CD der Woche

Jaune Toujours - "Ko Lektiv"

(Choux de Bruxelles (Broken Silence) / ASIN: B001U3TSHM)

Woche vom 06. bis 10. Juli

Nicht evergreen sondern "immer gelb" geben diese Belgier vor zu sein. Um den bizarren Bandnamen kreisen verschiedenste Geschichten und Ideen, die der charismatische Frontmann Piet Maris allesamt amüsant und legitim findet: Vom Hepathitis-Anfall, der ihn ereilte und den Namen inspiriert haben soll, bis hin zum Gelb in der belgischen Flagge: Für den Akkordeon spielenden Leadsänger die Farbe, die die flämische und die französischsprachige Seite seines Heimatlandes verbindet. In diesen beiden Sprachen sowie auf Englisch kommuniziert das - wie Maris betont - dezidiert antiseparatistische, in jeder Hinsicht integrative Kollektiv auf seinem neuen, vierten Studioalbum.

Den diversen musikalischen Backgrounds der sieben, acht Band-Mitglieder gemäß, zelebriert man seit Ende der 1990er eine betörende Melange aus vertrackten Balkan-Rhythmen, aus Ska, Punk, Rock, Pop und Chanson. Das Ganze kommt von Anfang ganz famos ohne E- oder akustische Gitarre aus. Dafür leistet man sich Kontrabass und Ukulele und vor allem eine lautstarkes Gebläse aus Trompeten und Flügelhörnern, Saxofon und Klarinette. An vielen Ecken und Enden schimmern die Sounds der Bands durch - oder zumindest deren Spirit - die Jaune Toujours nach eigener Aussage geprägt haben: Les Négresses Vertes, Mano Negra - Manu Chao wie etwa auch Calexico hatten die vor allem live extrem potenten belgischen Kollegen auch schon als Tour-Support auserkoren - The Ramones, The Clash. Und so wie z.B. letztere auch schon ihren Punkrock-Horizont geöffnet haben hin zu anderen Musikkulturen, so gehen auch diese sympathischen Brüsseler auf weitschweifigere musikalische Erkundungstouren. Dafür müssen sie im Grunde auch gar nicht die Tore ihrer Stadt weit hinter sich zu lassen. Die belgische Hauptstadt ist schließlich "multikulti" genug, eine Heimstatt von Kulturen, Sprachen und den dazugehörigen Musikstilen.

Wie schon auf den Vorgängeralben mangelt es auch auf "Ko Lektiv" nicht an expliziten Bezügen zur inspirierenden Heimatstadt. So wird in der Hälfte der zwölf Songs eine jazzig-balkanisierte "La Bruxelloise" statt der Marseillaise angestimmt. Und auch "Temps Belge", den gut in die Beine gehenden Rausschmeißer des Albums nutzt Piet Maris - wie überhaupt das Gros der von ihm verfassten Songs - für lebensphilosophische, nicht selten politisch kritische Reflexionen. "Welcome to my life, ain't got a second one..." - mit diesen Worten nimmt einen Maris' rauer, poetischer Gesang im CD-Opener in Empfang. Und tatsächlich ist das Leben zu einmalig, um sich nur mit fröhlicher Party-Mucke sportlich durchzuschlagen. Bei Jaune Toujours geht die Musik zweifellos in die Beine, aber kann bestenfalls auch noch im Kopf des Zuhörers etwas in Bewegung bringen.

Und... kleines Schmankerl am untersten Rande: Eine Art Alien unter lauter Eigenkompositionen ist der auf Ska-Trab gebrachte "Song 2" von der britischen Rockband Blur.

(Autorin: Katrin Wilke)

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Vieux Farka Touré - "Fondo"

(Six Degree (Indigo) / ASIN: B001W63DP0)

Woche vom 29. Juni bis 5. Juli

Wer denkt: Wie Vater so Sohn, liegt nicht ganz schief. "Aber der Sohn wird sich anders entwickeln", schrieb ein Kritiker über das erste Album von Vieux Farka Touré, Sohn des berühmten "Königs des Wüstenblues" aus Mali. Und tatsächlich: Er entwickelt sich anders, denn die zweite Veröffentlichung von Vieux Farka Touré erschließt dem Wüstenblues die weite Welt.

Auf der Jagd nach seinem unverwechselbaren eigenen und dennoch in der Tradition verhafteten Stil, verleiht er mit seinen Gitarrenriffs dem Blues der westlichen Sahara einen weit rockigeren Glanz. Mit seinem neuem Album "FONDO" - The Road / La Route in Sonhrai bewegt er sich sicher zwischen Heavy Rock-Feeling, entspanntem Reggae und dem englischen Blues der Sechziger und Siebziger.

Trotz dieser abwechslungsreichen Ausflüge ist sein Werk tief mit der Sahel-Tradition verwurzelt. Wir begegnen dem Kora-Spieler Toumani Diabaté als Duo-Partner bei einer mitreißenden Reminiszenz an seinen Vater Ali. Vieux's Gitarrenlehrer und langjähriger Vokalpartner seines Vaters, Afel Bocoum, lässt seine mitreißend erdige Stimme auch für den Sohn erklingen. Exzellent zeigt Tim Keiper aus New Jersey am Drumset, was Gespür für Rhythmik und Dynamik bedeutet, nämlich das Gegenteil von Trommeln und Dreschen. Mamadou Sidibé hat die traditionelle "ngoni" gegen einen elektrischen Bass getauscht und bereichert das Ganze mit swingenden Basslinien.

Fazit: Ein groovendes und dennoch bodenständiges Werk, mit internationalem Anspruch. Und ein neuer Anlass, einmal mehr den Klangfarben des Wüstenblues zu folgen.

(Autor: Gerhard Müller)

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Rotfront - "Emigrantski Raggamuffin"

(Essay (Indigo) / ASIN B0020H5QPK)

Woche vom 22. bis 28. Juni

Wer schon einmal auf einem Live-Konzert von Rotfront war, weiss, was ihn bei deren Debüt-Album Emigrantski Raggamuffin erwartet: Die Band um Russendisko-Veteran Yuriy Gurzhy verquirlt auf 17 Tracks munter Ska und Reggaegrooves mit Dancehall- und Cumbia-Elementen und würzt das Ganze mit Klezmer und Hiphop, nebst einem gehörigen Schuss Highspeed- Polka. Songtitel wie "Sovietoblaster", "Klezmerton" und "Remmidemmi" deuten ganz dezent an, wohin die musikalische Reise geht.

Die Texte erzählen auf Russisch, Ungarisch, Deutsch und Englisch Geschichten aus dem Alltag der Rotfrontler und von den Abenteuern, die Immigranten in einer Metropole bisweilen erleben. Wobei das Thema Politik tunlichst vermieden wird, gleichwohl Rotfront mit Mitgliedern, die aus der Ukraine, Ungarn, Amerika, Australien und Deutschland stammen, zeigt, wie Globalisierung und interkulturelle Zusammenarbeit funktionieren kann.

Beheimatet ist das von Gurzhy und Simon Wahorn gegründete Band-Kollektiv in Berlin. In den sechs Jahren seines Bestehens haben mehr als 40 Musiker aus aller Welt dabei mitgewirkt. So tummeln sich live zwischen sieben und fünfzehn Musiker auf der Bühne.

Die frisch erschienene CD verwischt Genregrenzen und enthält eine gute Stunde schweißtreibender Gute-Laune-Musik, die nicht nur Polka- und Ska Fans direkt ins Tanzbein fährt.

Wer das Release Konzert im Kaffee Burger am 30.5. verpasst hat, hat sich nun mit unserer CD der Woche den Rotfront-Sound direkt nach Hause holen.

(Autor: Cord Radke)

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Sister Fa - "Sarabah - Tales from the Flipside of Paradise"

(Piranha (Indigo) / ASIN B00260YMAQ)

Woche vom 15. bis 21. Juni

"Sister Fa" ist der Kampfname der jungen Senegalesin Fatou Mandiang Diatta. Als Rapperin nimmt sie auf ihrem internationalen Debüt-Album "Sarabah" kein Blatt vor den Mund. Gleich in vier Sprachen schreibt und singt sie ihre Texte: In Französisch und in den drei afrikanischen Sprachen Wolof, Mandinka und Diola. Der Untertitel des Albums, auf deutsch "Geschichten von der Rückseite des Paradieses", ist ein mehr oder weniger deutlicher Hinweis darauf, worum es Sister Fa geht:

Auf 12 Tracks rappt sie gegen AIDS und soziale Misstände. Eines ihrer Hauptthemen ist die Genitalverstümmelung an Frauen in Afrika, gegen die sie sich engagiert. Im Song "Bou Souba Si Ngone" prangert sie die Zwangsheirat an oder befaßt sich im zweiten Stück "Selebou Yoon" mit der Rolle des Islam - in ihrer Heimat oft Tabu-Themen. Für sie, sagt sie, sei der Rap da, um Ungerechtigkeiten zu enthüllen. Als Musikerin sieht sie sich als Botschafterin. Daneben findet sich auch Persönliches in ihren Themen. Das Stück, das dem Album seinen Namen gab, ist ihrer Mutter gewidmet.

Hip Hop Musik und Rap leben eigentlich von der Verständlichkeit der Texte. Doch auch wer weder des Französischen, noch Wolof mächtig ist, findet in Sister Fa's Musik mehr als nur Sprechgesang über monotone Beats. Über den Album-Opener "Milyamba" sagt sie selbst, er sei "wirklich typisch afrikanisch, hier kommen Kora, afrikanische Perkussion und Djembes zum Einsatz".

Heute gilt die 27jährige als bedeutendste Vertreterin des Rap aus Senegal, dem Land, das die größte Hip Hop Community in Afrika hat. Deren Epizentrum ist Sister Fa's Geburtsstadt Dakar. Dort machte sie 2000 ihre ersten Schritte in der Männerdomäne Hip Hop. Seit zwei Jahren lebt die junge Mutter in Berlin und debütierte 2007 mit ihrer Band aus Musikern der Berliner Szene beim Karneval der Kulturen, wo sie auch dieses Jahr auftrat. Sie ist stolz auf ihre Vorreiterrolle, die sie mit ihrer Musik für andere senegalesische und afrikanische Rap-Musikerinnen hat. 

Ihre CD, die multicult2.0 als CD der Woche verlost, enthält nicht nur Musik, sondern auch zwei Bonusvideos.

(Autor: Cord Radke)

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Tony Allen - "Secret Agent"

(World Circuit (Indigo) / ASIN B0020RDOOA)

Woche vom 8. bis 14. Juni

Kein Schlagzeuger Afrikas hat so stilprägend gewirkt wie Tony Oladipo Allen. Der mittlerweile 68jährige spielte von 1964 an 15 Jahre lang in den Bands von Fela Kuti und war dessen wichtigster Partner bei der Entwicklung des Afrobeat. Tony Allen kreierte als de facto musikalischer Leiter von Fela Kutis Gruppe "Africa 70" die rhythmische Basis des Afrobeat, indem er vier verschiedene Grooves kombinierte: Highlife, Soul/Funk, Jazz und traditionelle Yoruba-Musik.

In den späten 70er Jahren veröffentlichte Tony Allen seine ersten eigenen Platten, damals noch mit "Africa 70" und produziert von Fela. Nach dem berühmt berüchtigten Konzert von Fela Kuti 1978 bei den Berliner Jazztagen 1978 in der Philharmonie trennte sich Tony Allen endgültig von seinem langjährigen Bandleader und machte sich mit den Afro Messengers selbstständig.

Aber Nigerias Metropole Lagos, obwohl eine der größten Städte Afrikas, wurde zu klein für Tony Allen und Fela Kuti. Daher verließ Tony Allen 1984 Nigeria und ging nach London, wo es bereits eine große nigerianische Community gab. Nachdem er dort Probleme mit Aufenthaltsberechtigung und Arbeitserlaubnis bekam, übersiedelte er 18 Monate später nach Paris, wo man ihm einen Plattenvertrag angeboten hatte und wo er bis heute lebt.

Nicht zuletzt Tony Allen ist es auch zu verdanken, dass sich Paris zum wichtigsten Produktionszentrum für afrikanische Musik entwickelt hat. In der französischen Hauptstadt entwickelte Tony Allen eine innovative, sehr persönliche Afrobeat-Variante. Seine Platten nahm er nicht mehr mit großen Orchestern auf, sondern in kleiner Besetzung ohne Bläser und Percussion, stattdessen mit elektronischen Sounds.

Für seine neue CD "Secret Agent" wurde Tony Allen von World Circuit in London unter Vertrag genommen, einer der wichtigsten Plattenfirmen der internationalen Weltmusik-Szene. Eingespielt wurde "Secret Agent" in Lagos / Nigeria, wo Tony Allen schon seit 25 Jahren kein Album mehr produziert hatte. Die Musiker sind überwiegend Franzosen, die Vokal-Parts wurden von Tony Allen selbst und anderen Nigerianer(inne)n übernommen. Mit der Einbeziehung von Bläsern ist Tony Allen für seine aktuelle CD auch wieder zu einem traditionelleren Afrobeat-Sound zurückgekehrt.

(Autor: Wolfgang König)

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King Kora - Mandingda

(AYAM / EAN 884502022612)

Woche vom 1. bis 7. Juni

Die Kora ist eine westafrikanische Steg-Harfe mit 21 Saiten, die in Mandinka Westafrika gespielt wird. Sie ist das wichtigste Instrument der Historiker und Geschichtenerzähler, der Griots oder Jalis, wie sie in Gambia genannt werden.

In früheren Zeiten, als noch Könige in Westafrika herrschten und nicht Beamte, war die Kora das Begleitinstrument der königlichen Minnesänger. Heute sind die Könige tot oder in Frührente und die Band King Kora hat die Kora auf den leeren Thron gesetzt und begleitet sie mit neuen und alten gesungenen Geschichten, fetten Bläsersätzen, funkigen Grooves und wilden Tänzen.

Seit der Gründung des Orchester steht der Thron von King Kora an den Ufern des Zürichsees: Dorthin versetzt hat ihn Lamin Jobarteh, der gambische Koraspieler und Sänger bei "King Kora", als er 1998 bei einer Konzertreise durch die Schweiz auf den Saxofonisten Roger Greipl trifft. Man beschießt zusammen den gleichen Weg zu gehen und so entsteht das königliche Kora-Projekt. Nach, "King Kora" und "Bundung" ist in den letzten Tagen mit "Mandingda" das dritte Album dieses erfolgreichen Griot Orchesters aus der Schweiz erschienen.

Wie bei einem bunten Abend gesellt sich zu der 10-köpfigen mutikulti Griot-Orchester Stammbesetzung auch eine bunte und zudem nicht unprominente Gästeschar:

"Mandingda" ist mehr als eine gefühlvolle Erinnerung an die Mande-Musik und an das Instrument der Geschichtenerzähler. Die repetitive afrikanische Kora-Musik ist verwebt mit einem bunten Teppich aus Breaks und Bläser-Riffs. Die Erzählstruktur hat nicht mehr die Anmutung einer Serenadenmusik für die afrikanische Savanne, sondern ist griffig.

Das zauberhafte Koraspiel von Lamin Jobarteh führt uns durch einen bunten Klubabend mit allerlei Perlen von seltenen bis ungehörten Mischungen: von Manding-House über Afro-Hiphop zu Griot-Soul und zurück zum Electrotribal. Und das alles kommt ziemlich elegant und mit einer Selbstverständlichkeit daher, die nur durch die langjährige und intensive Zusammenarbeit dieser "Band zwischen den Kulturen" entstehen konnte.

Die Aufnahmen zu "Mandingda" wurden je zur Hälfte im Zürcher Studio Echochamber und in einem Badezimmer in Bundung/Gambia gemacht.

Dabei zeigt sich, dass Jorbateh und Greipl wieder einmal ein paar richtig überzeugende Ideen unter einen Hut gebracht haben. Ein lebenslustiger Urban African Sound der königlich durch die Rillen reitet und sich von Zürich aus in unseren Gehörgängen breit macht.  

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Koalas Desperados - Koalas Desperados

(Rootdown (Soulfood Music) / EAN 4260031586423)

Woche vom 25. bis 31. Mai

Thilo Jacks und Manar El-Abed sind die beiden Oberbeutelbären. Sie haben eine größere Anzahl weiterer Beutelbären zu ihrem Eukalyptusbaum gelockt und mit ihnen zusammen ein Kollektiv gegründet.

Da das Kollektiv für die Legalisierung des Eukalyptus agitiert, sind es vor allem reggaelastige Rhythmen die aus dem immergrünen Dach ihres schnellwüchsigen Baumes klingen. 

17 Koalamusiker und 17 Koalavokalisten aus 15 Stämmen unterstützen die Reggae-, Welt- und Souleinlagen sowohl inhaltlich als auch musikalisch in der gleichen Sprache. Obgleich sich die verschiedensten Persönlichkeiten mit ihren unterschiedlichsten Stilen treffen, u.a. Bezegol (Portugal), Jaqee (Schweden), Laura Lopez Castro (Deutschland), Makako (Spanien) und Maxim (Deutschland), ist das höchstwahrscheinlich der Schlüssel zu einer organischen Mischung aus ganz vieler Art Musik und den Sound-Kulturen der jeweiligen Herkunftsländer. Schließlich weiß Wikipedia: "Als nachtaktive Tiere besitzen Koalas ein gutes Hörvermögen."

Diese unfreundlichen kleinen Kerle, Koalas, wenn du sie falsch anguckst, ist dein Arm ab. Aber in unserem Fall ist es nicht ganz so schlimm, sie sind viel freundlicher und terrorisieren uns mir guter Unterhaltung.

Dem ist nichts hinzuzufügen... außer vielleicht "Legalize Eukalyptus".

(Autor: Gerhard Müller)

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Mísia - "Ruas"

(Universal / 600753172087)

Woche vom 18. bis 24. Mai

Ein Heimspiel und einen Fremdgang genehmigt sich die große Fadista auf der Doppel-CD, ihrer neunten Platte in 18 Jahren.

Teil 1, "Lisboarium", nimmt uns in 12, mit üblicher Mísia-Eleganz und modernem Instrumentarium ausgestatteten Fados sowie einer Morna mit auf einen Spaziergang durch Lissabon. Aber nicht aus der wichtigsten Heimstatt des Fado sondern aus einem weiteren Epizentrum dieser urportugiesischen Musik, aus Porto, stammt die heute 54-jährige Tochter einer spanischen Tänzerin und eines portugiesischen Ingenieurs.

Die Tracks dieser CD, darunter eine Pessoa-Vertonung und ein Stück in französischer Sprache von ihrem Lieblingsdichter Vasco Graça Moura, sind gespeist von der Saudade, die die bei aller Traditionsverbundenheit von jeher weltoffene Mísia gerade verspürt, seit sie in Paris lebt.

Im zweiten Kapitel von "Ruas", "& Tourists" lustwandelt die Vokalistin durch abgelegenere, teils überraschend Fado-ferne Gefilde. Allein diese CD wäre im Grunde schon genug Futter und Überraschung für ihre Fans gewesen. Egal, welches Genres und welcher Sprache Mísia sich annimmt, stets scheint die von jeher innovative Künstlerin dieser gewissen Fado-Saudade nachzuspüren. Ebenjene starke Gefühlsintensität, in der Wehmut und Erhabenheit so wundersam koexistieren, ist jedem der elf eigenwilligen Covers eigen:

Ob nun dem türkischen Lied "Biraz Kül Biraz Duman"; dem Song "Hurt", zu dem sich die Portugiesin von Johnny Cashs später, kurz vor dessen Tod entstandener Interpretation hinreißen ließ, dem Joy-Division-Hit "Love will tear us apart"; der von Camarón de la Isla popularisierten Flamenco-Hymne "Como el agua", dem im Duett mit dem Sänger Peppe Servillo intonierten neapolitanischen Klassiker "Era di maggio", der mit portugiesischer und E-Gitarre auf Trab gebrachten mexikanischen Ranchera "Fallaste corazón"; zwei Chansons, darunter Dalidas "Pour ne pas vivre seul" oder gar einem japanischen Lied.

Stück für Stück eine Verheißung und zweifellos ein großer, gleich doppelter Wurf, der dieser charismatischen Protagonistin des aktuellen Fado da erneut gelungen ist.

(Autorin: Katrin Wilke)

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Hugh Masekela - Phola

(World Conn (edel) / B000H7JCZA)

Woche vom 11. bis 17. Mai

Es dürfte nach dem Tod von Miriam "Mama Afrika" Makeba keinen prominenteren afrikanischen Künstler geben als Hugh Masekela, der am 4. April seinen 70. Geburtstag feierte.

Schon als kleiner Junge im Township Alexandra hatte er Klavier-Unterricht, und mit 13 bekam er seine erste Trompete. Im Ensemble des Musicals "King Kong" lernte er Miriam Makeba kennen, die er wiedertraf, als er Anfang der 1960er Jahre an der Manhattan School of Music in New York studierte. Von 1964 bis 1967 waren sie verheiratet.

Die 70er und 80er Jahre verbrachte Hugh Masekela vor allem in verschiedenen afrikanischen Ländern wie Ghana, Liberia und Botswana. Erst nach der Freilassung von Nelson Mandela 1990 konnte auch Hugh Masekela wieder nach Südafrika zurückkehren.

Im Lauf der Jahre hat er mit vielen Stars gearbeitet, u.a. mit Paul Simon, Harry Belafonte, Bob Marley, Cachaito vom Buena Vista Social Club, oder den Crusaders. Und auch nach dem Ende der Apartheid ist er ein unbequemer Kritiker geblieben, der z.B. im Simbabwe von Robert Mugabe Auftrittsverbot hat.

Mit "Phola" hat er zum ersten Mal seit vier Jahren wieder ein Studio-Album veröffentlicht, eingespielt mit einer neuen, stark verjüngten Band, mit der er momentan auf Europa-Tournee ist (hier gibt es die Tour-Daten).

Die Platte ist sparsam intrumentiert, die Arrangements sind transparent, und doch atmet die Musik Intensität und ist über weite Strecken tanzbar. Und noch immer ist Hugh Masekela an seinem rhythmisierten, von Stakkato-Phrasen geprägten Personalstil auf dem Flügelhorn, der sich bereits in seiner ersten Aufnahme von 1957 andeutete, schon nach wenigen Tönen zu erkennen.

Auf der neuen CD "Phola" finden sich gleich drei dezidiert politische Songs. "Weather" beschreibt Klima-Wandel und politische Korruption als zwei Seiten einer Medaille, die es gleichermaßen anzugehen gilt. "Bring It Back" ist eine Abrechnung mit ehemaligen Befreiungskämpfern, die sich nach dem Sieg in korrupte Funktionäre verwandeln, gerade für Südafrika ein hochaktuelles Thema. Und dem Stück "Hunger" ist aller musikalischen Harmonik zum Trotz die Wut anzuhören angesichts einer Welt, in der Millionen hungern müssen, obwohl es eigentlich genug für alle gibt. Andere Songs sind autobiografisch und auch Instrumentals finden sich auf der Platte.

Am Samstag wird Hugh Masekela nach 15 Jahren endlich mal wieder in Berlin auftreten, bei einem Festival, das ihm zu Ehren im Haus der Kulturen der Welt stattfindet. Hier findet ihr weitere Informationen zum Festival.

(Autor: Wolfgang König)

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Françoiz Breut - "À l'aveuglette"

(T-Rec/Le Pop Musik/Groove Attack / 673793401929)

Woche vom 4. bis 10. Mai

Françoiz Breut, die "Grande Dame" der französischen "Nouvelle Scène", legt mit ihrer Band - nach "Une saison volée" (2005) - mit "À l'aveuglette", nun ihr viertes und zugleich eigenständigstes Album vor. In den letzten Jahren unternahmen sie Ausflüge ins Englische ("Everyone Kisses a Stranger", "Over All"; "Sans Souci" von Peggy Lee), Italienische ("Último" von Fabio Viscogliosi) und Spanische ("Ciudad del Mar"). Außerdem arbeiteten sie mit so namhaften Komponisten wie Dominique A. und Yann Thiersen (bekannt vom Filmsoundtrack von "Die wunderbare Welt der Amélie").

Nach Kooperationen mit so illustren Leuten wie Calexico, Robin Guthrie von den Cocteau Twins und dem Symphonieorchester Budapest ist die Band nun ein solides three-piece mit Françoiz Breut, Boris Gronemberger und Luc Rambo. Unterstützt werden sie ab und an von einer vierten Frau oder einem vierten Mann an Violine, Blechbläsern oder Backgroundgesang.

Mit Gitarre, Bass, Schlagzeug als Basis, und Percussion, Banjo, Vibraphon, Klavier, Orgel, Métallophon, Synthesizer, Violine und sehr punktuell Blechbläsern abwechslungsreich instrumentiert und gleichzeitig sparsam arrangiert, pendeln die Songs zwischen nouveau chanson, Neo-Folk, Jazz, Alternative und Pop, und entziehen sich (nahezu) jedem Label und jeder Schublade.

"À l'aveuglette" heißt soviel wie "aufs Geratewohl"; das ist sinngemäß vielleicht am besten mit "Experimentierfreude" übersetzt, und spricht von dem Mut, neue, unbekannte Wege zu gehen. Und so sind auch die elf Songs (plus drei kurzen instrumentalen, teils soundgesampleten und -collagierten Brückentracks) die die Band zum ersten Mal in ihrer Geschichte komplett selbst - und ohne Wirken oder Mitwirken von Leuten wie beispielsweise Dominique A. ("Si tu disais"), Philippe Katerine ("L'origine du monde") oder Yann Thiersen ("L'heure bleue" und einige mehr) - komponiert hat: direkt, in nahezu garagig-punkiger Art drauflos, dann oftmals innehaltend, manchmal mit einem Tempo- oder Rhythmuswechsel verbunden, manchmal neustartend, manchmal austrudelnd.

Die Lieder handeln von vergangener Liebe, gefundenem Glück, Reisen in Gedanken, der Energie des Lebens und der Jugend, und der Größe und Weite der Welt;  in "L'automne avant l'heure" singt sie vom "tourbillon de la vie", "dem Karussell des Lebens", das schon Jeanne Moreau in dem Film "Jules und Jim" von Françoiz Truffaut besungen hatte. Die Athmosphären changieren von Sommernächten an der Seine zu Streifzügen übers Land und durch die Felder zu Fahrten durch graue Vorstädte zu Abenden am knisternden Lagerfeuer und zurück, vorgetragen jeweils in der einzigartigen Aura der Stimme von Françoiz Breut. In den Texten Allegorien voller Poesie, die zum Interpretieren einladen, manchmal zum Träumen, manchmal auch zum Rätseln, zum Nachdenken sowieso - und in jedem Fall zum zweimal, dreimal... vielmal Hören.

Nach einem vielbewunderten und -beachteten Konzert der Band - mit Unterstützung eines kleinen Vinyl-Plattenspielers auf der Bühne zu Füßen der Sängerin - im Kesselhaus der Kulturbrauerei in Berlin am 2. März 2009 und Gigs in vielen weiteren Orten in Deutschland sowie einem Abstecher nach Österreich und in die Schweiz hat die Band nun ihre Tour zum neuen Album soeben, am Samstag 2. Mai 2009, in Namur in Belgien beschlossen. Zu sehen sind sie aber wieder beim "Kultursommer" in Oldenburg am 3. Juli und beim "Traumzeit"-Festival in Duisburg am 4. Juli 2009.

(Autor: Kolja Gruber)

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The Idan Raichel Project - "Within My Walls"

(Cumbancha/Indigo / B001OFUU32)

Woche vom 27. April bis 3. Mai

Hinter dem Namen "The Idan Raichel Project" verbirgt sich eine Kooperation junger Künstler mit arabischen, äthiopischen, jemenitischen, und karibischen Wurzeln. Der israelische Komponist, Produzent und Keyboarder Idan Raichel gründete das Projekt 2002 und legte mit dem gleichnamigen Debütalbum "The Idan Raichel Project" einen soliden Start hin.

Das drei Jahre später veröffentlichte, zweite Album "Mi'ma'amakim" konnte dann mit einem erweiterten sprachlichen Repertoire  aufwarten (gesungen wurde auf amharisch, hebräisch, jemenitisch, Tingra und Hindi) und verkaufte sich mehr als 120.000 mal. So war es keine allzu große Überraschung, dass das Projekt 2006 auch außerhalb Israels bekannt wurde und sich in der internationalen Szene erfolgreich etablierte. Die darauf folgende weltweite Resonanz ließ das Idan Raichel Projekt zu einer festen Größe der Weltmusik werden...

Das bereits 2008 veröffentlichte, hier jedoch erst 2009 erschienene dritte Album "Within my Walls" setzt erneut auf eine grenzübergreifenden Vielsprachigkeit, welche die engagierten Texte über politische Missstände, Sehnsucht, Herzschmerz, Trauer aber auch Hoffnung eindrucksvoll untermalt. So interpretieren die kapverdische Sängerin Mayra Andrade, neben der Kolumbianerin Marta Gomez und der afrikanischen Soulsängerin Som (unterstützt von jungen israelisch-arabischen Sängern und Sängerinnen) die 13 ziemlich balladesken, mit einem Hauch Pop versehenen Songs sehr eindrucksvoll. Untermalt und abgerundet wird das Ganze durch die für die Band typische multiethnische Instrumentierung, von der Wassertrommel bis zur persischen Kamancheh.

Bei all der erfrischenden Vielfalt ist Idan Raichels typische, hymnische Handschrift nicht zu überhören und verleiht dem Album eine ganz besondere Note, die es trotz der vertrackten Situation in dieser krisengeschüttelten Region des Nahen Ostens vermag, einen Brückenkopf für die ausdauernde Hoffnung auf ein tolerantes und friedliches Miteinander zu bauen...

(Autor: Josip Biankini)

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Goran Bregović and his Wedding and Funeral Band

"Alkohol. Sljivovica & Champagne"

(Mercury/Universal /600753150917)

Woche vom 20. bis 26. April

"Alkohol!!" röhrt ganz zu Beginn des ersten Songs jemand durch den Saal. Und damit geht es los: mehr als eine Stunde Partymusik, die sich so anhört, als sei die Sause schon seit Stunden im Gange und die Musiker schon ordentlich angetrunken und in bester Stimmung. Als würden die Frauen bereits auf den Tischen tanzen. Als würden die Trompeter ihre Instrumente unter den Röcken der Frauen spielen. Und die Frauen ihre Röcke dabei immer höher lupfen, so wie es laut Goran Bregović Brauch ist auf richtig guten Balkanparties. Zumindest in der Fantasie des berühmte Filmmusik-Komponist Bregović spielt es sich so ab.

Denn Bregović komponiert Soundtracks, selbst wenn es nur die Begleitmusik, für das ist, was sich in den Köpfen seiner Zuhörer abspielt. Sein neues Album "Alkohol" jedenfalls ist der Soundtrack fürs Trinken. Zügellos, rauschhaft und nicht besonders komplex. Gute Partymusik eben, mit alten Hits aus Goran Bregovićs Rock'n'Roll-Zeit, wie "On the back-seat of my car", sentimentalen Stücken wie "Esma" und mit bekannten Gypsy-Krachern.

Die Partystimmung des gesamten Albums, erklärt sich dadurch, dass die darauf enthaltenen Stücke eigentlich ein Zusammenschnitt eines Live-Mitschnitts sind, die bei einem Konzert in Guja aufgenommen wurden - die Kleinstadt in Serbien ist für ihren jährlichen Bläser-Wettbewerb bekannt, dem Woodstock der Roma-Kapellen. Während drei Tagen im August wird dort gefeiert, getanzt, gegrillt und getrunken, was das Zeug hält. Dort entstand auch Bregovićs Album "Alkohol". Aus dem einfachen Grund, weil nach Auskunft Bregovićs seine Musiker im Studio schnell gelangweilt sind und die Lust verlieren. Bei dieser Aufnahme, waren sie unüberhörbar in allerbester Laune - wohl eben weil jede Menge Alkohol dabei geflossen ist.

(Autorin: Rebecca Roth)

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Victor Démé - Victor Démé

(Chapa Blues/Indigo / 5413356337624)

Woche vom 13. bis 19. April

Musik aus Burkina Faso dringt nicht allzu oft bis nach Europa vor; Künstler aus Mali oder Senegal haben es da wesentlich leichter. Um so erfreulicher, dass es mit Victor Démé wieder jemand aus dem kleinen Land in der Sahelzone geschafft hat. Allerdings musste er 30 Jahre im Musikgeschäft sein, um erstmals eine Platte produzieren zu können.

Victor Démé (47) stammt aus einer der vielen Familien, die aus dem heutigen Burkina Faso an die wirtschaftlich entwickeltere Elfenbeinküste auswanderten. Von seiner Mutter, einem weiblichen (!) Griot, erbte er das musikalische Talent, bei seinem Vater lernte er seinen zweiten Beruf, den des Schneiders. 1988 ging Victor Deme zurück nach Burkina Faso, wo der ein Jahr zuvor ermordete Revolutionsführer Thomas Sankara, die Künste nachhaltig gefördert hatte. Victor Démé gewann zahlreiche musikalische Wettbewerbe und trat als Sänger und Gitarrist mit den besten Bands des Landes auf, musste aber zumeist Stücke von Stars wie Salif Keita oder Mory Kanté covern.

Vor zwei Jahren bekam Victor Démé endlich die Chance, eine Platte aufzunehmen, abgesehen von zwei traditionellen Songs hat er alle Stücke selber geschrieben. Eingespielt wurden sie in kleiner Besetzung mit zwei Gitarren, Bass und Perkussion; manchmal ist auch ein Piano oder ein Balafon zu hören. Die Arrangements machen die Musik transparent und stellen Victor Démés Stimme in den Mittelpunkt. In den Songs geht es um den nationalen Zusammenhalt, um Toleranz und um Respekt vor den Frauen.

(Autor: Wolfgang König)

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Lenine - Labiata

(Emarcy/Universal / 7893251000072)

Woche vom 30. März bis 5. April

Die Labiata ist eine seltene Orchideenart, die nur im Nordosten Brasiliens vorkommt. Von dort, genauer aus Recife, der Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco, stammt auch der singende Gitarrist (und Orchideenliebhaber mit mittlerweile eigener Zucht!) Lenine, der allerdings seit fast dreißig Jahren in Rio lebt und arbeitet.

Was wie ein Pseudonym klingt, bekam der Musiker, der mit vollem Namen Osvaldo Lenine Macedo Pimentel heißt, von seinem kommunistisch gesinnten Vater im Gedanken an den Gründer der Sowjetunion verpasst. Dieser starb mit nur 54 Jahren, und auch Lenine, der ewig jung wirkende Sympath mit dem langen Haar, hat in diesem Jahr die 50er Marke erreicht und gilt schon längst als eine Art Lichtgestalt im brasilianischen SingerSongwriting.

Doch der sympathisch unklassifizierbare Sound des Rock-Barden hat nichts von seiner Vitalität und seiner Präsenz verloren, wartet immer wieder mit neuen und doch für die Fans irgendwie auch angenehm vertrauten, halt "Lenine'schen" musikalischen und textlichen Raffinessen auf.

Verlässlich gut ist auch dieses Album geraten, die erste Studioaufnahme des Song-Poeten seit 2002, das lediglich achte in den 25 Jahren als Solo-Künstler. Anders als im immer schnelllebigeren Musikbusiness, will gut Ding Weile haben bei dem umtriebigen Musiker, der nicht nur als Song-Schreiber, sondern auch als Produzent bei Kollegen in und außerhalb Brasiliens schwer gefragt ist.

Die elf neuen, lebensphilosophischen, teils unterschwellig sozialkritischen, stets poetischen Lieder wurden bisweilen behutsam elektrifiziert und speisen sich aus Rock, Funk und diversen brasilianischen Traditionen - v.a. denen aus dem Nordosten. Verfasst hat sie Lenine - allein oder im Verbund - allesamt in wenigen Märznächten. Später wurde das Material relativ flott und natürlich in familiärer Studioatmosphäre aufgenommen, was der Platte hörbar gut getan hat. Zu den alten Lenine-Mitstreitern gesellten sich Überraschungsgäste wie der Dudelsackspieler Carlos Núñez aus Galicien, ein Streichquintett aus Paraíba und die drei singenden Söhne des Protagonisten.
(Autorin: Katrin Wilke)

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Orient Expressions - Record Of Broken Hearts

Woche vom 23. bis 29. März

Seit 15 Jahren macht sich der türkischstämmige Can Utkan aka Dj Yakuza durch die extravagante Fusion orientalischer Melodien mit elektronischen Stilen von Downbeat bis Drum & Bass einen Namen in den Nachtszenen von Paris bis Tokio. Mit Murat Uncuoğlu, Cem Yildiz und Richard Hamer formierte der Jazzmusiker 2002 das türkisch-amerikanische Projekt "Orient Expressions", um durch Instrumente wie dem Saxophon, Holzbläsern bis hin zur traditionellen Baglama, die Synthese anatolischer Harmonien und jazziger Elektrosounds fortzuentwickeln.  

Orient Expressions haben über ihren Song "Istanbul 1:26 a.m.", den sie zu Fatih Akins Film "Crossing the Bridge" beigesteuert haben, weltweite Bekanntheit erlangt. Er ist die heimliche Erkennungsmelodie des grandiosen Istanbul-Porträts und Fatih Akins ganz persönliche Istanbul-Hymne: "Wann immer ich diesen Song höre, kommen mir Bilder dieser erstaunlichen, sexy, coolen Stadt in den Sinn. Ich bin sozusagen süchtig danach, diesen Track immer und immer wieder zu hören ...".

Wie nur wenige andere Bands schaffen die vier Orient Expressions-Macher eine Verbindung von traditionellen türkischen Klängen und eleganten, lässigen und kosmopolitischen Electro-Sounds herzustellen.

Auf ihrem letzten Album "Külliyat - After the Fact" (Doublemoon Records, 2006) verschmelzen komplexe Instrumentalkulissen mit dem Gesang Sabahat Akkiraz zu Reflektionen über Tradition und Fortschritt in der heutigen Türkei. Ihr neues Album "Record Of Broken Hearts" (Doublemoon, rough trade) ist eine Hommage an das goldene Zeitalter des türkischen Kinos der 60er Jahre, auch Yeşilçam genannt, einer Straße im Istanbuler Bezirk Beyoğlu, in der die Filmproduzenten der damaligen Zeit ihren Sitz hatten. Es ist ein facettenreiches Werk, dem mühelos der Brückenschlag von Orient zu Okzident gelingt, ohne dabei klischeehaft oder fantasielos zu werden. Stattdessen packen Orient Expressions viel Witz und Ironie in ihre Reminiszenzen an die Musik dieser Zeit, die zwar catchy und sehr eklektisch war, aber auch ihre trivialen Seiten hatte. Im Zusammenspiel mit dem Gesang Berin Koc's verstehen es Orient Expression auf eine einzigartig zeitgemäße Art und Weise die Essenz und das Lebensgefühl der Metropole am Bosporus zu vermitteln.

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Mad Manoush - The Gypsy R-Evolution 

Woche vom 16. bis 22. März

Der aus Graz stammende Geiger und Vollblutmusiker Egon Egemann wurde schon sehr früh von der Musik Django Reinhardts und Stephane Grapellis (den er in New York persönlich kennenlernt) beeinflusst. So bewegt er sich in der New Yorker Gypsy Punk-Szene und wird von diesem Flair nicht mehr losgelassen - sozusagen regelrecht in den Bann gezogen...

Im Frühling 2004 trifft Egemann in Augsburg beim "Django Memorial" auf die Gypsy-Ikone Robin Nolan und begeistert diesen mit seinen, von Innovation gespickten Ideen. So tun sich die beiden musikalischen Grenzgänger zusammen und es entspringt der feurig-abgedrehte Titel "Django".

Völlig angesteckt von den schier unerschöpflichen Möglichkeiten und voller neuer Ideen ruft Egemann 2005 Mad Manoush ins Leben und präsentiert auf erfrischende Art und Weise eine Mixtur verschiedener Genres, die es in sich hat und die Szene begeistert. So können Mad Manoush mit ihrem 2006 erschienen Debüt-Album "Gadjo" auf Anhieb den Einstieg in die Top 20 der European World Music Charts verbuchen.  Es folgen aufsehenerregende Auftritte wie z. B. beim Montreux Jazzfestival und auf namhaften Bühnen in Deutschland, Österreich, Belgien, Griechenland und der Schweiz, wo Truppe zurzeit auch ihren Stammsitz hat. Die Band setzt sich neben Egon Egemann noch aus dem Belgier Geert Dedapper, den Schweizern André Gärtner, Markus Roth und Urs Huber zusammen, die mit ihren unterschiedlichen Backgrounds wesentlich zur signifikanten Stilvielfalt beitragen. Erweitert wird das bei ihren furiosen Live Auftritten mit der Verpflichtung von Gastmusikern verschiedenster Couleur.

Nun meldet sich die Multikulti-Kapelle um den Initiator und Tausendsassa Egon Egemann beeindruckend zurück. "The Gypsy R-Evolution"... Das Wortspiel mit dem Bindestrich betont die mittlerweile fortlaufende Veränderung in der Gypsy-Musik. Was denn diese CD genau verändert, versucht der Bandleader in zwei Sätzen zusammenzufassen.  Egemann: "Ich bin mir nicht sicher, ob wir etwas Neues in den Gypsy hineintragen können, aber ich glaube, dass es im Zuhörer etwas bewirkt. Im besten Fall führt es ihn zur Erkenntnis, dass man tatsächlich so vieles miteinander verbinden kann wie in unserer Musik. Dass man nicht immer eine Schublade aufmachen muss. Das ist alles eins...".

So wagen Mad Manoush (Manoush ist übrigens ein Begriff aus der Sprache der Fahrenden und bedeutet Mensch) den Crossover-Spagat zwischen Gypsy, Jazz und Pop-Rock. Gewürzt mit einer Prise Reggae, Punk und  Tarantella wird das musikalische Stil-Menu mit einem Hauch Hendrix abgerundet. Diese reichhaltige Mischung vermag es den Hörer von Anfang an zu verzaubern und  geht unweigerlich direkt aus den Ohren in die Beine.

Grenzen sind da, um gebrochen zu werden!

(Autor: Josip Biankini)

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Novalima - Coba Coba

Woche vom 9. bis 15. März

 

"Coba Coba!" - dieser unter afroperuanischen Musikern übliche Anfeuerungsruf beim gemeinsamen Spiel inspirierte den Titel der dritten CD von Novalima (Cumbancha / Exil / Indigo). Seit acht Jahren bastelt dieses Musiker-DJ-Quartett an seiner Mixtur aus elektonischen und afroperuanischen Klängen.

Musik, deren Herzschlag und Logo das Cajón ist. Die Uralt-Schulfreunde aus Lima bemühen also nicht die gängigen, mit Peru assoziierten Indio-Panflöten-Klischees, sondern beleben jene 200 Jahre alte Musikkultur des schwarzen Perus. Dort wurde bis 1845 mit afrikanischen Sklaven gehandelt. Diese dunkle Historie, deren Folgen die schwarze Minderheitenbevölkerung bis heute verspürt, brachte ein reichhaltiges musikalisches Erbe hervor: Eigenwillige Instrumente wie der präparierte, schnarrend klingende Eselskiefer Quijada de Burro und die Holzkasten-Trommel Cajón, und vor allem viele markante Rhythmen, Tanz- und Gesangsstile.

Diese werden von Novalima mit jeder Menge Respekt für den Dancefloor flottgemacht, wobei die verwendeten elektronischen Spielarten aus Sicht des Gitarristen und DJs Rafael Morales nur ein hintergründiges Hilfsmittel sind. Das Album "Coba Coba" lässt zudem hören, wie gut sich diverse Afro-Rhythmen, Funk, Soul, Jazz und Latino-Stile wie Reggaeton, Salsa, Son oder Bolero mit dieser alten peruanischen Tradition vertragen. Deren populärste Stile Landó, Festejo oder Zamacueca werden in "Se me van" aufgezählt - einem Song, den man hierzulande vor allem durch die Sängerin und Botschafterin der afroperuanischen Kultur, Susana Baca kennt.

Nachdem Novalima zunächst noch per Filetransfer zwischen Lima, Barcelona, London und Hongkong agierte, sind die vier Jungs nun wieder allesamt nach Lima heimgekehrt. Dort entstanden in Zusammenarbeit mit dem Londoner Top-Producer Toni Economides, den Instrumentalisten und Sängern von Novalima sowie virtuellen Gästen (Mark De Clive-Lowe/Neuseeland und Gecko Turner/Spanien), diese zwölf neuen, überaus anmutigen Songs. Abgesehen von der extremen Party-Tauglichkeit hat die Arbeit von Novalima noch einen großen sozialhistorischen Wert, denn sie bringt weiße und Schwarze zusammen. Etwas, das in Peru bis heute nicht die Norm ist.
(Autorin: Katrin Wilke)

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Oumou Sangaré - Seya

Woche vom 2. bis 8. März

 

Sie ist eine der ganz großen Sängerinnen aus Afrika, Malis bekannteste Sängerin - ach was, eine Königin!

In ihren Videos trägt sie prachtvolle Gewänder, Goldschmuck und raffiniert gewickelte Turbane. Oumou Sangarés ganze Erscheinung hat etwas Majestätisches. Und dann erst ihre Stimme: Kraftvoll, rau, faszinierend.

Seitdem sie vor 20 Jahren mit ihrem 1. Album schlagartig in ganz Afrika bekannt wurde, kennt jeder in Mali ihre Musik. Damals wagte sie es, mit ihren Liedern Dinge anzusprechen, über die sonst nicht offen diskutiert wurde: Sinnliche Liebe zum Beispiel - und zwar aus Sicht der Frau. Oder Zwangsheirat, Polygamie und weibliche Beschneidung. Heute, nach zwanzig Jahren, singt Oumou Sangaré noch immer über diese Themen, um öffentlich Debatten darüber anzustoßen und Frauen zu ermutigen.

Und noch immer bedient sie sich dazu eines Crossovers zwischen funkigen modernen Sounds und den traditionellen Rhythmen ihrer Heimat, der Waldregion Wassoulou im Süden Malis.

Auch die Lieder auf ihrem neuesten Album "Seya" sind tief in einer Kultur von Jägern verwurzelt und stecken voller Symbolik. So kommt in ihrem Lied "Donso" beispielsweise die Textzeile vor: "Gib mir die Leber des Tieres, damit ich mich der Menschheit widmen kann. Gib mir auch seine Innereien, damit ich sie mir um die Taille wickeln kann". Das hört sich ziemlich archaisch an.

Gleichzeitig klingt das Album extrem zeitgemäß und urban. Dafür sorgte der Keyboarder und Komponist Cheick Tidian Seck. Er sorgte als Co-Produzent für den richtigen Mix aus traditionellen Instrumenten wie Kamele Ngoni Harfen, Balafon, Percussion, aber auch aus Schlagzeug, Gitarren, Bläsern und sogar Streichern und Hammondorgel. Dafür hat Oumou Sangaré einige der besten Musiker Malis um sich geschart. So ist ein üppiges grooviges Album entstanden, das hält, was sein Titel verspricht: "Seya" bedeutet übersetzt: "Freude".

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KAL - Radio Romanista

Woche vom 23. Februar bis 1. März

 

"An was denken Sie, zuerst, wenn Sie das Wort Zigeuner hören? An Musik? Alles klar, dann wollen wir das Klischee mal brechen!"

Eine klare Ansage, die Dragan Ristic, Kopf der serbischen Band KAL, gleich auf dem Album Cover macht.

KAL - das ist zwar eine Roma Band. Aber eine, die sich extrem urban und dancefloor-tauglich anhört. Die sieben Musiker aus den Vorstädten von Belgrad spielen mal Technogrooves, mal halsbrecherisch schnellen Gypsy-Punk. Und das auf traditionellen Instrumenten wie Akkordeon, Percussion, Tuba, Gitarre, Bass und Geige.

"Rock'n'Roma" bezeichnet Gitarrist und Sänger Dragan Ristic die Mischung aus Rock und traditioneller Roma-Musik, mit der KAL vor drei Jahren bekannt wurde. 2006 veröffentlichte die damals noch unbekannte Gypsy-Kapelle ihre erste CD, und die katapultierte KAL auf Anhieb auf Festival- und Konzertbühnen in ganz Europa, Amerika und Asien. Für den Musiker und Aktivisten Dragan Ristic die Gelegenheit, um weltweit auf die Situation der Roma hinzuweisen. "Roma werden überall auf Welt diskriminiert", schreibt er in seinem Begleittext zur CD, "ihre Häuser werden niedergebrannt, es werden Mauern gebaut, um sie aus der Nachbarschaft fernzuhalten. Betrachtet uns nicht nur als Entertainer, haltet uns nicht für Diebe. Wir sind ein friedliches Volk, wir haben den europäischen Rassismus überlebt - aber jetzt werden wir nicht mehr länger still halten und euch unterhalten."

"Respekt!" möchte man rufen. Und offenbar geht es einigen jungen serbischen Roma genauso. Zumindest ist es das erklärte Ziel von Bandleader Ristic, junge Roma-Musiker dazu zu inspirieren, sich wieder selbstbewusst den eigenen kulturellen Wurzeln zuzuwenden, statt - wie er sagt - irgendwelche Trash-Popstars zu begleiten, deren Karriere nur darauf aufgebaut ist, in einem Musikvideo sexy auszusehen.

KAL dagegen, soviel ist klar, kann mehr als das: Mit ihrem neuen Album "Radio Romanista" stellt die Band nicht nur ihre Virtuosität unter Beweis, sondern auch, dass sie verschiedenste musikalische Stile miteinander vermischen können, ohne dabei ihre Identität zu verlieren. Entsprechend ist auch der Titelsong zu verstehen. Er handelt von Radio Romanistan ? dem nationalen Radiosender im imaginären eigenen Land der Roma. Auf dem Album Radio Romanistan reichen sich Rap, Rock, Gypsy Grooves, Musette oder Türkischer  Blues die Hand. Gesungen wird polyglott: Auf Romanes, Französisch, Serbisch und Spanisch. Ein Traum von einem Radiosender! Ein Traum, den wir teilen und der wahr werden kann?