goldberg-rezension
Der Buch-Tipp
Denis Goldberg: Der Auftrag. Ein Leben für die Freiheit in Südafrika
Von Wolfgang König
Am 12. Juni 1964 wurden Nelson Mandela, Walter Sisulu und sechs andere Anti-Apartheid-Aktivisten im sogenannten Rivionia-Prozess zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Anschließend wurden die ganze Gruppe zur Verbüßung der Strafe auf die berüchtigte Gefängnis-Insel Robben Island im eiskalten Atlantik vor Kapstadt deportiert. Die ganze Gruppe? Nein, einer der Häftlinge kam nach Pretoria in ein spezielles Gefängnis für Weiße, denn im Apartheid-Staat wurde natürlich auch in dieser Hinsicht nach Hautfarben getrennt. Dieser eine war Denis Goldberg, dessen Autobiografie mit dem Titel "Der Auftrag. Ein Leben für die Freiheit in Südafrika" jetzt auch auf Deutsch erschienen ist. Das Buch macht ein außergewöhnliches Leben nachvollziehbar.

- Verlag: Assoziation A; 304 Seiten; 19,80 Euro
Während die meisten weißen Südafrikaner die mit ihrer Hautfarbe verbundenen Privilegien genossen und die Frustration der Schwarzen schon deshalb nicht verstanden, weil sie keinen blassen Schimmer davon hatten, wie die Mehrheit der Menschen am Kap leben musste (und es natürlich auch nicht wirklich wissen wollten), wuchs der säkulare Jude Denis Goldberg in einer Familie von kommunistischen Einwanderern auf. Menschen aller Hautfarben gingen in seinem Kapstädter Elternhaus ein und aus, so dass ihm schon früh die Absurdität der Apartheid klar wurde.
Nach dem Massaker in Sharpeville, wo die Polizei 1960 auf friedliche Demonstranten schoss und 69 Menschen tötete, gehörte der Kommunist Denis Goldberg zu denen, die Nelson Mandelas Ansicht unterstützten, dass der seit Jahrzehnten geführte politische Kampf nun auch um eine militärische Komponente ergänzt werden müsse. Der studierte Bauingenieur Goldberg wurde technischer Offizier im Regional-Kommando Western Cape von Umkhonto we Sizwe (Speer der Nation), dem bewaffneten Arm des ANC, baute Bomben und unterwies andere Kämpfer in der Herstellung von und dem Umgang mit Sprengstoffen. Obwohl der ANC wegen der Existenz von Umkhonto we Sizwe (MK) vom Apartheid-Regime als terroristische Organisation gebrandmarkt wurde, achteten die MK-Kämpfer sorgfältig darauf, dass keine Unschuldigen zu Schaden kamen. Jahrelang richteten sich die Aktionen überhaupt nicht gegen Menschen, sondern ausschließlich gegen Infrastruktur-Einrichtungen wie Telefonleitungen oder Schienen und Eisenbahn-Signalanlagen. Ziel war es, Aufmerksamkeit zu erregen und den Sicherheits-Apparat des Systems bis zur Kapazitätsgrenze auf Trab zu halten.
Als die Situation immer brenzliger wurde, beschloss die MK-Führung, dass der zweifache Vater Denis Goldberg das Land verlassen sollten. Bevor es dazu kommen konnte wurde er bei einer Razzia auf der Lillieasleaf-Farm in Rivonia bei Johannesburg mit 17 anderen Aktivisten verhaftet. Einigen gelang später die Flucht, andere mussten wegen Mangels an Beweisen freigesprochen werden; aber für Nelson Mandela, Denis Goldberg und sechs andere lautete der Richterspruch: mehrmals lebenslänglich. Die Delinquenten nahmen das Urteil mit befreitem Lachen auf, denn ihnen hatte der Galgen gedroht. Dass dieser ihnen ersparte blieb, hatten sie vor allem ihren Anwälten zu verdanken, darunter Bram Fischer, der sich mit seiner alteingesessenen burischen Familie überworfen hatte und Mitglied der illegalen Kommunistischen Partei geworden war.
Wenig später wurde Fischer selbst zu lebenslanger Haft verurteilt und war neun Jahre lang im Zentralgefängnis von Pretoria ein Leidensgenosse von Denis Goldberg, der anschaulich die Wut und Verzweiflung beschreibt, die ihn erfasste, als Bram Fischer an Krebs erkrankte und wegen der verspäteten und unzureichenden medizinischen Versorgung relativ schnell starb.

- Hier lebt Denis Goldberg heute: Blick aus seinem Arbeiszimmer in Hout Bay bei Kapstadt
Die Schilderung der Gefängnis-Jahre nimmt naturgemäß großen Raum in Denis Goldbergs Autobiografie ein. Seine Frau Esmé, die mit den Kindern Hillary und David ins Exil nach London gegangen war, sah er ebenso selten wie seine Mutter, die die Schwiegertochter in England unterstützte. Nach 15 Jahren Haft traf er auf drei neue Gefangene, die an einem Fluchtplan arbeiteten. Denis Goldberg beschloss, mit ihnen auszubrechen, musste sich aber schließlich dem Faktum stellen, dass seine Teilnahme an der Flucht das ganze Unternehmen gefährden würde. Trotzdem unterstützten er und andere Gefangene die drei, denen es schließlich gelang, das gesamte Sicherheitssystem auszutricksen und Südafrika unerkannt zu verlassen.
Zu den berührendsten Kapiteln des Buches gehört die Schilderung der folgenden drei Jahre von Denis Goldbergs Haft. Nach dem erfolgreichen Ausbruch wurden die verbliebenen politischen Gefangenen in einen anderen Teil der Haftanstalt verlegt, unmittelbar neben dem Hinrichtungstrakt. Die Häftlinge in den Todeszellen sangen jeden Abend Freiheitslieder. Denis Goldberg, der um seine vokalen Grenzen wusste, begleitete die Kameraden von seiner Zelle aus auf der Blockflöte. Damals merkte er, wieviel Kraft in Musik stecken kann. Einmal pro Woche wurde eine Gruppe von Delinquenten zum Galgen geführt. Auch dabei sangen sie, bis ihre Stimmen auf einen Schlag verstummten. Schon aus dieser Erfahrung heraus tritt Denis Goldberg heute all denen entgegen (auch wenn es sich um politische Freunde handelt), die in Südafrika die Todesstrafe wieder einführen wollen.
In den 80er Jahren kam der ANC seinem Ziel näher, Südafrika unregierbar zu machen. Das Apartheid-Regime sah sich zu Verhandlungen gezwungen, auch wenn diese vorerst geheim blieben. Der internationale Druck wuchs, und Denis Goldbergs Tochter, die in einem israelischen Kibbuz lebte, hatte mit vielen Freunden eine Kampagne zur Freilassung ihres Vaters gestartet. Unter der Bedingung, dass er das Land verlassen und sich nicht mehr persönlich am bewaffneten Kampf beteiligen würde, bot man dem zu viermal lebenslänglich Verurteilten nach 22 Jahren Haft die Freilassung an. Der disziplinierte Parteisoldat Denis Goldberg beschreibt ausführlich, wie er versuchte, auf verschlungenen Wegen mit der ANC-Führung zu kommunizieren, um deren Okay einzuholen, was allerdings nicht vollständig gelang. Trotzdem akzeptierte er schließlich das Angebot des Regimes, zumal er sich weder vom bewaffneten Kampf an sich noch von seiner früheren Beteiligung daran distanzierte. Vom Gefängnis in Pretoria wurde er schließlich 1985 direkt zum Johannesburger Flughafen gebracht, wo er in einen Jumbo der El Al einstieg. In Tel Aviv konnte er dann endlich Frau und Tochter in die Arme schließen. Auch Sohn David kam aus London, und Denis Goldberg wurde eines klar: Freiheitskämpfe haben ihren Preis, und es sind oft die Kinder, die ihn zahlen, denn sie müssen ohne Mutter und / oder Vater groß werden.
In den kommenden Jahren wurde aus dem Bauingenieur Denis Goldberg ein die Welt bereisender Agitator, der in zahllosen Reden und Interviews die Apartheid anprangerte. Außerdem gründete er in London das Unternehmen ANC Enterprises, das mit T-Shirts, Basecaps, Kugelschreibern und diversen anderen Merchandising-Produkten die Erwirtschaftung von Geld für den ANC mit cleverer PR verband. Im Büro von ANC Enterprises lernte ich Denis Goldberg 1989 kennen und war tief beeindruckt von diesem Mann, den die vielen Jahre der Haft nicht hatten kleinkriegen können. Allerdings sollte er noch weitere Schicksalsschläge zu verkraften haben, denn innerhalb von relativ kurzer Zeit wurden sowohl seine Frau Esmé als auch Tochter Hilly krank und starben. Mit seiner zweiten Frau Edelgard, die aus Thüringen stammte und von der er Deutsch lernte, ging Denis Goldberg 2002 zurück nach Südafrika. Vier Jahre lang arbeitete er in Pretoria als Berater Ministers für Forst- und Wasserwirtschaft. Danach zog er wieder nach Kapstadt. In Hout Bay, einem Fischerstädtchen an einer malerischen Bucht vor den Toren der Metropole bauten er und seine Frau ein kleines Haus, nicht im wohlhabenden weißen Ortsteil, sondern in unmittelbarer Nähe zum lokalen Township. Lange allerdings sollte das gemeinsame Glück nicht dauern, denn Ende 2006 starb auch Edelgard an Krebs.
Mit bewundernswerter Kraft hat Denis Goldberg auch diesen Verlust überstanden, und auch mit 77 Jahren ist er weit von entfernt von einem untätigen Rentnerdasein. Mit seiner Organisation The Sentinel Experience kümmert er sich mit Kulturarbeit um die Überwindung der nach wie vor existierenden Gräben zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Hout Bay. Durch ein Musikschulprogramm versucht er, den Kindern des Ortes eine Perspektive zu geben. Er äußert sich regelmäßig zu politischen Themen und lässt sich nach wie vor nicht den Mund verbieten. Außerdem ist Denis Goldberg noch immer viel unterwegs. Regelmäßig besucht er dabei Deutschland.
Ende Mai kommt er wieder mal nach Berlin, wo er am 28.5. ab 20.00 im Haus der IG Metall (Alte Jakobstr. 146 in Kreuzberg) aus seiner Autobiografie lesen wird.
