten Takten des Albums, im energiegeladenen und doch feinnervig anmutenden Titeltrack aufs Angenehmste in Empfang nimmt. Den schön wie rätselhaft klingenden, spanischen Terminus "Élitro" werden vielleicht nicht mal viele Natives kennen, bezieht er sich doch auf einen speziellen, unscheinbaren, aber wichtigen Körperteil von Käfern: Die Flügeldecke, also die harte Schicht der Flügel, die den Insekten einen offenbar nicht zu unterschätzenden Schutz gewährt. Abgesehen von seinem Klang reizte den Mastermind des Projekts jenes Wort als Metapher für die Allianz von Geborgenheit und Freiheit. Der Schutz der Flügel geht für ihn einher mit einem Schutz der eigenen (Bewegungs)Freiheit. Poetisch-philosophische Gedanken wie diese halten die elf Songs ebenso zusammen wie Reflexionen um die Liebe, die ferne Heimat, leise und doch leidenschaftliche, mal heitere, mal nachdenklichere Liebeserklärungen an das Leben an sich.

Eins der wenigen, nicht aus Santa Marías Feder stammenden Vokalstücke, "Defensa de Violeta Parra", gedenkt der großen Chilenin. Neben Echos von Tango, Flamenco oder Bossa Nova finden sich auch Folklore-Stile wie die Cumbia oder der andinische Huayno in den Liedern. Ganz explizit in "Huayco Trans", einer - in den Worten seines Schöpfers - "fantastischen Geschichte über einen Homosexuellen, der sich in eine Frau verwandelt". Hier teilt sich Rodrigo Santa María mit José Miguel Márquez, einem ebenfalls in Berlin lebenden Mitglied der legendären chilenischen Band Illapu, das Gesangsmikro. Das übernimmt die Französin Constance Scannell in der von ihr verfassten Ballade "Gris est le ciel", dem einzigen nichtspanisch- sondern französischsprachigen Stücks des Albums. Und dieses wird all denen die Ohren und Herzen öffnen, die mit beidem hören und zum Verstehen schöner, musikalisch wohldosierter Liedpoesien auch gut und gerne auf ein Wörterbuch verzichten?

Eine Art Record Release feiert Rodrigo Santa María y El Paquete Chileno zusammen mit den Festivalbesuchern vom "Bardentreffen Nürnberg". Bei diesem renommierten Sommerfestival in Nürnberg wird die Band am kommenden Samstag, am 28.7.2012 auftreten.

(Autorin: Katrin Wilke)

'Rodrigo Santa María y El Paquete Chileno' im Internet: homepage
 

CD der Woche vom 16. bis 22. Juli 2012 | (EAN 5060091551640) / Mais um Discos/Kartel/Indigo

Arnaldo Antunes & Edgard Scandurra & Toumani Diabaté - A Curva Da Cintura

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Ein durchaus ungewöhnliches Trio hat sich da gebildet für die Arbeit an diesem Album. Toumani Diabaté, der wohl weltbekannteste wie auch experimentierfreudigste Kora-Spieler aus Mali trifft auf zwei brasilianische Rockmusiker, den avantgardistischen Sänger und Poet Arnaldo Antunes und den E-Gitarristen Edgard Scandurra. Was musikalisch nicht sehr naheliegend erscheint, ist in 14, in Mali aufgenommenen Songs fast durchweg wohlklingend und unforciert aufgegangen. Introvertiert anmutendes Songwriting, das sich teils mehr gen Rock, auch mal gen Blues oder gar Flamenco-Rumba wie in "Cara" orientiert, teils durch Diabatés charakteristisches Spiel mehr gen Westafrikas Mandinka-Tradition. Man frönt einer Langsamkeit in überwiegend zurückgelehnten, Balladen, die hier und da von einem flotteren Track unterbrochen werden. Antunes düsterer, unaufgeregt, aber auch stets etwas abgründig wirkender Gesang wird mal unterfüttert von einer Slidegitarre, mal vom glasklaren, flirrenden Klang der Kora. Da entstehen Momente einer wundersamen Vertrautheit, die denken lassen an eine langjährige gemeinsame musikalische Erfahrungen der drei Spitzenmusiker ähnlichen Alters.

Dabei trafen die beiden aus São Paulo stammenden Brasilianer erstmals 2010 beim Festival "Back2Black" in Rio auf den malischen Kollegen. Der war so begeistert von ihrer erstmaligen Zusammenarbeit damals, dass er die zwei daraufhin zum gemeinsamen Aufnehmen nach Bamako einlud. Mit von der Partie beim Einspielen der gemeinsam oder von einzelnen Beteiligten geschaffenen Kompositionen und afrikanischen Traditionals waren desweiteren unter anderem Diabaté-Sohn Sidiki, der in den schnelleren Stücken an der Kora saß, sowie Balafon-Spieler Fode Lassana Diabaté (Mitwirkender beim Afrocubism-Projekt). Bei einem "Rückspiel" kürzlich bei der Londoner Ausgabe von "Back2Black" und weiteren Konzerten in Europa konnte man sich von der Live-Umsetzung dieser offenbar menschlisch wie musikalisch bereichernden Begegnung überzeugen.

(Autorin: Katrin Wilke)

'A Curva Da Cintura' im Internet: homepage | facebook
 

CD der Woche vom 09. bis 15. Juli 2012 | (EAN 4250095881251) 2012 Panshot/Galileo MC

Jewdysee - 5773

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Klassische jüdische Musik wurde nicht zum ersten Mal tanzbodentauglich gemacht. Spätestens seit Watcha Clan und Shantel wird den meisten diese Form jüdischer Musik ein Begriff sein. Allerdings geht die Deutsch-Israelin Maya Saban mit ihrer Band Jewdyssee dabei in einer ganz neuen Qualität vor. Das Album ist kein Sammelsurium an Klezmer-Remixen, es ist ein Album das die sich in den letzten Jahren entwickelte neue "Yiddishkait" mit aller Kraft unterstreicht. Bekannte Klassiker wie "Hava Nagila" oder "Bei mir bist Du schejn" erleben ihre Renaissance in Form von Clubmusik, gespickt mit populären Elementen, wie sie uns von Electro Swing und Global Beats bekannt sind, und das, ohne ihre musikalische Tradition zu vernachlässigen. Wenn man zum Beispiel das Lied "Yankele" in all seiner Traurigkeit bei Künstlern wie Giora Feidman erleben durfte, wird man von der Fröhlichkeit Jewdyssee's stampfender Beats des gleichen Liedes vollkommen überrascht und zum Tanzen aufgefordert. Der Erfolg von Jewdyssee's Debut kommt nicht von ungefähr: Maya Saban ist schon mehrere Jahre in der deutschen Musikszene zuhause. Neben Kooperationen mit großen Namen wie Söhne Mannheims, 3P, Lena Meyer Landrut und sogar Disney hat sie es auch schon zu zwei Solo Alben geschafft. Die Singleauskopplung "Das alles ändert nichts daran" hatte nach einer hohen Chartplatzierung sogar den Weg in Singstar für die Playstation gefunden und bleibt damit ein Evergreen in deutschen Wohnzimmern. Nach dieser relativ chartorientierten Musik war Mayas Intention, jüdische Musik für den Club aufzuarbeiten, nicht nur aus dem Grund heraus geboren, ihre jüdischen Wurzeln musikalisch aufzuarbeiten, sondern auch aus dem Bedürfnis heraus, Berührungsängste zur jüdischen Kultur abzubauen. Jewdyssee ist, wie der Name bereits vermuten lässt, eine Odyssee durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft: Traditionelle Musik wird mit gegenwärtigen musikalischen Mitteln zu einer noch nie da gewesenen Zukunftsmusik geformt. Ein schönes Zeugnis aus Berlin.

(Autor: Nellski)

Jewdysee im Internet: myspace
 

CD der Woche vom 02. bis 08. Juli 2012 | (EAN 8429768011370) 2012 Nubenegra / Megaphon

Mariem Hassan - El Aaiún Egdat

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Sie ist DIE musikalische Stimme der Sahrauis - Mariem Hassan, die Stimme eines Volkes, das seit über drei Jahrzehnten zum überwiegenden Teil gezwungen ist, im Exil zu leben. Geboren wurde sie 1958 als drittes von zehn Geschwistern einer Nomaden-Familie in der damaligen spanischen Kolonie West-Sahara. Mit 18 begann Mariem Hassan ihre Karriere als Mitglied der Gruppe Shahid El Hafed Buyema, mit der sie auch durch Europa tourte. Seit 1998 ist Mariem Hassan solistisch tätig, vor sieben Jahren erschien ihr erstes Solo-Album, das den internationalen Durchbruch zur Folge hatte. Heute lebt Mariem Hassan mit ihrer Familie in der Nähe von Barcelona. Musikalisch sind ihre Lieder mit dem Wüsten-Blues der Touareg verwand. Ihre Songs drehen sich - natürlich - immer wieder um die dramatischen Lebensumstände der Sahrauis, die seit Jahrzehnten einem vom Rest der Welt fast vergessenen Konflikt ausgliefert sind, der inzwischen kaum mehr lösbar scheint. Auf der Berliner Kongo-Konferenz 1884/85 wurde die West-Sahara Spanien zugesprochen. Nach dem Tod des Diktators Francisco Franco 1975 zog sich Spanien aus seiner Kolonie zurück, die sofort von den Nachbarländern Marokko und Mauretanien beansprucht wurde, die von Norden und Süden her einmarschierten. Dagegen erhob sich die Befreiungsorganisation der Sahrauis, die schließlich den Abzug der mauretanischen Truppen erreichte. Marokko aber hält bis heute etwa zwei Drittel der West-Sahara besetzt und hat seit 1975 über 100.000 Marokkaner dort angesiedelt. Daraus resultiert das größte Problem für das seit Jahrzehnten von der UNO geplante Referendum über die Unabhängigkeit des Landes: Es muss geklärt werden, wer zur Stimm-Abgabe berechtigt ist, und aus demografischen Gründen läuft die Zeit gegen die Sahrauis, denn diejenigen, die schon 1975 in der West-Sahara lebten, werden weniger, ihre Nachkommen kennen zum großen Teil nichts als die Flüchtlingslager im Exil, während in der West-Sahara selber die zweite Generation von Marokkanern heranwächst, die bereits im Land geboren wurde und es als ihres betrachtet.

(Autor: Wolfgang König)

Mariem Hassan im Internet: WOMAD page
 

CD der Woche vom 25. Juni bis 01. Juli 2012 | (EAN 8435046257507) 2012 Ojo / Galileo

Lara Bello - Primero amarillo Después malva

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Kein "English man in New York" sondern eine "Spanish woman" beschert uns vom Big Apple aus unsere CD der Woche. Hinter dem poetischen Albumtitel - "Erst gelb, dann mauve/malvenfarbig", einer Metapher für die Lebenszyklen und -veränderungen - steckt auch jede Menge musikalischer Poesie. Die aus Granada stammende Sängerin, Komponistin und Tänzerin nahm in New York zusammen mit ihrem musikalischen und privaten Partner, dem kolumbianischen Perkussionisten Samuel Torres, und einer handverlesenen Crew an Mitmusikern dieses zweite Album unter eigenem Namen auf. Die Spanierin ist hörbar gut in der Lage, in ihre musikkulturellen Hintergründe, wie den Flamenco, arabische Musik und Jazz, die neuen, mannigfaltigsten Einflüsse ihrer multikulturellen Wahlheimat einzubinden. Die zehn Songs, nahezu komplett aus der Feder der Interpretin, lassen sich Zeit, ihre Atmosphären und Klanglandschaften zu entfalten, in denen sich Lara Bellos anmutiger Gesang genüsslich ausbreitet. Mit Hilfe etlicher exzellenter Instrumentalisten, darunter auch Gastmusikern wie dem ebenfalls in New York lebenden Harfenisten Edmar Castañeda aus Kolumbien oder dem franko-karibischen Sänger und Multiinstrumentalisten Gerald Toto entstand eine äußerst charmante, wahrlich panamerikanisch anmutende Liedersammlung, für die aus Latinjazz und Jazz geschöpft wird, wie auch aus afroperuanischer und kolumbianischer Musik, aus Tango, Samba oder Flamenco. Lara Bello vermag mit ihren Musikerfreunden eine neue, lebendige Brücke zu schlagen zwischen der Neuen und der Alten Welt, also Spanien. Mit Künstlern wie ihr verlängert sich die sogenannte "Ida y Vuelta" - das historische, nachhaltig prägende Hin & Her zwischen den Musikkulturen beider Territorien aufs Wohlklingendste und Lebendigste in die Gegenwart.

(Autorin: Katrin Wilke)

Lara Bello im Internet: homepage | myspace | facebook
 

CD der Woche vom 18. bis 24. Juni 2012 | (EAN 4029759077022) 2012 Content (Edel)

Salsa Fuerte feat. Ymaria - Salsa Fuerte

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Latin-Sounds aus Deutschland haben inzwischen Tradition. Man denke nur an Gruppen wie Los Dos Y Compañeros oder Bava Rio aus Bayern, Salsa Picante oder die Götz Alsman Band aus NRW und viele andere. Zu den interessantesten Formationen dieser Art gehört momentan Salsa Fuerte, deren Mitglieder in Stuttgart (Saxofonist Klaus Graf und Bassist Veit Hübner), Nürnberg (Drummer Joachim Leyh) und München (Trompeter Claus Reichstaller), aber auch in Amsterdam (Sängerin Yumarya) und New York (Pianist Gregor Hübner und Perkussionist Jerome Goldschmidt) wohnen. Mit diesem Hintergrund haben sie einen ganz eigenen Sound entwickelt. Zumal fast das gesamte Repertoir von den Musikern selbst geschrieben wird, die in der Regel auch noch in anderen Genres aktiv sind. Aufgenommen wurde die neue Scheibe im für seine Sound-Qualität berühmten Bauer-Studio von Ludwigsburg mit dem nicht weniger renommierten Klang-Zauberer Johannes Wohlleben am Mischpult. Noch mehr als auf den ersten beiden Salsa Fuerte-CD steht die Sängerin Yamarya im Mittelpunkt, die aus Curaçao stammt. Nicht zuletzt sie sorgt dafür, dass die Titel von Salsa Fuerte nicht nur musikalischen Tiefgang haben, sondern auch tanzbare Party-Musik sind.

(Autor: Wolfgang König)

Salsafuerte im Internet: homepage | myspace
 

CD der Woche vom 11. bis 17. Juni 2012 | (EAN 8030482000924) 2012 Ponderosa (Vertrieb Edel)

Vinicio Capossela - Marinai, Profeti e Balene

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Nicht zum ersten Mal, doch diesmal besonders ausführlich, sinniert der italienische Barde singend und musizierend übers Meer. Die 19, auf zwei CDs verteilten Moritaten von "Seeleuten, Propheten und Walen" (CD-Titel) sind stilistisch und atmosphärisch so vielfältig wie das Tun des Songpoeten selbst. Der 1965 in Hannover geborene, im norditalienischen Scandiano aufgewachsene, seit langem in Mailand lebende zierliche, stets Hut tragende Mann ist ein Büchernarr vor dem Herrn, schreibt außer Liedern auch Romane, Hörspiele, Theaterstücke oder Drehbücher. Mal nach Tom Waits, rockig-ungestüm, schräg-verzerrt, mal wie majestätisch orchestrierte Klassik, nach Zirkus, mal nach düsterer Nacht oder luftig-heiterem SingerSongwriting, stets jedoch wie aus einer anderen, eher alten Zeit klingen seine in Noten gefassten, diesmal vor allem von Herman Melvilles Büchern sowie Homers "Odysee" inspirierten Schelmengeschichten. Der sympathische Kauz umgibt sich, wie schon auf den früheren, quasi alljährlich erscheinenden Alben, erneut mit unzähligen guten Geistern - Kollegen diverser Ensembles, etwa eines Streichquartetts oder eines womöglich fiktiven "Drunken Sailor Choir". Nicht all diese im Studio Mitwirkenden können auch live mit von der Party sein. Jedoch ist auch bei den extrem amüsanten, überaus lohnenswerten Konzerten des zumeist am Klavier u.a. Tasteninstrumenten sitzenden Italieners immer eine Schar illustrer Instrumentalisten dabei, die für eine reichhaltige, farbenprächtige Ausgestaltung der Stücke sorgt. Theremin, singende Säge und weitere "Exotika" sind in dem großen Klangkosmos dieses Ausnahmemusikers anzutreffen, in dem Sirenen, betrunkene Matrosen und verliebte Oktopusse Tarantella, Rembetiko, Tango, Calypso oder Blues tanzen. Alles ist möglich, muss möglich sein bei Herrn Capossela, diesem zweifellos besonderen Troubadour innerhalb der italienischen Musikszene. Wer ihn kürzlich hier im Berliner "Huxleys Neue Welt" nicht live erleben konnte bei seinem einzigen Deutschlandkonzert, kann sich die dort vorgestellten Lieder nun also nochmal in aller Ruhe zu Gemüte führen.

(Autorin: Katrin Wilke)

Vinicio Capossela im Internet: homepage | myspace | facebook
 

CD der Woche vom 04. bis 10. Juni 2012 | (EAN 0825646605729) 2012 Because (Warner)

Amadou & Mariam - Folila

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Ein schöner, von uns keineswegs gewollter Zufall ist die Gemeinsamkeit zwischen der Lissaboner Sängerin Dona Rosa, unserer vergangenen CD der Woche, und diesem Musikerpaar aus Mali. All drei Künstler sind blind - eine ihre Musik selbst nur bedingt prägende, doch für ihre jeweiligen Berufs- und Lebenswege durchaus bedeutende Tatsache. Sie würden heute wohl nicht weltweiten Popstarstatus genießen - zumindest nicht als Duo - wären sich die Sängerin Mariam Doumbia und der ebenfalls singende Gitarrist Amadou Bagayoko nicht als Jugendliche in der Blindenschule ihrer Heimatstadt Bamako begegnet. Seither bilden sie eine privat wie musikalisch starke Allianz, verschafften sich via Frankreich schließlich auch international Gehör mit ihrem 2005 veröffentlichten Album "Dimanche à Bamako". Beeindruckend, wie die beiden, stets von der eigenen westafrikanischen Mandinka-Tradition ausgehend, mit ihren zumeist in Bambara intonierten Songs unterschiedlichste Musikliebhaber wie auch Musiker aller nur denkbaren Genres ködern. Amadou & Mariam tourten mit Coldplay und U2, traten zur Friedensnobelpreis-Verleihung für Barack Obama auf und ließen ihre Alben von Manu Chao oder Damon Albarn (u.a. Kopf der Band Blur) produzieren. Doch ihre musikalische Weltläufigkeit lässt sich noch steigern, wie auf "Folila" (dt.: Musik) gut zu vernehmen. Gemeinsam mit Kollegen ihres Heimatkontinents sowie aus dem Rest der (westlichen) Welt, darunter Sänger und einstiger Kopf der Band Noir Desir, Betrand Cantat, Funk- und Soulmusiker Amp Fiddler oder Hiphop-Newcomer Theophilus London, nahm das "Traumpaar" (siehe Plattencover!) in Bamako und New York 13 wunderbare Songs auf: Vollmundiger, gut abgehangener Global Pop - im wahrsten, weltumspannendsten Sinne dieses Wortes - eine reichhaltige, Rock und Pop, Afrobeat, Funk, Blues oder HipHop enthaltende Melange. Gegen den ursprünglichen Plan, in beiden Städten jeweils ein Album mit den Musikern vor Ort aufzunehmen, entschied sich das Duo für den organischen Schulterschluss auf einem Album - gut so!

(Autorin: Katrin Wilke)

Amadou & Mariam im Internet: homepage | myspace | facebook
 

CD der Woche vom 28. bis 03. Juni 2012 | (EAN 4006180430923) 2012 Jaro

Dona Rosa - Sou Luz

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Dass uns Musik aus allen nur denkbaren Ecken, Stilrichtungen und Traditionen der Welt mit immer größerer Selbstverständlichkeit zu Ohren kommt, ist mitunter abenteuerlichen, teils märchenhaften "Entdeckergeschichten" zu verdanken. Dona Rosa verdiente sich Jahre lang mit ihren eher elegischen, allein auf der Triangel begleiteten Gesängen in Lissabons Fußgängerzone ihr Geld. Eines Tages befand sich unter den vorbeikommenden Touristen u.a. Passanten André Heller. Der bekannte Wiener Allround-Künstler (u.v.a. Schauspieler, Sänger und Kulturveranstalter) engagierte damals, 1999, die blinde Portugiesin vom Fleck weg für eine Fernsehproduktion namens "Stimmen Gottes. Spirituelle Musik aus aller Welt". Heute, vier Alben später (alle beim Bremer Label Jaro erschienen), klingt die Stimme der kleinen korpulenten Mittfünfzigerin nicht minder eigen und seelenvoll, angenehm ungeschliffen und doch kunstfertig. Für die aus einer armen Lissaboner Familie stammende Sängerin war jene Zufallsbegegnung vor allem ein existenziell folgenreicher Glücksfall, der im Laufe der Zeit auch neue künstlerische Perspektiven eröffnete, wie in den zwölf Liedern des neuen Albums hörbar. Längst ist sie von einer Schar einfühlsamer Instrumentalisten umgeben, vorneweg den Brüdern Raul und José Abreu - langjähriger Gitarrist und Komponist der eine, wichtigster Liedtexter von Dona Rosas Repertoire der andere. Bisweilen möchte man meinen, die auf den Straßen entfachte und an die dortige Ungezwungenheit gewöhnte Sangeskunst von Dona Rosa ließe sich gar nicht in "gepflegte", der portugiesischen wie auch anderen südländischen Liedkulturen verbundene Instrumentierungen einbinden, "gefangen nehmen". Und doch gelingt dies in diesen neuen Liedern, die mal zurückgelehnt, mal heiter und für Dona Rosas Verhältnisse geradezu flott daherkommen. Mit viel Poesie wird der thematische rote Faden dieses Albums gestrickt: Das innere, andere Licht, das wohl eher den Nichtsehenden vorenthalten bleibt, das Sehen können mit geschlossenen Augen. Nach einem von Dona Rosa neuarrangierten Traditional, in alter Manier intoniert mit nichts als Triangelbegleitung, nimmt uns die Sängerin im letzten Stück des Albums für fünf Minuten mit in ihr Leben. Spricht, musikalisch umrahmt, mit gelassen-klarer Stimme vom Erblinden als Kind - ausgerechnet beim "Blinde Kuh"-Spielen, wie die Mutter meinte - und von ihren späteren Alltagserfahrungen und Wahrnehmungen als Blinde. Ein kleiner, feiner Luxus für die Künstlerin wie für ihr Publikum, dass dieses Konzeptalbum seine Live-"Taufe" ausgerechnet beim zweiten, vom Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband organisierten Louis Braille Festival der Begegnung am 2. Juni im Berliner Tempodrom erleben wird.

(Autorin: Katrin Wilke)

Dona Rosa im Internet: myspace
 

CD der Woche vom 21. bis 27. Mai 2012 | (EAN 730003308925) 2012 Strut

Ebo Taylor - Appia Kwa Bridge

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Als Künstler mit Mitte siebzig noch mal international durchstarten? Die Senioren vom kubanischen Buena Vista Social Club haben es in den 90ern vorgemacht, blieben allerdings auf der Bühner vom Alter her mehr oder weniger unter sich. Ebo Taylor, Gitarrist und Sänger aus Ghana, hat mit der Afrobeat Academy aus Berlin für seine internationalen Tourneen eine Band, deren Mitglieder seine Kinder sein könnten, was im Falle des Keyboarders Henry Taylor sogar zutrifft. Und wer sieht, wie Ebo Taylor über die Bühne fegt, kann sich nur wünschen, selber mit 76 noch genau so fit zu sein. Ebo Taylor stammt aus der Universitätsstadt Cape Coast am zentralen Abschnitt der ghanaischen Atlantikküste. In den frühen 1960er Jahren studierte er Musik in London, wo er mit seinem Kommilitonen Fela Kuti aus Nigeria die Black Star Band leitete. Wieder zurück in Ghana war Ebo Taylor als Komponist, Arrangeur, Produzent und musikalischer Direktor für dieverse Highlife- und Afrobeat-Stars tätig, z.B. für Pat Thomas, C.K. Mann oder die Uhuru Band. Das brachte ihm den Beinamen ?Quincy Jones der ghanaischen Musik? ein. In den 90ern wurde es stiller um Ebo Taylor, denn das ghanaische Publikum stand mehr auf Hiphop und House als auf solide handgemachte Musik. Um zu überleben, nahm er einen Job an der Universität von Accra an, wo er Musik unterrichtete und die Studentenband leitete. Der Wendepunkt kam 2008, als Ade Bantu und die Afrobeat Academy aus Berlin in Accra auftraten und Ebo zum Konzert einluden, weil sie einige seiner Stücke spielten. Daraus entstand die Idee, in Berlin eine Platte mit ihm zu produzieren. Das Album "Love And Death" erschien 2010 und war bei uns auch CD der Woche. Jetzt ist der Nachfolger "Appia Kwa Bridge" in die Läden gekommen, wieder mit Afrobeat - allerdings mit einem stärkeren Highlife-Einfluss. Denn für Ebo Taylor ist Afrobeat nicht das Eigentum von Fela Kuti und seinen Kindern, sondern ein Stil, der viele Varianten hat. Aussprache-Hinweis: Bei Appiah liegt die Betonung auf dem i.

(Autor: Wolfgang König)

Ebo Taylor im Internet: myspace
 

CD der Woche vom 14. bis 20. Mai 2012 | (EAN 8714835090359) 2011 Skycap / Zomba

Mdungu - Gambian Space Program

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Gambian Space Program ist das zweite Album der Amsterdamer Gruppe Mdungu, deren Mitglieder aus den Niederlanden, Luxemburg, Spanien und Gambia kommen und Erfahrungen aus diversen Stilen mitbringen: Jazz, Rock, Flamenco, Grunge, Salsa, Afro-Pop und sogar jüdische Musik, denn Rapper und Saxofonist Job Chajes ist auch Mitglied der Amsterdam Klezmer Band. Gegründet wurde Mdungu 2003 vom Saxofonisten Thijs van Milligen mit einem klaren Konzept: Afro-Funk mit garantierter Tanzbarkeit. Dafür steht die Band bis heute. Gambian Space Program ist das zweite Mdungu-Album. Der Name ist eine kleine Übertreibung, hat aber einen wahren Kern, denn er bezieht sich auf die Blütezeit des Space Shuttle-Programms der USA. Damals legte die NASA in verschiedenen Teilen der Welt Notlande-Plätze für die US-Raumfähren an. Perkussionist und Sänger Ebou Gaye Mada erinnert sich wie viele seiner Landsleute noch heute an das gleißende Neonlicht, das am Stadtrand von Banjul aufflammte, wenn ein Space Shuttle-Start oder eine Landung anstand. Wie sich das Gambian Space Program live anhört, kann das Berliner Publikum beim Mdungu-Konzert am Freitag, dem 18. Mai ab 20.00 im Kesselhaus der Kulturbrauerei erleben.

(Autor: Wolfgang König)

Mdungu im Internet: homepage | facebook | YouTube
 

CD der Woche vom 07. bis 13. Mai 2012 | (EAN 5060091551268) 2012 Soundway Records / Indigo

Los Míticos del Ritmo

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"Die Mythischen des Rhythmus" - der Name von Quantics siebenköpfiger Studioband versetzt einen, wie auch das verschnörkelt-braune CD-Coverfoto, in vergangene Zeiten. Genauso wie die Musik selbst: zehn gut abgehangene, mit der Ästhetik der 60er kokettierende, tropisch schwüle Cumbias. Gestaltet mit dem für diese ursprünglich kolumbianische, heute in aller Welt kultivierte Musik traditionelle Instrumentarium - vorneweg dem flirrend klingenden, mitreißenden Akkordeon, gespielt vom Mastermind dieser Aufnahme und dieses Projekts. Quantic lernt dieses Instrument seit knapp fünf Jahren, teils bei großen Meistern Kolumbiens und Panamas, und spielt es nun erstmals eine Albumlänge lang. Der seit 2007 im kolumbianischen Cali lebende Musik-Exilant kümmert sich seit langem um die Wiederbelebung des 60er und 70er Soul, hat sein Herz desweiteren an die reichhaltige Musik Kolumbiens verloren und vermag, in vielen seiner Aktivitäten diese verschiedenen Interessen zu bündeln. Diesmal hat die Cumbia die Nase vorn, die Quantic seit langem intensiv am Ursprungsort erforscht. Auf der Basis dieses Wissens vermag er dann auch, mit seinen exzellenten kolumbianischen Musikerkollegen, Popklassiker wie Michael Jackson?s "Don?t Stop" oder Queen?s "Another One Bites The Dust" souverän ins Cumbia-Fach zu überführen. Ein Spaß für jeden Fan von originellen Covers.

(Autorin: Katrin Wilke)

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CD der Woche vom 30. April bis 06. Mai 2012 | (EAN 876623006534) 2012 Crammed Discs / Indigo

Balkan Beat Box - Give

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Vor ein paar Jahren war die in New York gegründete Band Balkan Beat Box am Balkan-Revival mit ihrem ersten Album, welches kein geringerer als Shantel auf seinem eigenen Label veröffentlichte, maßgeblich beteiligt. Mit ihrem dritten Album "Give" veröffentlichten die Jungs, die mittlerweile New York den Rücken gekehrt haben, das globalisierteste Soundkompendium seit ihrer Gründung. Wer den alten, groovigen Balkansound sucht, wird auf diesem Album kaum fündig. Schon mit ihrem letzten Album wanderte ihr musikalischer Fokus mehr in Richtung Hip Hop, Ragga und elektronischer Clubmusik. Mit "Give" sind Ori Kaplan (Ex-Gogol Bordello), Tamir Muskat (Ex-Firewater) und Frontmann Tomer Yosef diesen Weg kompromisslos weiter gegangen. Noch mehr musikalische Einflüsse aus aller Welt ließen die Worldbeat-Bastler in ihren progressiveren Songstrukturen einziehen und vermischten die tanzbodentauglichen Beats mit sozial und politisch engagierten Texten. Sie thematisieren lautstark die Finanzkrise und den arabischen Frühling und rebellieren mit unmissverständlichen Statements voll offener Wut, wie z.B. in den Stücken "Political Fuck", "Enemy In Economy" und "Money". Dass auf dem Cover ein Megaphon in Form einer Kalaschnikow prangt, ist nur konsequent. Es ist aber nicht nur Wut, die ihre Musik beflügelt hat, es steckt auch viel Hoffnung darin, was man am stärksten im Lied "Part Of The Glory" spüren kann, welches von wunderbaren Talenten handelt, die jeder in sich trägt und versucht, erfolgreich in die Tat umzusetzen - und sei es mit einem Video auf Youtube. Am 12. Mai sind Balkan Beat Box in Berlin zu ihrem Konzert im Lido.

(Autor: Nellski)

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CD der Woche vom 16. bis 29. April 2012 | (EAN 3149027000529) 2012 Jazz Village (Harmonia Mundi)

Roberto Fonseca - Yo

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Alles andere als eine Nabelschau betreibt der visionäre, virtuose Pianist Roberto Fonseca aus Havanna da auf seinem neuen Album. Auch wenn dessen Titel "Yo" (ich) und der nackte Oberkörper des ernst drein blickenden Kubaners auf dem Cover vielleicht in eine solche, egozentrische Richtung denken lassen. Die Hände sind ausgesteckt und zeigen: Das ist, was ich bin, was ich geben kann und möchte - ganz unverhüllt und bloß. Und der einstige Buena-Vista-Tastenmann, seinerzeit als Nachfolger von Rubén González der mit Abstand jüngste, nicht minder erfahrungsreiche im Bunde dieses erfolgreichen Ensembles, hat musikalisch und auch spirituell erneut viel zu geben. Auch nicht im Alleingang, sondern in kreativer Gesellschaft etlicher Seelenverwandter - neben Landsleuten, vor allem Musikern afrikanischer und arabischer Couleur - ist ein überaus facettenreiches, ja, komplexes Werk entstanden. Der mit afrokubanischen Traditionen, Jazz, Rock und HipHop vertraute Fonseca, der kürzlich seinen 37. Geburtstag beging (nicht zuhause in Havanna, sondern mitten auf seiner Europa-Tour...), war in seinem Tun - als Instrumentalist wie auch als Produzent - von jeher musikalisch weltgewandt. Allerdings schöpft Fonseca auf "Yo" deutlicher denn je aus den vielen, beim weltweiten Reisen gesammelten Erfahrungen, z.B. auch aus der Zusammenarbeit mit dem renommierten Londoner Radio-DJ und Musikproduzenten Gilles Peterson bei dessen "Havana-Cultura"-Projekt. Der hat nun auch bei den Aufnahmen von Fonseca mitgewirkt, genauso wie die Sängerin Fatoumata Diawara und der wie sie aus Mali stammende Ngoni-Spieler und Perkussionist Baba Sissoko, der Kora-Spieler Sekou Kouyate aus Guinea, der franco-algerische Raï-Sänger Faudel oder der Orchestra-Baobab-Sänger Assane Mboup aus dem Senegal. Die 14 Stücke, zwei Remixe inklusive, kreieren und zelebrieren eine eigene, modern wie archaisch klingende Allianz, in der Mutter Afrika, das afrokubanische Kuba sowie weitere afroamerikanische Spuren ganz neu und musikalisch unerhört zusammenkommen. Die Zuckerinsel ist bekanntermaßen reich an großartigen Musikern, doch sind darunter (leider) nicht allzu viele künstlerisch so verwegene, experimentierfreudige Persönlichkeiten, die - trotz des Erfolgs - noch dazu menschlich so natürlich und bescheiden geblieben sind wie Roberto Fonseca. Der ist mit dem Repertoire seines neuen Albums derzeit in Europa unterwegs und auch für ein paar Konzerte in Deutschland, u.a. am 29. April im unweit von Berlin gelegenen Neuhardenberg.

(Autorin: Katrin Wilke)

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CD der Woche vom 09. bis 15. April 2012 | (LC 06358) 2012 Küss Mich Musik

Djab Makay - Go Africa

Der in Mali geborene Djab Makay ist Schriftsteller, Illustrator und Musiker. Mit seinem neuen Album "Go Africa" kleidet er nicht nur die Fragen afrikanischer Migranten in Musik und Worte. Poetisch kreativ stellt er fest "Wir sitzen alle im gleichen Boot" (We are in the same boat) und schichtet diese Erkenntnis zwischen moderne und lebendige Rhythmen, die sich in ihrer klanglichen Vielfalt weit außerhalb der für Mali typischen Bluesstimmung bewegen. Mit "Go Africa" folgt Djab Makay den ausdrucksstarken Fährten, die die erzählenden Sänger, die Griots, überall auf dem afrikanischen Kontinent ausgelegt haben.

 

 

(Autor: Gerhard Müller)

Djab Makay im Internet: homepage | facebook
 

CD der Woche vom 02. bis 08. April 2012 | (EAN 0673790028402) 2012 Chat Chapeau nouveau

!DelaDap - I Know What You Want

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Wenn es um urbanen Balkan-Sound geht, sind !DelaDap Pioniere der ersten Stunde. Nicht umsonst erschien diese international besetzte Wiener Formation 2003 zeitgleich mit Shantels inzwischen legendärer erster Bucovina-Club-Compilation auf der Bildfläche, und ähnlich wie sein Frankfurter DJ-Kollege versteht sich auch der aus Tschechien stammende Produzent Stani Vana als Trendsetter in Sachen musikalischen Brückenschlägen zwischen Ost und West, Tradition und Moderne, Lokalem und Globalem. Charismatische Frontfrau von "I know what you want", dem vierten Studioalbum von !DelaDap, ist einmal mehr die ungarische Sängerin Melinda Stojka. Das Konzept der Verbindung von traditioneller Roma-Musik mit elektronischen Club-Sounds und vielfältigen, oft überraschenden, aber stets stilsicher eingewobenen musikalischen Elementen hat auch im zehnten Jahr des Bestehens der Band nichts von seiner Frische, Dynamik und Innovationskraft eingebüßt. Der diesmal starke Swing-Akzent wirkt, ungeachtet des aktuellen Revivals dieses Genres, auch deswegen so unwiderstehlich zeitgemäß, weil er zugleich eine organische Weiterentwicklung früherer künstlerischer Statements darstellt. Wie es sich für ein Konzeptalbum gehört, auf dem kein Song wie der andere klingt, versammelt der in der Szene bestens vernetzte Vana wieder eine illustre Gästeschar, u.a. Marko Markovic, Russkaja-Sänger Georgiji Makazaria und Ex-Ojos-de-Brujo-DJ Panko Gabas. Und spätestens mit der Teilnahme am österreichischen Vorentscheid zum diesjährigen Eurovision Song Contest hat dieses zwar Dancefloor-, aber alles andere als Mainstream-orientierte Projekt auch seine Chart-Tauglichkeit unter Beweis gestellt.

(Autor: Clemens Grün)

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CD der Woche vom 26. März bis 1. April 2012 | (EAN 657036118522) 2012 Six Degrees/Exil Indigo

Céu - Caravana Sereia Bloom

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Rätselhaft schön, ein wenig hippiesk oder nach Zirkus klingt der Name der dritten CD von Céu. Und tatsächlich schnuppert die Sängerin aus São Paulo, die mit vollem Namen Maria do Céu Whitaker Poças heißt und am 17. April 32 wird, in ihren 13 neuen Liedern hier und da auch Zirkusluft. Z.B. in "Palhaço", einem alten Samba über einen traurigen Clown, der nicht mehr auftreten möchte. In diesem naturbelassenen Song wird Céus sirenhaft-sanfter Gesang nur von einer Akustikgitarre und subtilen Elektro-Sounds umspielt. Abgesehen von diesem und einem weiteren Klassiker, "You won't regret it", einem Rocksteady-Track von Lloyd Robinson und Glen Brown, wurden alle übrigen zehn Lieder von Céu oder einigen ihrer Musikerfreunde komponiert. Die Paulista, die vor wenigen Jahren Mutter wurde, frönt genüsslich einer Langsamheit, einer tranquilidade, fernab des üblichen brasilianischen Temperaments bzw. des Klischees von tropischer Ausgelassenheit. Mit ihrem sehr eigenen, gedankenvollen SingerSongwriting, angereichert mit retro-rockigen und -souligen, psychedelischen Klängen, mit Samba und Dub, fährt die junge Musikerin seit ein paar Jahren überaus erfolgreich. Caetano Veloso etwa hält die Kollegin für die "Zukunft der brasilianischen Musik". Und wie schon auf dem 2009 erschienenen Vorgänger "Vagarosa" nimmt einen die Frau mit dem buchstäblich himmlischen Namen (Céu heißt Himmel) auch diesmal wieder mit auf eine verführerische Klangreise, die mit vielen kleinen-feinen Überraschungen, mit unterschiedlichsten Stimmungen und Atmosphären aufwartet. Alles sehr einfühlsam und wohldosiert ausgetüftelt, arrangiert und in die Tat umgesetzt mit einer Handvoll vertrauter Musiker. Darunter auch der Multiinstrumentalist und Elektronik-Bastler Gui Amabis, Céus musikalischer wie privater Partner und Vater ihrer Tochter Rosa, mit dem sie das Album auch gemeinsam produziert hat. Innerhalb ihrer aktuellen Europatour ist die Brasilianerin auch für einige Termine in Deutschland, z.B. am 27. März im Berliner Lido.

(Autorin: Katrin Wilke)

? free download: Céu - retroviser

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CD der Woche vom 19. bis 25. März 2012 | (EAN 4006180430725) 2012 JARO

Red Baraat - Chaal Baby

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Immer wieder mal erweist sich das Bremer Label JARO als wahres Trüffelschwein im ständig weiterwuchernden Wildwuchs der Musik. Zuletzt etwa beim Ans-Licht-Bringen der Wahl-Pariser Sängerin Aldona aus Polen und nun mit dieser "Bhangra Funk Dhol'n'Brass"-Band aus New York. Nichts, was es musikalisch nicht gäbe am Big Apple. Red Baraat, dieses aus teils indischstämmigen US-Amerikanern bestehende Nonett, zelebriert unter Federführung des Dhol-Trommlers Sunny Jain seit 2008 von Brooklyn aus seine urbane, moderne Variante traditioneller, perkussionslastiger Musik aus dem Punjab. Darüber hinaus spielt man (buchstäblich!) mit Pauken und Trompeten Bollywood-Klassiker sowie Eigenkompositionen - ursprünglich zu Hochzeitspartys und mittlerweile auch längst auf der Konzertbühne. So war die Band im 2011er Sommer in den USA der ultimative Festivalkracher. "Baraat" bedeutet auf Hindi "Hochzeitsumzug" - traditionell in Nordindien wichtiger Bestandteil des Feierns - der von einer Dholi- und/oder Marschkapelle geleitet wird. Spätestens für seine eigene Hochzeit hatte Jain keine Lust mehr aufs übliche Diaspora-Line Up: eine Dhol-Trommel oder einen DJ. So rekrutierte er aus Familien- und Freundesumkreis eine 30-köpfige Umzugskapelle. Red Baraat war geboren und avancierte im Handumdrehen zur gefragtesten Baraat-Band. Und schon bei den ersten Takten der insgesamt elf Tracks (darunter zwei Liveaufnahmen) ist klar: Ob Inder oder nicht, ob heiratswillig oder nicht: man muss einfach schwofen zu diesen teils instrumental, teils mit hintergründigen Gesangsspuren oder gerappten Parts gestalteten Kompositionen. Und die tönen weit über Bhangra & Co. hinaus gen Funk, Jazz und Latin, angetrieben von diverser Perkussion, von Saxofonen, Trompeten, Posaune und Sousaphon. Und wer nach dieser CD-der-Woche-Woche noch nicht genug und womöglich kein Exemplar dieses wundervollen Albums gewonnen hat: Diese Band tourt mit ihrer live ohnehin viel freier atmenden Musik im fortgeschrittenen Frühling durch unsere Breiten (z.B. 22. Mai Bi Nuu, Berlin).

(Autorin: Katrin Wilke)

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CD der Woche vom 12. bis 18. März 2012 | (EAN 4260162630101) 2012 Buyu-Records

Kojato - All about Jazz

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Der Sänger und Percussionist Kojo Ebenezer Samuels, Jahrgang 1943, verließ in den 60er- Jahren sein Heimatland Liberia und landete über den Umweg der USA in Deutschland. Das von dem Braunschweiger Electro-Bossa-Spezialisten Oliver Belz (The Bahama Soul Club) und dem Keyboarder André Neundorf produzierte Album "All About Jazz" verbindet den Afrobeat Fela Kutis mit aktuellen Clubs-Sounds. Eine typische, glattgebügelte Lounge-Scheibe ist das Album, bei aller professionellen Lässigkeit, aber keineswegs, sondern überaus stimmungsvoll, tanzbar, abwechslungsreich und mit viel Liebe zum Detail produziert. Hier klingt der Soul der 60er durch, dort der Funk der 70er. Django Reinhardts Gypsy Swing, Duke Ellingtons Klavierläufe, James Browns R'n'B, Latin, Ska, und Afro-Jazz werden von den locker groovenden, mit deutschen Jazzmusikern besetzten "Afro Latin Cougaritas" in zehn Tracks und einem Remix mit beeindruckender Spielfreude und Sinn für den stilvollen Brückenschlag integriert. Kojos prägnante Soulstimme erinnert an den im letzten Jahr verstorbenen Gil Scott-Heron. Ganz programmatisch beginnt er sein Album mit den Worten: "Musik ist die Tür zur Flucht aus einer verrückten Welt." Als Fluchthelfer leistet der Jazz ihm hier wertvolle Dienste, doch die Mission dieses mit seinen bald 70 Jahren weithin unbekannten Talents ist, ihn in all seinen Spielarten auszuloten.

(Autoren: Dirk Zschoche & Clemens Grün)

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CD der Woche vom 5. bis 11. März 2012 | (EAN 790248031521) 2012 Putumyao / Exil / Indigo

Brazilian Beat

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Brasilien ist praktisch ein Kontinent für sich - sowohl von der Größe als auch von seiner kulturellen Vielfalt her, einschließlich der musikalischen. Das Album "Brazilian Beat" präsentiert einen interessanten Einblick in die aktuelle Musikszene der größten Nation Lateinamerikas, von Newcomern wie Bruna Caram bis zu immer noch aktiven Veteranen wie Marcos Valle oder Leo Gandelman. Künstler aus den brasilianischen Metropoloen Rio de Janeiro und São Paulo sind ebenso vertreten wie Kolegen aus der Diaspora in Rom, Paris oder New York. Und fast immer gibt es originelle Symbiosen von Samba-Tradition und elektronischen Beats. Ein extrem hörenswertes Kompedium der brasilianischen Musik des frühen 21. Jahrhunderts.

 

(Autor: Wolfgang König)
 

CD der Woche vom 27. Februar bis 4. März 2012 | (EAN 707787911221) 2012 In-Akustik

Hugh Masekela - Jabulani

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Der Flügelhorn-Virtuose und Sänger Hugh Masekela ist seit dem Tod seiner Ex-Gattin Miriam Makeba zweifellos der international renommierteste Vertreter der südafrikanischen Musikszene. Sein neues Album ist eine Aufforderung zum Glücklichsein, denn ''Jabulani'' heißt in der Sprache der Zulus schlicht und einfach:''Sei glücklich!'' Die meisten Songs der Platte sind traditionelle, modern arrangierte Hochzeitlieder aus Südafrika. Dort sind Hochzeiten nach wie vor Höhepunkte nicht nur im Leben von Personen, sondern von ganzen Gemeinschaften. Zu Hugh Masekelas frühesten Kindheits-Erinnerungen gehört die Hochzeit seiner Groß-Kusine Lilly, als er 4 Jahre alt war. Einen Monat lang feierte die ganze Nachbarschaft das Ereignis mit Essen und Trinken, mit Liedern und Tänzen. Bis heute zahlen junge Männer den Eltern der Braut Lobola, den Brautpreis, auf dem Dorf immer noch zumeist in Form von Vieh. Hugh Masekela sieht die neue CD' 'Jabulani'' auch als Teil von dem, was er ''heritage restoration'' nennt, Bewahrung des kulturellen Erbes von Südafrika, das zu verschwinden droht, wenn es nicht bewusst am Leben erhalten und erneuert wird.

(Autor: Wolfgang König)

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CD der Woche vom 20. bis 26. Februar 2012 | (EAN 4260269560028) 2012 Munka Munka-Records

BudZillus - Auf Gedeih & Verderb

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"Auf Gedeih und Verderb" ist bereits das zweite Studioalbum von Budzillus. Seit ihrer Gründung als Hochzeitskapelle vor sieben Jahren ist die fünfköpfige Combo um die Sänger Kristian Zepplin und Kommodore Kondorosi aber vor allem als energetische Live-Band mit einer eine Vorliebe für selbstgebaute Instrumente und skurrile Bühnenoutfits aufgefallen. Nach einschlägigen Straßenmusikerfahrungen und zahlreichen Auftritten, unter anderem als inoffizielle Hausband der legendären Bar 25, haben Budzillus inzwischen auch musikalisch ihren eigenen Stil kreiert, der sich im Grenzbereich zwischen Swing, Surf, Balkan und Orient verorten lässt. Ihre auf Deutsch und Englisch gesungenen Kommentare zu Globalisierung und Bankenkrise, unter anderem in einer erstaunlich tagesaktuellen Schiffsuntergangsballade, sind so ironisch wie vieldeutig. Einerseits repräsentieren Budzillus gestresste Großstadt-Bohemians, deren "Aktien schlecht stehen", andererseits schlägt im lyrischen Ich ("Ich steck lieber tief im Dispo, als im Berufsverkehr.") ein echtes Punkerherz.

(Autor: Clemens Grün)

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CD der Woche vom 13. bis 19. Februar 2012 | (EAN 886788126824) 2012 Maik Maier

Giulia y Los Tellarini - L'Arrabbiata

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Neuigkeiten aus der musikalischen "Mestizo"-Metropole Barcelona! Ans Licht gebracht von einer Band, die allerdings eher abseits dieser lustig-derben, politisch korrekten, in Manu Chaos Geiste agierenden Szenerie zu suchen ist. Dabei charakterisieren Giulia und ihre derzeit sechs Tellarini durchaus auch einige dieser typischen "Mestizo"-Merkmale: Die zwölf neuen Songs ihres zweiten Albums offenbaren einen stilistisch bunten, teils party-tauglichen Mix aus Swing, Chanson, Singer Songwriting, Flamenco, Bossa Nova und vielem anderen mehr. In den fast durchweg aus der Feder der singenden Frontfrau stammenden Liedpoesien sucht man jedoch vergebens nach den üblichen politischen oder sozialkritischen Weltverbesserernachrichten. Giulia Tellarini, die seit längerem in Barcelona lebende Italienerin mit u.a. französischem Background, "begnügt" sich mit den Geschichten, die sie in ihrem Viertel umgeben, die ihr im Alltag begegnen. Sie verstünde ja schon sich selbst, ihre eigenen Widersprüche nicht, wie solle sie dann die auf dieser Welt beschreiben.. So äußerte sich lachend die Akkordeon spielende Sängerin im Interview mit Radio multicult.fm. Das gesamte Gespräch ist zu hören in der Sendung Senti-Mental (Die Originalsendung vom 12. Februar wird am 14. Februar um 20 Uhr wiederholt.). Und wer jetzt immer noch nicht weiß, von wem hier die Rede ist, dem ist vielleicht noch der Song "Barcelona" aus Woody Allens Film "Vicky Christina Barcelona" im Ohr. Diese charmante, sympathisch eigenwillige Liebeserklärung an die katalanische Metropole, intoniert von Giulia mit ihrem so markanten, wie luftigen Stimmchen, prägte den Soundtrack dieses Films maßgeblich. Und auch den weiteren Weg von Giulia y Los Tellarini, dieser viele Nationalitäten umfassenden, damals noch eher informell und im Untergrund aktiven Band. Dass es ein Leben gibt nach dieser Erfolgsgeschichte in Verbindung mit dem New Yorker Regisseur, das beweist das neue Album "L'Arrabiata". Dessen Titel spielt an auf eine Wut, die - neben der Liebe, claro! - in mehr oder weniger fröhlicher Form mitschwingt in der Musik, sowie auf die bekannte, genauso scharfe wie leckere Soße dieses Namens. In diesem Sinne: Guten Appetit! Oder besser in den musikalischen Verkehrssprachen der polyglotten, durch einen Berlin-Aufenthalt auch des Deutschen mächtigen Giulia Tellarini: ¡Buen provecho! Bon appétit! Buon appetito! Enjoy your meal!

(Autor: Katrin Wilke)

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CD der Woche vom 06. bis 12. Februar 2012 | (EAN 808433000822) 2012 Media Luna

Addys Mercedes - Addys

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Auf dem nach ihr benannten, dritten Album erzählt Addys, jenseits bekannter Latino-Klischees, persönliche Geschichten. Rockgitarren ersetzen kubanische Percussion, Addys' warme Stimme schlägt die Brücke zwischen kubanischer Tradition und Indiepop. Addys Mercedes ist Europas renommierteste kubanische Sängerin & Songwriterin. Mit ihren Produzenten Cae Davis & Pomez di Lorenzo (Sasha, Dick Brave, 3 Echonominierungen) gelingt es Addys, unbeschwerte Popsongs mit der Wärme ihrer kubanischen Heimat zu verbinden. Addys' Talent blieb auch Künstlern wie Eric Clapton, Bob Geldof, Ringo Starr, Compay Segundo und Ibrahim Ferrer (Buena Vista Social Club) nicht verborgen, mit denen Addys und ihre Band durch 16 Länder tourte.

(Autor: Gerhard Müller)

 

 

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CD der Woche vom 30. Januar bis 05. Februar 2012 | (EAN 821895987425) 2012 Asphalt Tango

Zdob si Zdub - Basta Mafia!

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Von ihren bescheidenen Anfängen in den 90ern als moldawische Volksmusik-Ska-Punk-Band haben sie es mittlerweile zwei Mal geschafft, mit ihrer frischen und ideenreichen Musik am Eurovision Song Contest teilzunehmen. Zdob si Zdub ist ein harter moldawischer Cocktail aus verschiedenen Kulturen und spiegelt die mannigfachen Ausdrucksweisen des multikulturellen Erbes am östlichen Rad Europas. Ihre Musik ist ein Cocktail aus Hip-Hop, Soul, Funk und Balkanbeats, sehr impulsiv, schnell und voller Power. Die Texte sind launig, spöttisch, und voller Protest. Man singt über das, was man lebt: Arbeit, Liebe, Kindheit, Natur, und Geschichte.

(Autor: Gerhard Müller)

 

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CD der Woche vom 23. bis 29. Januar 2012 | (EAN 821895987425) 2012 Connector Records

Los Dos y Compañeros - Salsa Guerrilleros

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Zur Salsa gehört der spanischer Gesang wie der Chilli zur Soße. Aber was wird daraus wenn sich Salsa und Merengue mit bayrischem Dialekt mischen? Gerade diese außergewöhnliche Kombination macht Los Dos Y Compañeros zu einem ganz besonderen musikalischen Erlebnis. Die zwölfköpfige deutsche Salsaband verbindet die Mundart ihrer Heimat mit dem Satzgesang und stilechten Latin- Arrangements. Kubanischen Klänge schmücken die "g'standenen Manna" aus Amberg und Umgebung mit Geschichten aus ihrem oberpfälzischen Alltag. Ein Orchester, das sowohl bei Fans, als auch bei Experten, keinerlei Wünsche offen lässt.

(Autor: Gerhard Müller)

 

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CD der Woche vom 16. bis 22. Januar 2012 | (EAN 4250095800481) 2011 Galileo Music Communic.

Matuto - Matuto

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Country meets Country - auf unserer CD der Woche. Aber nicht, dass Johnny Cash gegen sich selber Tennis spielen würde. Nein, zwei ländliche Musiktraditionen - eine aus dem nordamerikanischen Osten, die andere aus dem brasilianischen Nordosten - finden in New York zusammen, verkuppelt von der dort ansässigen, im Kern fünf- bis sechsköpfigen Band Matuto. Bluegrass und andere Spielarten der ursprünglich von den Apalachen stammenden Country-Musik geben sich einen recht neuartig klingenden, fröhlichen Schlagabtausch mit dem Forró der "Cowboys" aus Pernambuco. In diesem Bundesstaat Brasiliens ist diese gut tanzbare "música nordestina" zuhause, zur der nicht nur in ganz Brasilien, sondern längst auch in vielen anderen Ecken der Welt geschwoft wird. Der Bandname, auch Titel des Debütalbums, steht im brasilianischen Portugiesisch für jemanden vom Dorf, einen Provinzler. Dabei hat diese klangliche, rhythmische und sprachliche Allianz so gar nichts Hinterwäldlerisches: Die erdige Zabumba-Trommel Brasiliens und Akkordeon, mal ganz waschecht "nordestino" gespielt, mal nach Cajun klingend, paaren sich ganz vortrefflich mit Bluegrass-Fiddle, Flöte, Hammond oder dem Cavaquinho, der kleinen Samba-Gitarre. Der italo-amerikanische Akkordeonist Rob Curto sammelte während eines langen Brasilien-Aufenthaltes viele, für dieses Projekt wichtige Erfahrungen, versteht sich darüber hinaus auch auf Rock, Blues, Funk und Swing. Der zweite Kreativkopf des personell recht offenen Unternehmens, der singende und unter anderem Gitarre spielende Clay Ross aus South Carolina nähert sich stärker vom Bluegrass aus der Sache, ist darüber hinaus mit diversen Worldmusic- und Jazz-Traditionen vertraut. Alleine mit den beiden kommt allerhand an Einflüssen zusammen. Ganz zu schweigen von den vielen weiteren beteiligten Instrumentalisten und Sängern - Nordamerikaner sowie in den USA beheimatete Brasilianer - die sich je nach Atmosphäre und Laune ins musikalisch bunte Geschehen mischen. Das vorliegende Songdutzend enthält Instrumentals sowie auf Portugiesisch oder Englisch intonierte Stücke, Traditionals, eigene und originale Forró-Kompositionen, wie "Retrato de um Forró" von Luiz Gonzaga, dem "Übervater" dieses Genres. Eine gelungene, quasi panamerikanische Begegnung auf Augenhöhe, oder noch schöner: eine Art spätes Familientreffen voller Vertrautheit zwischen dem Norden und dem Süden des Kontinents.

(Autorin: Katrin Wilke)

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CD der Woche vom 09. bis 15. Januar 2012 | (EAN 4250095800498) 2012 Galileo Music Communic.

Dotschy Reinhardt - Pani Sindhu

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Sie gehört zum gleichen Sinti-Clan wie der legendäre belgische Gitarrist Django Reinhardt und der deutsche Geiger Schnuckenack Reinhardt - die 1975 in Ravensburg zur Welt gekommene Berliner Sängerin und Gitarristin Dotschy Reinhardt. Und sie fühlt sich diesem Erbe auch verpflichtet, was nicht bedeutet, den Stil der berühmten Verwandten einfach zu kopieren. Stattdessen entwickelt sie ihn kreativ weiter. Mit ihrer dritte CD "Pani Sindhu" begibt sie sich auf die Suche nach ihren Wurzeln und denen ihres Volkes, das vor ungefähr tausend Jahren den Norden Indiens in Richtung Westen verließ und seit dem 15. Jahrhundert auch in Deutschland lebt. Für dieses Projekt hat Dotschy Reinhardt eine ganz besondere Band zusammengestellt, mit Musikern, mit denen sie schon seit Jahren arbeitet wie dem Sinti-Gitarristen Lancy Falta und seinem russischen Kollegen Alexej Wagner oder Christian von der Goltz am Flügel und dem elektrischen Wurlitzer-Piano, aber auch mit indischen Musikern, die Sitar, Santur und Tablas spielen und mit der typisch indischen Vokal-Percussion zu hören sind. Das Ergebnis ist eine ausgesprochen innovative Mischung aus Sinti-Tradition, Jazz und indischer Musik mit Tetxten in Dotschy Reinhardts Muttersprache Romanes.

(Autor: Wolfgang König)

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CD der Woche vom 02. bis 08. Januar 2012 | (EAN 5099973140528) 2011 EMI

Marisa Monte - O que você quer saber de verdade

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Die Sängerin und Multiinstrumentalistin aus Rio, die genau in der Mitte dieses blutjungen Jahres, am 1. Juli, ihren 45. Geburtstag feiern wird, zählt seit mehr als zwei Jahrzehnten zu den ganz Großen der MPB, der "Música Popular Brasileira". Die schöne, dunkelhaarige Frau, die mit vollem Namen Marisa de Azevedo Monte heißt, verfügt über eine betörende, geradezu sirenengleiche, zudem operngeschulte Mezzosopran-Stimme. Die Künstlerin, die sich neben ihrer solistischen Arbeit in etlichen anderen Musikprojekten betätigt, etwa als Plattenproduzentin von Rios renommierter Sambaschule Portela, lässt sich gerne Zeit beim Erarbeiten ihrer Studioalben. Diesmal ließ sie ihre zahllosen Fans weltweit gut fünf Jahre zappeln seit ihrer letzten Arbeit unter eigenem Namen. Das waren damals, 2006, sogar gleich zwei CDs auf einen Streich, auf denen sie mit allerhand innovativen Experimenten aufwartete. Nicht so auf ihrer neuen, nunmehr siebenten CD "O que você quer saber de verdade" (Was du wirklich wissen willst), die - anders, als die kribbelbunte CD-Gestaltung denken lässt - so ganz ohne musikalische Turbulenzen und nennenswerte Überraschungen auskommt, sondern vielmehr eine Marisa Monte präsentiert, wie sie ihre Fans seit langem kennen und lieben. In 45 gänzlich unaufgeregten, entspannten Minuten erwarten den Zuhörer 13 sensibel und elegant arrangierte, mal mit Tango oder altem Jazz flirtende, mal gen Rock oder Folklore, z.B. Forró geneigte, meist um die Liebe kreisende Balladen. Und in nahezu jedem Song schart die mit Vorliebe Ukulele spielende Monte etliche Kollegen um sich, die eine sehr facettenreiche, einfühlsame Instrumentierung beisteuern. Mal sinfonisch klingende Streicher, mal Hammond Orgel oder Moog, ein Akkordeon, Flügelhorn oder ein Ronroco, den Verwandten der kleinen lateinamerikanischen Charango-Gitarre, gespielt vom Superproduzenten Gustavo Santaolalla. Der Argentinier gehört zu den vielen guten Geistern, mehrheitlich brasilianischen Mitwirkenden, auf Marisa Montes neuem Album. Das Gros der Stücke verfasste die Carioca mit anderen Musikerfreunden, vorneweg mit Carlinhos Brown und Arnaldo Antunes - ihren zwei alten Kumpels des gemeinsamen Projekts "Tribalistas". Aber auch ein paar Kompositionen anderer Musiker, z.B. des großen Jorge Ben, intoniert die Sängerin, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Dadi ihr Album auch selber produziert hat.

(Autorin: Katrin Wilke)

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