Kapstadt im Festivalfieber
Ein Reisebericht von Wolfgang König

- Anflug auf Kapstadt mit SAA
Nach einem Nachtflug ohne Turbulenzen landet die Maschine von South African Airways bei strahlendem Sonnenschein auf dem Oliver Tambo Airport in Johannesburg. Ich nutze den Zwischenaufenthalt, um Freunde und meine Kollegin Nicky Blumenfeld zu treffen, die mich mit Neuheiten aus der südafrikanischen Musikszene versorgt. Dann geht es weiter nach Kapstadt, das mich mit dicken Wolken und Nieselregen begrüßt. Immerhin hat gerade der Herbst angefangen. Trotzdem bleibt mein erster Tag in Südafrikas "Mother City" der einzige mit schlechtem Wetter.
Die Frage, wie man vom Flughafen in die Stadt kommt, ohne ein sündhaft teures Taxi zu benutzen, ist seit der Fußball-WM im letzten Jahr endlich geklärt: Alle 20 Minuten verkehrt ein Shuttle-Bus zwischen dem Airport und dem Civic Centre, dem Sitz der Stadtverwaltung hinter dem Hauptbahnhof. Dort erwartet mich mein Kollege Eric Alan, der für eine Woche mein Gastgeber ist. Obwohl das Kapstädter Jazzfestival, der Hauptgrund meiner Reise, erst in zwei Tagen, am Freitag, offiziell beginnt, gibt es am Mittwoch abend schon mal einen Vorgeschmack: Für diejenigen, die sich keine Karten leisten können, wird im Herzen der Stadt auf dem Greenmarket Square, wo sich tagsüber die Touristen auf dem Souvenirmarkt drängen, ein Konzert mit freiem Eintritt veranstaltet, bei dem sich sechs Bands aus Südafrika und dem Ausland vorstellen.
Einen Tag vor Festivalbeginn nimmt mich Eric Alan mit ins Kaleidoscope, eine Art Stadtteilzentrum, wo sonntags auch Gottesdienste stattfinden, und das ironischerweise im zweiten Stock eines Gebäudes liegt, dessen erste Etage einen Sexshop beherbergt. Glenn Robertson, der Pastor, nimmt es ironisch: "Erst sündigen die Leute, danach kommen sie zu uns, um erlöst zu werden."
Glenn ist nicht nur Gottesmann sondern auch Sänger und Chef der Glenn Robertson Jazz Band, die heute abend auftritt und mich einlädt, als Gast-Perkussionist mitzumachen. Die Band bereitet gerade einige Konzerte im australischen Melbourne vor, und vielleicht kommt sie irgendwann ja auch mal nach Berlin.
Am nächsten Morgen beginnen im Hotel, wo die Künstler untergebracht sind, die Pressekonferezen, die sich immer bis in den Nachmittag hineinziehen. Der große Publikums-Magnet ist die Gruppe Earth, Wind & Fire, die mit der aktuellen Tournee ihren 40. Geburtstag feiert. Zu den interessantesten Acts für mich aber gehören die afrikanische Ensembles wie Guitafrika mit drei Gitarristen. Initiator des Projektes ist der Linkshänder Eric Triton von der Insel Mauritius, der auf den Instrumenten von Rechtshändern lernte und darum bis heute die Saiten "verkehrt herum" aufzieht, Steve Newman aus Südafrika, der durch die Gruppe Tananas bekannt wurde, sowie an elektrischer Gitarre und Percussion Alhousseini Mohamed Anvolla von der Desert Blues-Band Etran Finatawa aus Niger. Drei Künstler, die ihre komplett verschiedenen Stile nach nur zwei Proben-Tagen perfekt fusionieren.
Nachdem ich bei der Womex 2010 in Kopenhagen die Debüt-CD der brillanten angolanischen Sängerin Sandra Cordeiro bekommen hatte, bin ich besonders gespannt auf ihr Konzert in Kapstadt. Sie enttäuscht mich nicht und hat außerdem den genialen Drummer/Perkussionisten Joel Pedro dabei, für mich der heimliche Star des Konzertes. Ivan Muzuze, Saxofonist und einer der vielen mosambikanischen Musiker in Kapstadt, präsentiert eine funkige Afrojazz-Variante, ebenso wie der junge Bassist Citie aus Botswana mit seiner grandiosen Band.
Eine Überraschung ist Hanjin, der aus Singapur stammt und in Hongkong lebt, wo er seine Brötchen als Musikproduzent verdient. Aber manchmal leistet er sich den in Hongkong alles andere als lukrativen Luxus, Jazz zu singen. Und wie gut er das kann, beweist er in Kapstadt äußerst eindrucksvoll. Zu meinen Entdeckungen gehört auch der junge Trompeter Lwanda Gogwana, der in Kapstadt und Oslo studierte und die traditionelle Musik seiner Heimat-Provinz Eastern Cape mit Jazz und Rap mixt.
Wenig überraschend dagegen die Spitzenqualität von internationalen Acts wie dem Wayne Shorter Quartet (mit dem Leader am Saxofon, Danilo Perez aus Panama am Piano, Bassist John Patitucci und Drummer Brian Blade), dem genialen Flötisten Hubert Laws oder der Kontrabassistin und Sängerin Esperanza Spalding. Südafrikas-Top-Star Hugh Masekela tritt mit einem besonderen Programm an. Als er Anfang der 60er Jahre in New York Musik studierte und erste Auftritte hatte, erklärten "Jazz-Päpste" wie Leonard Feather und Stanley Crouch vehement, was dieser junge Mann aus Johannesburg da mache, sei gar kein Jazz (was Masekela auch nie behauptet hatte). Erst nach dem Tod von Feather und Crouch fühlte sich Hugh Masekela vor sieben Jahren reif genug, eine reine Jazzplatte einzuspielen. Das tat er in New York, begleitet von seinem Studienfreund Larry Willis am Piano und zwei Kollegen an Kontrabass und Schlagzeug. Das dabei entstandene Album ist heute zwar vergriffen, aber mit dem Projekt "Almost Like Being in Jazz" (eine Anspielung auf den alten Song "Almost Like Being in Love") tritt Hugh Masekela beim Cape Town International Jazz Festival auf, mit seinem regulären Drummer Lee-Roy Sauls, dem Star-Bassisten Victor Masondo, der für dieses Konzert endlich mal wieder zum Kontrabass griff, und Larry Willis, der aus den USA herübergekommen ist.
Und wenn die Shows im Cape Town International Convention Centre gegen 2.00 morgens vorbei sind, geht es im Festival-Zentrum Pepper Club weiter mit Sessions bis in die frühen Morgenstunden.
Am Sonntag ist das Festival vorbei, und ich habe erst mal Zeit zum Ausschlafen. Abends bin ich mit Eric Alan in den Kapstäder Studios der SABC, des öffentlichen Rundfunks von Südafrika. Dort macht Eric jeden Sonntag abend von 21.00 bis Mitternacht seine Sendung "Jazz Rendezvous", heute mit mir als Co-Moderator. Und wir haben einen ganz besonderen Studiogast: Denis Goldberg wurde 1964 als einziger Weißer zusammen mit Nelson Mandela und anderen ANC-Aktivisten zu lebenslanger Haft verurteilt, allerdings kam er nicht zu seinen Gefährten nach Robben Island, sondern in ein Gefängnis für Weiße in Pretoria. Heute lebt Denis unweit seiner Geburtsstadt Cape Town in dem malerisch gelegenen Fischerstädtchen Hout Bay, wo er Schirmherr der Kronendal Music Academy ist, die Kindern aller Hautfarben und sozialen Schichten Musikunterricht gibt, sie damit von der Straße holt, ihnen Selbstbewusstsein vermittelt und bestimmt schon mehr als eine kriminelle Karriere verhindert hat. Denis erzählt im Radio von dem Projekt und hat damit hoffentlich zusätzliche Unterstützer gewonnen.
Am nächsten Tag nimmt mich Eric Alan mit zu Kapstadts neuem Internet-Radio The Taxi, wo er seit kurzem eine werktägliche Mittagssendung macht. Als er mich dem Team vorstellt, sagen die: "Du bist von multicult.fm? Das ist ja klasse!" Als ich perplex zurückfrage, woher man denn in Kapstadt unser Berliner Radio kennt, erfahre ich, dass The Taxi am ersten Sendetag Natascha Roth als Studiogast hatte, die deutsch-südafrikanische Sängerin, die schon mehrfach für multicult.fm aufgetreten ist, und die den Kapstädter Kollegen mit der Geschichte von multicult.fm Mut machen wollte.
An meinem Abreisetag besuche ich noch Inge und Jutta, die hessisch-ungarischen Schwestern, die in Kapstadt die Cedric's Lodge betreiben und auch im März in unserem ITB-Studio zu Gast waren. Vor kurzem haben sie in der Bree Street das Piroschka's eröffnet, ein kleines Restaurant, das als einziges in der Stadt deutsch-ungarische Küche bietet. Inge, die Gäste aus Deutschland abholen muss, nimmt mich mit zum Flughafen, wo meine Maschine nach Johannesburg wartet. Auf dem Flug von Jo'burg nach Frankfurt sitzt neben mir ein Mann, der nur gebrochen Englisch spricht und mir erzählt, er käme aus Nordafrika. Auf meine Frage, woher genau, druckst er etwas herum und meint dann, aus Libyen. Wie sich herausstellt, ist er der Manager der libyschen Jugend-Fußball-Nationalmannschaft, die gerade in Südafrika gespielt (und 4:0 verloren) hat. Wegen der Flugverbotszone über seiner Heimat reist er mit der Mannschaft über Frankfurt nach Tunis und dann auf dem Landweg weiter nach Tripoli. Als ich noch überlege, ob es überhaupt Sinn macht, ihn nach Politik zu fragen, sprudelt es schon aus ihm heraus: "42 Jahre sind mehr als genug. Gaddafi soll sich endlich vom Acker machen. Meinetwegen kann er all sein Geld mitnehmen. Hauptsache wir sind ihn bald los!" Viel Glück dabei.








